Prinzessin unter Verdacht Tiefpunkt für Spaniens Monarchie

Es ist ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der spanischen Monarchie: Infantin Cristina muss als Verdächtige vor Gericht erscheinen. Für das ohnehin angeschlagene Königshaus ist die Vorladung eine weitere Demütigung.

AFP

Von Angelika Stucke, Madrid


Zur traditionellen spanischen Mittagszeit schlug die Nachricht am Mittwoch ein wie eine Bombe: Infantin Cristina, zweitgeborenes Kind von König Juan Carlos, wird sich sehr wahrscheinlich als Verdächtige vor Gericht verantworten müssen - im Prozess gegen ihren Ehemann Iñaki Urdangarín, dem Veruntreuung öffentlichen Geldes vorgeworfen wird.

Gegen die Empfehlung der Staatsanwaltschaft bestellte Ermittlungsrichter José Castro die 47-Jährige für den 27. April als Verdächtige zur Vernehmung. Sie nicht vorzuladen, hieße "das Gebot verletzen, wonach jeder vor der Justiz gleich ist", sagte der Richter. Es ist das erste Mal in der Geschichte der spanischen Monarchie, dass die Justiz gegen einen direkten Nachkommen des Königs ermittelt.

Das Königshaus zeigte sich von der Vorladung überrascht. "Wir haben von der Entscheidung des Richters über die Presse erfahren", sagte ein Sprecher. Bis vor kurzem war Cristina nicht öffentlich mit dem Skandal in Verbindung gebracht worden - das hat sich nun grundlegend geändert, auch wenn die Staatsanwaltschaft nach eigener Aussage "überhaupt keinen Hinweis auf irgendeine Beteiligung an irgendeinem Gesetzesverstoß" sieht.

"Ihr Starrsinn fügt dem Königshaus Schaden zu"

Über eine gemeinnützige Stiftung sollen Urdangarín und ein früherer Geschäftspartner Geld der Regionalregierungen auf den Balearen und in Valencia veruntreut haben. Den beiden wird auch Steuerbetrug vorgeworfen. Prinzessin Cristina war Mitglied im Direktorium der Stiftung. Aus Unterlagen, die dem Richter vorliegen, gehe hervor, dass die Infantin nicht nur ihren Namen für die Vorstandsposten hergegeben habe, sondern an unternehmerischen Entscheidungen beteiligt war.

"Wenn Cristina wirklich vor Gericht erscheinen muss, sollte sie anstandshalber auf Titel und Thronfolge verzichten", sagt der spanische Buchautor und Königshaus-Experte José Infante Martos. "Eigentlich ist es unverständlich, dass sie nicht längst auf ihre Privilegien verzichtet hat. Ihr Starrsinn fügt dem Königshaus jetzt unnötigen Schaden zu."

Die heutige spanische Monarchie besteht erst seit 1975, als König Juan Carlos dem Diktator Franco auf dessen Wunsch hin als Staatsoberhaupt folgte. Er werde als Juan Carlos der Kurzfristige in die Geschichte eingehen, witzelte man damals. Niemand gab etwas auf den Mann, der im Schatten des Diktators aufgewachsen war. Aber spätestens als Juan Carlos 1981 den Putschversuch des Militärs vereitelte und damit die junge Demokratie rettete, entdeckten die Spanier ihre Liebe zum König. Es gebe nicht viele Monarchisten im Land, aber viele Juancarlisten, hieß es lange. Mit dieser Weisheit scheint es nun vorbei zu sein.

"Als ich mein Buch vor zehn Jahren schrieb, war ich überzeugt davon, dass unsere Monarchie frühestens ins Wanken geraten wird, wenn König Juan Carlos einmal stirbt", sagt Infante Martos. "Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher."

Republikanische Flaggen bei Demonstrationen

Tatsächlich stand es noch nie so schlecht um das Königshaus, das in Europa lange als Paradebeispiel für Skandalfreiheit galt. Heute kann einzig Königin Sofía noch von sich behaupten, der Würde ihres Standes stets gerecht zu werden. Das Ansehen des Königs dagegen hat enorm gelitten - durch seine Teilnahme an einer Elefantenjagd und dem damit verbundenen Bekanntwerden seiner Affäre mit Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Selbst eine öffentliche Entschuldigung konnte da nicht mehr viel helfen. Er wurde ausgebuht, und bei Demonstrationen schwenken immer mehr Spanier republikanische Flaggen.

Auch das Kronprinzenpaar steht in der Kritik. "Felipe zieht lange Gesichter, zum Beispiel beim offiziellen Fototermin", sagt Infante Martos. "Und Letizia hat immer weniger Lust, sich dem Hofprotokoll unterzuordnen. Sie langweilt sich. Das merkt man ihr an." Nach der Amtseinführung des neuen Papstes habe das Paar traditionsgemäß einen Empfang für die Kardinäle in der spanischen Botschaft in Rom gegeben. "Letizia ignorierte sämtliche Gäste und telefonierte die ganze Zeit nur mit ihrem Handy", erzählt er. "Kaum legte sie auf, ging sie zu Felipe und forderte ihn auf, zu gehen".

Dass das Ende der Monarchie in Spanien nah sei, glaubt Infante Martos trotzdem nicht. "Dafür müsste die Verfassung geändert werden, und dazu ist keine der großen Parteien bereit. Denn dann kämen auch Fragen nach dem ungerechten spanischen Wahlrecht auf, das der meistgewählten Partei noch mehr Sitze schenkt. Daran haben weder PP noch PSOE Interesse."

Juan Carlos täte also gut daran, wenn er dem Rat des Publizisten Andrew Morton folgte. Der britische Königshaus-Experte riet ihm erst kürzlich während der Präsentation seines Buches "Ladies of Spain" in Madrid: "Bleib ruhig, Kumpel, und sitz es aus!"

Vielleicht entpuppt sich der jüngste Sturm um die spanische Monarchie auch als laues Lüftchen, und Infantin Cristina muss am 27. April gar nicht vor Gericht erscheinen. Die Staatsanwaltschaft kündigte bereits an, ihre Vorladung anfechten zu wollen.

Mit Material der Agenturen

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Seite 1
cs01 04.04.2013
1. optional
Warum soll eine Gerichtsvorladung ein Problem sein. Nur wenn sie verurteilt würde, wäre es aus meiner Sicht problematisch. Ansonsten sollte für sie, wie für alle anderen auch die Unschuldsvermutung gelten.
cs01 04.04.2013
2. optional
Warum soll eine Gerichtsvorladung ein Problem sein. Nur wenn sie verurteilt würde, wäre es aus meiner Sicht problematisch. Ansonsten sollte für sie, wie für alle anderen auch die Unschuldsvermutung gelten.
cs01 04.04.2013
3. optional
Warum soll eine Gerichtsvorladung ein Problem sein. Nur wenn sie verurteilt würde, wäre es aus meiner Sicht problematisch. Ansonsten sollte für sie, wie für alle anderen auch die Unschuldsvermutung gelten.
cs01 04.04.2013
4. optional
Warum soll eine Gerichtsvorladung ein Problem sein. Nur wenn sie verurteilt würde, wäre es aus meiner Sicht problematisch. Ansonsten sollte für sie, wie für alle anderen auch die Unschuldsvermutung gelten.
Driver 04.04.2013
5. Elefantenjagd
Man muß wohl eher die Photos des Königs nach der Elefantenjagd als Tiefpunkt betrachten. Scheinbar gebildeter Mensch, zudem noch WWF-Ehrenpräsident, der solch ein hochgradig asoziales Hobby betreibt. Bei der nächsten Elefantenjagd sollte er es mal mit Holzknüppeln probieren - es wird sich bestimmt ein Bulle finden, der den dann ausgeglicheneren Kampf annimmt.
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