Waldbrand in Brandenburg "Ein ganzes Leben vor dem Feuer"

Drei Dörfer südlich von Potsdam mussten wegen des enormen Waldbrands evakuiert werden. Die ersten Einwohner dürfen zwar in ihre Häuser zurück. Doch die Gefahr ist noch lange nicht gebannt.

Von , Treuenbrietzen


Am Donnerstagnachmittag sah Vera Wäsch das Feuer. Es sei zu diesem Zeitpunkt allerhöchstens zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt gewesen, sagt die Krankenschwester. Auf dem Foto, das sie machte, scheinen die Flammen noch näher, als brannten sie gleich hinter dem Garten des Nachbarn. Gegen halb zehn am Abend musste sie ihr Haus in Frohnsdorf dann verlassen: Evakuierung.

Die Nacht hat Wäsch bei ihrer Tochter im nahe gelegenen Treuenbrietzen verbracht. Am Freitagmorgen steht sie, gemeinsam mit mehreren Dutzend der etwa 500 Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, vor der Stadthalle des Ortes, die man zur Notunterkunft umfunktioniert hat. "Man fühlt sich so hilflos", sagt Wäsch, seit mehr als 30 Jahren lebt sie in Frohnsdorf. "Es ist ja die ganze Existenz, die da auf dem Spiel steht; ein ganzes Leben vor dem Feuer."

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Waldbrand in Brandenburg: Kampf gegen die Flammen

Nur 50 Kilometer südwestlich von Berlin brennen seit Donnerstag die Wälder. Zwischenzeitlich war eine Fläche von 400 Hektar betroffen. An manchen Stellen hatte sich das Feuer bis auf 100 Meter an Wohnorte herangefressen. Die Brandursache ist noch immer unklar. Neben Frohnsdorf wurden auch Tiefenbrunnen und Klausdorf evakuiert.

Vom Bahnhof in Treuenbrietzen aus sind Rauchsäulen zu sehen, die zu den Wolken aufschließen. Die Regionalbahn fährt die letzten drei Stationen nicht mehr an. Ein Löschhubschrauber der Bundeswehr schwebt über einem nahe gelegenen Baggersee, füllt seinen Kübel mit Wasser, fliegt zurück zur Brandstelle und leert den Kübel 50 bis 70 Meter über dem Boden. Rund 600 Einsatzkräfte kämpfen gegen das Feuer, aus ganz Brandenburg wurden sie zusammengezogen. Immer wieder sind auch in Treuenbrietzen Feuerwehrsirenen zu hören.

Vera Wäsch
SPIEGEL ONLINE

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Vor der Stadthalle: Ungewissheit. Alles, was Vera Wäsch mitgenommen hat, passt in ihren Rucksack: "Perso, Karten, Versicherungspapiere und Bilder von Verwandten, die nicht mehr leben." Die Bilder ließen sich nicht mehr ersetzen, wenn sie verloren gehen, alles andere schon. Deshalb habe sie auch nicht mehr mitgenommen.

Die Auswirkungen des Feuers trafen auch Potsdam und Berlin. "Ich habe mit meiner anderen Tochter, die in Berlin lebt, telefoniert", sagt Wäsch. "Wegen der Geruchsbelästigung musste sie ihre Fenster schließen." Die Arbeitskollegen in Potsdam hätten Ähnliches geschildert.

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In den betroffenen Gemeinden sei die Solidarität in dieser Situation groß, sagt Wäsch. Das zeige sich schon daran, dass fast alle, die ihre Häuser verlassen mussten, bei Freunden und Verwandten untergekommen seien.

Tatsächlich haben nur 21 von etwa 500 Betroffenen in der Sporthalle übernachtet. Die meisten Turnmatten, die zur Verfügung gestellt wurden, sehen unbenutzt aus. Um die aufgestellten Tische herum sitzt eine Handvoll Menschen. Einer von ihnen ist Herbert Zienicke. Seit mehr als 50 Jahren wohnt er in Frohnsdorf.

Das Feuer habe er zum ersten Mal schon Donnerstagmittag gesehen, erzählt Zienicke. In der Folge breiteten sich die Brände sehr schnell aus. "Gegen 17 Uhr habe ich dann zum ersten Mal gehört: Frohnsdorf wird evakuiert." In Treuenbrietzen habe ihm ein Eigentümer mehrerer Ferienwohnungen eine der Wohnungen zum Übernachten angeboten.

Satellitenbild, auf dem die Brandfläche schraffiert eingezeichnet ist
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Zienicke erzählt vom Frühstück in der Notunterkunft, das sehr gut gewesen sei, und lobt die Arbeit der Einsatzkräfte, als sich die Halle in mehreren großen Schüben füllt. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Michael Knape, der Bürgermeister von Treuenbrietzen, treten vor die Bürger.

"Die Evakuierung von Frohnsdorf ist aufgehoben", sagt Woidke. Applaus in der Halle. Es sei gelungen, das Feuer von den Häusern fernzuhalten, sagt Knape. Noch kein einziges Haus habe Schaden genommen. Erneuter Applaus. Endgültige Entwarnung gebe es aber noch nicht. Wann die Bewohner von Klausdorf und Tiefenbrunnen in ihre Häuser zurückkehren könnten, lasse sich noch nicht sagen. Denn immer wieder könne der Wind drehen. Mit einem endgültigen Ende des Einsatzes sei erst in mehreren Tagen zu rechnen.

Draußen vor der Halle hat auch Vera Wäsch die Neuigkeiten mitbekommen. "Ich bin erstmal erleichtert", sagt sie. Nach Hause fahren wolle sie aber erst heute Abend. "Den Freitag verbringe ich immer mit meinen Enkelkindern, das soll auch heute so bleiben. In einem Punkt ist sie sich mit so gut wie allen Anwesenden einig: Den Rettungskräften gebühre großer Dank für die strapaziöse und gefährliche Arbeit. Ganz beruhigt sei sie aber noch nicht. Viel werde in den nächsten Tagen vom Wetter abhängen. "Die Lage ist noch nicht überstanden."



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