Diktatoren-Wahlkampf Beppe Grillo kämpft sich durch Meerenge von Messina

Wahlkampf auf Italienisch: Der 64-jährige Polit-Berserker Beppe Grillo ist bei strömendem Regen von Kalabrien nach Sizilien geschwommen. Bei seiner Ankunft ließ er sich feiern, wurde aber auch heftig kritisiert: Die Idee zum Bad für die Menge hatten schon Mao und Mussolini.

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Messina - Eine Stunde und 17 Minuten brauchte Beppe Grillo, um die Meerenge von Messina zu durchqueren. Gestartet war er am Mittwoch bei strömendem Regen im kalabrischen Cannitello auf dem italienischen Festland.

Auf den letzten Metern der etwa drei Kilometer langen Strecke feuerten ihn rund 300 Anhänger begeistert an: "Vai, vai, Beppe, du bist fast da, halt durch!" Kaum in Messina angekommen, riss sich Grillo in Siegerpose die Badekappe vom Kopf und brachte das lange graue Haar mit Meerwasser in Form.

"Dies ist die dritte Landung in Sizilien in 150 Jahren", tönt der Komiker wenig bescheiden auf seinem Blog. "Als Erstes kam Garibaldi, der das Haus Savoyen brachte, als Zweites kamen die Amerikaner, die die Mafia brachten, als Drittes komme ich mit der 'Fünf-Sterne-Bewegung'. Aber weder Garibaldi noch Nino Bixio oder Lucky Luciano sind nach Sizilien geschwommen."

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Beppe Grillo: Wahlkampf im Wasser
"Beppe, du bist verrückt", schrieb ein Anhänger des Polit-Berserkers als Kommentar zu der Aktion - und drückte damit recht gut die Sympathie aus, die viele junge Leute für Grillo hegen, obwohl dieser immer wieder mit populistischen Aktionen für Verärgerung und Verwirrung auch unter seinen Fans sorgt.

Grillo, der Ex-Premier Silvio Berlusconi einst öffentlichkeitswirksam als "Psycho-Zwerg" bezeichnete, galt lange als Kasper unter den Polit-Aktivisten. Inzwischen wird er mit seiner brachialen Opposition gegen sämtliche etablierten politischen Kräfte im Land als ernstzunehmende Bedrohung für andere Parteien bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2013 gehandelt.

"Typische Geste der Diktatoren"

Nach überstandenem Tauchgang will Grillo jetzt 35 Orte in Sizilien besuchen und vor den Regionalwahlen Ende Oktober die Werbetrommel für seine Bewegung rühren. Die von Mafia, Korruption und Vetternwirtschaft gebeutelte Insel ist hoch verschuldet, EU-Gelder versickern in unbekannten Kanälen, Politiker bereichern sich auf Kosten der Steuerzahler, die Zahl der über Beziehungen ins Amt gehievten Staatsbeamten ist grotesk hoch.

Die Meerenge von Messina ist ein symbolträchtiger Ort, denn eben hier wollte Berlusconi für geschätzte vier Milliarden Euro bis zum Jahr 2012 eine Brücke bauen. Die Regierung Romano Prodi stoppte das Projekt 2006, der Premier trieb es ab 2008 erneut voran. Derzeit ist völlig unklar, ob das 3,3 Kilometer lange Bauwerk je entstehen wird.

Der Marathon von Grillo zeige, "dass die Brücke niemandem etwas nützt, es ist besser zu schwimmen", scherzte Giancarlo Cancelleri, der Kandidat der sogenannten Fünf-Sterne-Bewegung auf den Posten des Regionspräsidenten. Bevor man an den Bau der Brücke denke, sollten lieber die Straßen gebaut oder auf Vordermann gebracht werden, so Cancelleri.

Grillo ist nicht der erste Politiker, der sich vor laufenden Kameras in die Fluten stürzt. Schon Diktator Benito Mussolini ließ sich für Wochenschauen im Meer porträtieren, Chinas Mao Zedong durchschwamm zu Beginn der Kulturrevolution im Jahr 1966 den Jangtse-Strom. Mao war damals mit 73 ein betagter Mann und wollte Stärke und Dynamik zeigen.

Ausgerechnet der ehemalige Bürgermeister der in Sizilien wegen mafiöser Unterwanderung berüchtigten Stadt Salemi monierte diese Reihe unrühmlicher Vorgänger beim Bad in der Menge: "Es ist ein Ignorant, der da schwimmt, dick und unansehnlich", pöbelte er. Grillo habe nicht für seine Ideen werben wollen, sondern mit einer typischen Geste der Diktatoren von sich reden gemacht - "eine Demonstration seines politischen Konzepts".

Beppe Grillo selbst sieht sich keineswegs als Diktator, vielmehr als "Detonator" - einen Mann, der mit Sprengkraft Politik betreibt.

ala

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
adazaurak 11.10.2012
1. alternativlos
alternativlos, das die BRDt den Mafiasumpf dort unten via EU fianziert
Albanodabango 11.10.2012
2. Sportliches Vorbild
1 Stunde und 17 Minuten für 3 Kilometer im offenen Meer, das ist doch eine schöne Leistung für einen 64-jährigen. Vielleicht kann man das einfach mal so würdigen?
Stäffelesrutscher 11.10.2012
3.
Zitat von sysopREUTERSWahlkampf auf italienisch: Der 64-jährige Polit-Berserker Beppe Grillo ist bei strömendem Regen von Kalabrien nach Sizilien geschwommen. Bei seiner Ankunft ließ er sich feiern, wurde aber auch heftig kritisiert: Die Idee zum Bad für die Menge hatten schon Mao und Mussolini. http://www.spiegel.de/panorama/wahlkampf-beppe-grillo-schwimmt-durch-meerenge-von-messina-a-860643.html
Was ist den das für eine tendenziöse Schlagzeile, ergänzt um "Diktatoren-Wahlkampf"? Hat sich in Deutschland niemals jemand in den Rhein gestürzt? Klaus Töpfer etwa?
birdseedmusic 11.10.2012
4. Klasse Leistung
1:17 Minuten ist eine tolle Leistung, bedenkt man das Alter und dass er durchaus ein stämmiger Typ ist, der ne Menge Körpergewicht mit sich herumschleppt. Ohne eine diszipliniertes Training ist so eine Leistung kaum zu schaffen. Respekt!
verdreckter_ermittler 11.10.2012
5. optional
Und, was ist denn nun das politische Konzept des Herrn Grillo? Just an dieser Stelle hört der Artikel auf. SPON hat längst BILD-Niveau erreicht, sachliche Information weicht immer mehr sensationserheischenden Geschichten, lediglich die Zielgruppe ist eine andere (BILDungsbürger). Halten wir also zum Thema dieses Artikels fest: Beppe Grillo = Diktatorenwahlkampf, sein Bild bleibt dann im Gedächtnis neben Mao und Mussolini platziert ...
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