Waldbrände in Griechenland Der Tag, als Herr Katsargyris im dichten Rauch verschwand

Fast hundert Menschen starben bei Waldbränden nahe Athen. Hinterbliebene der Opfer werfen Behörden schwere Fehler vor - sie wollen Verantwortliche vor Gericht sehen.

Aus Neos Voutzas berichtet


Der 21. Juli war für Vasiliki Katsargyri ein Freudentag. An jenem Samstag heiratete ihre Tochter Georgia. Sie war eigens dafür aus den USA nach Griechenland gekommen, Katsargyris Sohn reiste aus Deutschland an. Mit ein paar Freunden wohnten sie in Katsargyris Haus in Neos Voutzas, einem Ort etwa 30 Kilometer östlich von Athen.

Die Freude hielt nur zwei Tage.

Am Montag, dem 23. Juli, starb Katsargyris Ehemann Vasilis. Er ist einer der 99 Todesopfer der Waldbrände, die im Sommer bei Athen wüteten.

Das Feuer brach gegen 16.30 Uhr am Pendeli-Berg nördlich von Athen aus. Starker Wind fachte die Flammen an. Nach einigen Stunden waren Neos Voutzas und der benachbarte Ort Mati verwüstet. Die verbrannte Leiche von Vasilis Katsargyris wurde wenige Hundert Meter vom Haus der Familie gefunden, genauso wie die Leiche einer Frau, die bei der Familie zur Miete wohnte.

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Waldbrände in Griechenland: Inferno bei Athen

Vasiliki Katsargyri verlangt Gerechtigkeit. Sie macht Behördenmitarbeiter für den Tod ihres Mannes verantwortlich und möchte sie bestraft sehen. Gemeinsam mit ihrer Tochter Georgia und dem Sohn ihrer Mieterin hat sie Beschwerde eingereicht, die erste ihrer Art. Viele Überlebende und Angehörige der Todesopfer haben es ihr inzwischen gleichgetan, andere wollen folgen.

In dem Dokument, das der SPIEGEL einsehen konnte, ist von einer Katastrophe biblischen Ausmaßes die Rede, ausgelöst durch "schwere und kriminelle Versäumnisse". Die Beschwerde, adressiert an die Staatsanwaltschaft, richtet sich gegen den früheren Generalsekretär des Zivilschutzes, den Gouverneur der Region, örtliche Bürgermeister, die Feuerwehr und Polizisten. Die Vorwürfe umfassen unter anderem fahrlässige Tötung.

Niemand sagte ihnen, wohin sie flüchten sollen

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Waldbrände in Griechenland: Inferno bei Athen

Die Beschwerde von Vasiliki Katsargyri beschreibt bis ins Detail, wie die Familie von den Behörden alleingelassen wurde. Als sie bemerkte, dass Rauch in Richtung des Hauses zog, schloss sie sich ein. Der Rauch wurde immer dichter. Niemand sagte, was Katsargyri und ihre Angehörigen tun oder wohin sie flüchten sollten. Sie entschieden sich, zum Meer zu gehen. Vasilis Katsargyris sagte seiner Frau, sie solle mit den anderen Familienmitgliedern und den Gästen mit dem Auto fahren. Er selbst werde bald mit dem zweiten Wagen folgen.

Das war um 18 Uhr an jenem 23. Juli. Wenige Minuten später erhielt Vasiliki Katsargyri einen Anruf ihres Mannes. Das Garagentor öffnete sich nicht, der Strom war ausgefallen. Vasilis Katsargyris bat seine Frau, ihn abzuholen, sobald sie die anderen Personen in Sicherheit gebracht habe. Das Paar sah sich nicht wieder.

Als Vasiliki Katsargyri zu ihrem Mann wollte, waren bereits alle Straßen von der Polizei gesperrt. Erst Stunden später schaffte sie es mithilfe eines freiwilligen Helfers zu ihrem Haus. Das zweite Auto war immer noch in der Garage, ihr Mann war verschwunden.

Seine Leiche lag etwa 350 Meter entfernt, zusammen mit den sterblichen Überresten der Mieterin.

Minister machten alles verantwortlich, nur nicht sich selbst

An einem warmen Septembervormittag steht Vasiliki Katsargyri im Garten ihres Hauses in Neos Voutzas. Sie trägt schwarze Kleidung, eine OP-Maske und räumt Schutt weg. Der Boden verbrannt, die Bäume schwarz - die Szenerie erinnert an das Inferno, das noch nicht einmal zwei Monate her ist und Neos Voutzas verändert hat. Katsargyri lebt seit dem Feuer in einem Viertel der Witwen und Witwer.

Anwalt Antonis Fousas vertritt die Familie. "Meine Mandanten fordern ein Kriminalverfahren gegen die Verantwortlichen. In einem Zivilprozess werden wir Schadensersatz verlangen", sagt Fousas dem SPIEGEL. Er rechnet damit, dass schon Ende des Monats Anklage erhoben werden könnte. Bis dahin soll die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen abgeschlossen haben.

Anwalt Fousas
Antonis Fousas

Anwalt Fousas

Während Vasiliki Katsargyri ihren Garten aufräumte, besuchte Premierminister Alexis Tsipras wenige Kilometer entfernt die verwüstete Gegend in Mati. "Ich bin hier, um die Botschaft zu senden, dass Mati nicht in Vergessenheit geraten wird", sagte Tsipras.

Experten konstatieren ein Systemversagen

Seine Worte konnten die Anwohner kaum trösten. Viele Einheimische haben ihr Haus, ihr Hab und Hut und oft auch Angehörige verloren. Sie müssen nicht nur ihre Trauer verarbeiten - auch die Wut auf die Behörden hält an.

In den Tagen nach dem Feuer ließen Minister und andere Offizielle verlauten, die Katastrophe sei nicht zu verhindern gewesen. Sie machten alles verantwortlich, nur nicht sich selbst: Das Feuer sei zu groß gewesen, der Wind zu stark, die Feuerwehr überlastet. Illegal errichtete Bauten hätten Flüchtenden den Weg zum Meer versperrt, die Straßen in der Gegend glichen einem Labyrinth.

Das alles mag nicht falsch sein. Aber dass der Tod so vieler Menschen nicht zu verhindern gewesen sein soll, wollen die Hinterbliebenen nicht akzeptieren. Sie sprechen von grober Fahrlässigkeit. In den Tagen nach dem Feuer meldeten sich immer mehr Zeugen zu Wort. Zudem konstatierten Experten für Brandbekämpfung ein Systemversagen.

Das Feuer war nicht direkt nach Ausbruch bekämpft worden. Feuerwehrleute waren in den Westen der Region Attika geschickt worden, weil es dort ebenfalls brannte. Warnungen vor der hohen Feuergefahr bei Mati und Neos Voutzas wurden ignoriert.

Lokale und regionale Behörden koordinierten ihren Einsatz nicht. Es gab keine Präventionsmaßnahmen, keinen Notfallplan, keine organisierte Evakuierung. Warnungen per SMS wurden nicht verschickt, Polizisten, die den Verkehr regeln sollten, ignorierten die örtlichen Gegebenheiten. Anwohner waren auf sich allein gestellt, ohne Hilfe von denen, die geschworen hatten, Bürger zu schützen.



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