Vorkonklave in Rom: Stunde der Schlechtmacher
Die Kardinäle schacherten und intrigierten, als hätte die Papstwahl schon begonnen: Das Vorkonklave gab einen Ausblick auf die anstehende Entscheidung im Vatikan. Die Eminenzen nutzten das Aufwärmen, um eigene Botschaften zu verkünden - und die sind nicht immer erfreulich für die Kirche.
Was demnächst der neue Papst trägt, konnte man jüngst im Schaufenster von Gammarelli sehen. Pelzbesetzte Mozetta zum weißen Messgewand und handgenähte rote Lederschuhe hatte der päpstliche Hofschneider in der Auslage. Auf die Frage, woher er denn die Maße des künftigen Papstes kenne, sagte Geschäftsführer Lorenzo Gammarelli: "Ganz einfach, ich gehe von einem Mittelmaß aus."
Der neue Papst - nur Mittelmaß?
Gott bewahre, sagen dazu die Kardinäle aus aller Welt, die seit Anfang vergangener Woche täglich im Vatikan zusammenkommen, damit ab Dienstagnachmittag ein Nachfolger Benedikts XVI. gewählt werden kann. Es soll einer sein, der aus ihrer Mitte herausragt. Einer, der die krisengeschüttelte Kirche in eine bessere Zukunft führt.
Weil das keine leichte Aufgabe ist, haben sich die Beratungen vor dem Konklave hingezogen. Der Gesprächsbedarf war so enorm, dass die Redezeit pro Kardinal auf fünf Minuten begrenzt werden musste. Trotz strengster Abschirmung der Teilnehmer am Vorkonklave sickerten immer wieder Informationen aus der Versammlung nach draußen.
So haben Kardinäle aus aller Welt heftige Kritik am päpstlichen Verwaltungsapparat geübt. Ob Vatileaks, die Vatikanbank-Affäre oder der Missbrauchsskandal - alles kam auf den Tisch. Die Bevormundung der Ortskirchen müsse endlich aufhören, hieß es aus Afrika und Asien. Ein amerikanischer Kardinal mahnte, der zentrale Apparat dürfe sich nicht länger selbst bedienen, sondern solle allein für die Kirche da sein. Die Verflechtung von Vatikanbank und vatikanischer Güterverwaltung müsse aufhören, die wahren Bilanzen veröffentlicht und externe Experten geholt werden; notfalls müsse man sich auch ganz von der Vatikanbank trennen.
Klartext redete auch der deutsche Kardinal Walter Kasper - bis der Vatikan vergangene Woche ein Interviewverbot erließ. So forderte der 80-Jährige eine "horizontalere Regierung der Kirche mit mehr Kollegialität. Die Kurie muss revolutioniert werden, sie darf die Transparenz nicht fürchten." Man müsse aus den Widrigkeiten des römischen Zentralismus endlich herauskommen, denn Zentrum bedeute nicht Zentralismus.
"Es geht ziemlich zur Sache"
Die Italiener im Vatikan dagegen versuchten in ihren Redebeiträgen die angeblichen Leistungen der Kurie hervorzuheben, etwa mit einem positiv gefärbten Bericht über die Lage der Finanzen. Doch wenn sie sich zu Wort melden und berichten, was sie für eine tolle Arbeit im Vatikan gemacht haben, kommt das nicht gut an. "Es geht ziemlich zur Sache", berichteten die auskunftsfreudigen US-Kardinäle Timothy Dolan, Daniel DiNardo und Sean Patrick O'Malley bei ihren ersten Pressebriefings. Seit dem Maulkorb-Erlass vom Mittwoch sind nun auch die Amerikaner weitgehend verstummt.
Doch worum es bei dieser Papstwahl wirklich geht, ist auch so kaum zu übersehen. Selbst die meisten der Ultrakonservativen wollen nicht länger eine Kirche, wie sie seit Jahren von den beiden Vorsitzenden der Kardinalskongregation repräsentiert wird: Angelo Sodano und Tarcisio Bertone stehen für die Vergangenheit. Alle Kardinäle wissen: Diese beiden sind mitverantwortlich für die Affären um Vatileaks und Vatikanbank, die Vertuschung im Missbrauchsskandal sowie den Eklat um Holocaust-Leugner Richard Williamson.
Wir brauchen jetzt einen neuen Papst mit neuen Leuten um ihn herum, die sich um die Reparatur des Systems kümmern, lässt sich die aktuelle Stimmung beschreiben. Keinen mehr, bei allem Respekt, der wie Benedikt XVI. ewige Wahrheiten verkündet. Keinen wie Johannes Paul II., der nur durch die Welt reist und so von den Problemen der Kirche ablenkt.
Der neue Papst muss anders sein als Sodano und Bertone, da sind sich Rechte und Liberale überraschend einig. Er soll sich abheben, soll eloquenter, berühmter und klüger sein als die übrigen 114 wahlberechtigten Kardinäle, die am Dienstag ins Konklave ziehen. Und trotzdem muss er einer von ihnen sein.
Kandidat mit Obama-Faktor
Es gibt kaum eine Wahl, einen Parteitag, bei dem die hohe Kunst von Taktik, Diplomatie und Intrige so wichtig ist wie beim Konklave. Bisher ist kein Lager stark genug, um seinen Wunschkandidaten durchzubringen. Es müssen Koalitionen gebildet werden. Hochangesehene Kardinäle wie der Wiener Christoph Schönborn, der Italiener Angelo Scola oder der Brasilianer Odilo Scherer sollen zwar jeweils schon rund 40 Stimmen hinter sich haben, doch die reichen nicht. 77 Stimmen von 115 sind nötig für eine Zweidrittelmehrheit.
Mit einem wie Scherer könnten auch die Italiener leben - wenn Sie wieder den Kardinalstaatssekretär stellen dürfen, die Nummer zwei im Vatikan. Sie könnten in späteren Wahlgängen aber auch einen ihrer Außenseiter anbieten. Das wäre Angelo Comastri, ein beliebter spiritueller Charismatiker, für den vor allem die Norditaliener Sympathien haben.
Der einzige, der sich in den vergangenen Tagen als Kandidat der Herzen etablieren konnte, ist der sympathische Filipino Luis Tagle mit seinen 55 Jahren. Der einzige Kandidat mit Obama-Faktor. Aber eben ein Benjamin. Ob die Herren hier im Vatikan so viel Veränderung und einen echten Generationswechsel wollen? Eher nicht. Dabei könnte so jemand (wie auch ein Afrikaner) das schlechte Image der katholischen Kirche weltweit mit einem Schlag ändern.
Viele Gerüchte, nicht immer den Tatsachen entsprechend, machen bis zuletzt die Runde und potentielle Kandidaten werden seit Tagen auf Schwachpunkte durchleuchtet. Der neue Papst dürfe nicht gleich wieder von den Medien zerrissen werden.
Schlechtmachen gehört zum guten Ton
Beim anfangs als hoch papabile eingestuften Kanadier Marc Ouellet etwa wird über dessen Bruder getuschelt, der zugab, sich an zwei jungen Mädchen vergriffen zu haben. In einem Interview im kanadischen Radio sagte der Kardinal selbst dieser Tage: "Es gibt geeignetere Kandidaten als mich." Vielleicht schaffen es Ouellet oder der Italiener Leonardo Sandri zum Staatssekretär, wenn ein Brasilianer wie Scherer Papst wird. Dem favorisierten Angelo Scola wird eine unverständliche Theologie und zu viel Nähe zur politischen Rechten Italiens angelastet; dem ebenfalls höchst aussichtsreichen Kardinal von Boston sein angeblich zögerliches Verhalten bei der Aufdeckung von Missbrauch.
Das Schlechtmachen der Kandidaten gehört zum guten römischen Ton beim Vorkonklave. So wie das unverfrorene Werben für die eigenen Lieblingskandidaten.
Der deutsche Kardinal Walter Brandmüller hat dafür gut vorgesorgt. Er ließ im Vorfeld seinen Weinkeller reichlich auffüllen und empfängt in seiner Wohnung direkt über der Sakristei von St. Peter täglich andere Kardinäle. Brandmüller zählt zu den streng Konservativen; er wirbt für Albert Malcolm Ranjith Patabendige Don aus Sri Lanka. Von dem ist zum Beispiel bekannt, dass er seine Priester auch von den Piusbrüdern ausbilden lassen will.
Die Kardinäle jedenfalls freuen sich, dass es nun endlich losgeht. Die meisten rechnen damit, frühestens Mittwochnachmittag oder wahrscheinlicher am Donnerstag einen neuen Papst zu haben.
Dass es bis zu einer Entscheidung nicht mehr allzu lange dauern wird, sieht man auch am Atelier von Hofschneider Gammarelli. Dessen Schaufenster war zum Wochenende bereits ausgeräumt; die roten Schuhe und der pelzbesetzte Umhang (Kaninchen!) sind unterwegs zum Vatikan.
"Welches Maß der neue Papst genau hat, sehen wir alle in wenigen Tagen", sagt Gammarelli. Und was macht er mit seinem Vorab-Maß? "Ändern kann man Mittelmaß immer. Dazu gehe ich dann einfach zum neuen Papst in den Vatikan."
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