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25. Januar 2002, 16:58 Uhr

Wahlkampf

Die schillernden Schläfen des Bundeskanzlers

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Zurzeit brennt es in der Regierung an allen Ecken: Der umstrittene Airbus-Deal, die V-Mann-Panne, die schlechten Wirtschaftsdaten. Dennoch bleibt Zeit für die wirklich bedeutenden Fragen des Lebens. Über seinen Anwalt ließ der Kanzler klarstellen, dass seine Haare nicht gefärbt sind.

Berlin/Hamburg - Überall muss der Regierungschef in diesen Tagen kleine und größere Brände löschen. Für private Nöte bleibt da kaum noch Zeit.

Für wirklich wichtige Dinge hat Gerhard Schröder jedoch eifrige Helfer - in diesem Fall die renommierte Hamburger Anwaltskanzlei Buse, Heberer und Fromm. Die Juristen hatten schon in den letzten Jahren mehrere Aufträge des Kanzlers bearbeitet, vor allem wenn es um den Umgang mit der manchmal geliebten, dann wieder gescholtenen Presse ging.
 

Kanzler Schröder 2002 Schröder 2000 Kanzlerkandidat Schröder 1998 Niedersachsens Ministerpräsident Schröder 1996
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In diesen Tagen wandten sich die Anwälte an die Nachrichtenagentur ddp in Berlin. In einem förmlichen Brief forderten die Juristen die Agentur dringend um die Lösung eines sehr wichtigen Problems: "Die Schläfen/Haare des Bundeskanzlers sind nicht gefärbt", stellten die Anwälte formaljuristisch fest. Weiterhin forderte die Kanzlei den ddp-Chefredakteur Bernd von Jutrczenka auf, diese brisante News mit einer Richtigstellung der interessierten Weltöffentlichkeit mitzuteilen. Der Nachrichtendienst beugte sich der Forderung und verbreitete die Mitteilung am Freitag.

Färbt er oder färbt er nicht?

Hintergrund für den haarigen Streit war eine ddp-Meldung vom vergangenen Mittwoch. Darin hatte die Imageberaterin Sabine Schwind von Egelstein geäußert, dass es der "Überzeugungskraft" des Kanzlers zugute kommen würde, "wenn er sich die grauen Schläfen nicht wegtönen würde." Im restlichen Beitrag, in dem Kanzler mit seinem bayerischen Herausforderer Edmund Stoiber verglichen wurde, kam der SPD-Politiker ganz gut weg.

Doch der Satz über die Haare passte dem Kanzler nicht, und er schaltete seine Kanzlei ein. "Wir haben uns über die Aufregung gewundert, da ja schon oft über die Haartracht des Kanzlers berichtet wurde, doch wir haben die Richtigstellung natürlich verbreitet", kommentierte von Jutrczenka den Streit zwischen der Agentur und dem Kanzler. Ob die Darstellung über die Kanzler-Frisur allerdings unwahr sind, wie die Juristen schreiben, konnte der Agenturchef nicht verifizieren. "Schließlich bin ich kein Haarspezialist", musste er einräumen.

In Zukunft werde man sich mit solchen Aussagen zur Haarpracht des Regierungschefs zurückhalten, um keine weiteren Streitereien zu riskieren. Der Kanzler kann also zufrieden sein.

Noch nicht genug der Schönfärberei? Dann lesen Sie weiter im 2. Teil: "Ein für alle Mal vom Tisch!"

Für die Schröder-Juristen ist oberstes Ziel, weitere Meldungen über die Haarfarbe des Kanzlers im anlaufenden Wahlkampf zu verhindern. "Wir hoffen, diese Sache und das ganze Thema ist damit ein für allen Mal vom Tisch", sagte der verantwortliche Anwalt Michael Nesselhauf. Andere Medien, so der Anwalt, würden sich hoffentlich nach diesem Verfahren an die Regeln halten. Alle, die sich nicht konform verhielten, müssten auch in Zukunft mit Unterlassungsklagen rechnen.

Neu ist der Streit um Schröders Haartracht nicht. Schon im Wahlkampf 1998 gab es immer wieder Meldungen über die Haartönungen des Kanzlers. Zu auffällig, sinnierten verschiedene Zeitungen damals, sei der Farbwechsel von einem rötlichen Haar des damaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens zu dem fast tiefschwarzen Ton, den er als Regierungschef trug. Schon damals hatte Schröder die betreffenden Journalisten mit Missgunst bestraft. News vom Kanzler-Haar, so scheint es, sollen in Zukunft nicht mehr vorkommen. Wenn doch, kommt Post vom Kanzler-Anwalt.

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