Waldbrand in Fichtenwalde Das Inferno nebenan

Einen Tag lang mussten die Einwohner Fichtenwaldes bangen: Ein Waldbrand bedrohte den Ort bei Potsdam. Nun haben Einsatzkräfte das Feuer unter Kontrolle - doch Funken sind noch immer eine Gefahr.

SPIEGEL ONLINE

Aus Fichtenwalde berichtet


Es ist schwül und heiß. Seit Tagen steht die Hitze in Fichtenwalde. Wochenlang haben die Wiesen und Wälder rund um die kleine Ortschaft südwestlich von Potsdam kein Wasser gesehen. Als Meike Johannink am Donnerstagnachmittag aus ihrem Fenster sieht, freut sie sich zuerst. Der Himmel über den Kiefern, die an ihr Holzhaus grenzen, hat sich dunkel verfärbt. "Endlich kommt ein Gewitter", denkt die Heilpraktikerin.

Wenig später fällt ihr ein merkwürdiges Detail auf: Aschefetzen fliegen in ihren Garten, der Himmel leuchtet gelblich. Als die 52-Jährige das Fenster öffnet, riecht es, als ob ein Nachbar einen großen Ofen befeuern würde. Es brennt - und zwar nur einige hundert Meter hinter ihr.

Sofort ruft sie ihren Mann an. Tilo Köhn arbeitet an der Universität Potsdam, seit 2001 ist er Ortsvorsteher von Fichtenwalde. "Alarmier' die Feuerwehr, ich mache mich auf den Weg", sagt er zu seiner Frau. Seit 1995 lebt Köhn am Waldrand. Hinter dem Grundstück erstreckt sich ein riesiger, dichter Kiefernwald. Brände kennen die Menschen hier gut. Doch noch nie ist das Feuer ihren Häusern so nah gekommen.

Waldbrand-Experte: "Für Extremsituationen nicht richtig aufgestellt"

SPIEGEL ONLINE; dpa

Als Meike Johannink die Feuerwehr alarmiert, sind die Einsatzkräfte bereits mit ersten Löschfahrzeugen unterwegs. An der Autobahn A9 brennt eine Böschung, schnell fressen sich die Flammen durch den Wald. Wegen der Trockenheit breitet sich das Feuer rasant aus. Bald brennen rund 50 Hektar, die dichten Rauchschwaden sind bis nach Potsdam zu sehen und hüllen die Häuser am Waldrand ein. Die Polizei sperrt Teilstücke der A 9 und A10. Das Innenministerium in Potsdam richtet einen Krisenstab ein.

Angela Fromhold-Treu kommt gerade von der Ostsee zurück, als sie von der Autobahn aus die riesige Rauchsäule sieht. Der Verkehr staut sich bereits, Polizisten stehen am Fahrbahnrand. "Wo brennt es denn genau?", fragt sie einen Beamten. "Bei Fichtenwalde, das geht so 400 Meter rein", antwortet er. "Da wohne ich", sagt die 56-Jährige.

Fotostrecke

11  Bilder
Waldbrand: Großeinsatz in Fichtenwalde

An der nächsten Ausfahrt fährt sie ab und nimmt einen anderen Weg zurück. Kaum ist sie zu Hause, wirft sie ihre Urlaubstasche in die Ecke und packt einen neuen Koffer: Geld, Medikamente, wichtige Unterlagen und ein wenig Kleidung. Dann geht es zurück zum Auto. Koffer rein, Hoftor auf. Für den Notfall ist sie gewappnet. Sie ruft ihren Sohn in Potsdam an. Danach bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu warten.

Meike Johannink und Tilo Köhn
SPIEGEL ONLINE

Meike Johannink und Tilo Köhn

Im Nachbarhaus werden nicht nur Koffer, sondern auch Transportboxen bereitgestellt. Meike Johannink und Tilo Köhn haben drei Katzen und einen Hund. Sollte es zu einer Evakuierung kommen, wollen sie ihre Tiere mitnehmen. Bekannte, die gerade nicht zu Hause in Fichtenwalde sind, rufen an. Auch sie haben Katzen und sorgen sich. "Denkt ihr an unsere Tiere, wenn das Feuer näherkommt?", fragen sie. "Selbstverständlich", sagt Johannink.

Unterdessen kämpfen knapp 300 Einsatzkräfte gegen die Flammen - 200 Feuerwehrleute, dazu etwa 80 Polizisten. Nach einigen hundert Metern quert der Europaradweg die vielen Bäume. Hier bauen die Einsatzkräfte eine Wasserfront auf. Von beiden Seiten - von der Autobahn und dem Wald aus - wird das Feuer nun gelöscht. Schnell ist klar, dass der Einsatz die ganze Nacht über dauern wird, Kameraden aus benachbarten Landkreisen werden angefordert.

"Es herrschte eine gespannte Gelassenheit"

Am frühen Abend bemerkt das Ehepaar Johannink-Köhn, dass sich der Rauch verändert. Es qualmt nun nicht mehr grau, sondern weiß. Die Feuerwehr löscht, es gelingt ihr, die Flammen einzudämmen. Doch aufkommender Wind und Weltkriegsmunition im Boden erschweren die Arbeiten, an Ruhe ist für die Anwohner nicht zu denken.

"Es herrschte eine gespannte Gelassenheit", sagt Köhn. Der 59-Jährige ist stolz auf die Einwohner Fichtenwaldes. Die Freiwillige Feuerwehr unterstützte Einsatzkräfte, die sich vor Ort nicht auskannten. Bauern lieferten mit Güllewagen Wassernachschub, Bürger boten einander Schlafplätze an, und der Rest, der nichts ausrichten konnte, blieb ruhig. Mehr als 2900 Einwohner zählt der kleine Ort, 200 bis 300 von ihnen wären von einer Evakuierung betroffen gewesen.

Bei Ortsvorsteher Köhn und seiner Frau klingelt seit Ausbruch des Feuers ständig das Telefon. Aus Fichtenwalde und den umliegenden Orten und Gemeinden kommen pausenlos Hilfsangebote. "Wir sind nicht allein, das war ein sehr schönes Gefühl - trotz der Krisenstimmung", sagt Köhn. Am späten Donnerstagabend gibt es dann für die Bürger eine erste Entwarnung: Vorerst muss Fichtenwalde nicht evakuiert werden, die Löscharbeiten laufen weiter.

"Wir müssen darauf achten, dass keine Funken auf frisches Gras wehen"

Für Köhn und seine Frau wird es dennoch eine kurze Nacht. Am nächsten Morgen kreist über dem Ort immer noch der Hubschrauber der Bundeswehr, der Wasser auf die verbrannten Stellen abwirft. Den Brandgeruch bemerke er schon gar nicht mehr, sagt Köhn und lacht.

Mit seiner Hündin macht er sich auf den Weg zur Brandstelle. Nach wenigen Gehminuten durch den Wald hat er die ersten Einsatzwagen erreicht. "Gerade ist es relativ ruhig", sagt ein Feuerwehrmann. Mit seinen Kollegen ist er am frühen Freitagmorgen aus dem Landkreis Dahme-Spreewald nach Fichtenwalde gefahren. Drei Stunden haben sie wegen der Staus und Sperrungen für die Strecke gebraucht, nun löschen sie die Glutnester und behalten den Wald im Auge. "An den Brandstellen kann kein neues Feuer entstehen. Nun müssen wir darauf achten, dass keine Funken auf frisches Gras wehen."

Vor der Bärenbrücke, wo die Autobahn 9 an das Waldstück bei Fichtenwalde grenzt, ist ein Wasserwerfer im Einsatz. Während er langsam an der Leitplanke entlangfährt, schießt er seinen Wasserstrahl in den Wald. Vereinzelt dampft es noch. Doch Feuer ist nicht mehr zu sehen.

Im Video: Waldbrand bei Potsdam - "Einsatz läuft auf vollen Touren"

Die Gefahr für den kleinen Ort ist noch nicht komplett gebannt. Auch Wolfgang Blasing, Landrat des Landkreises Potsdam-Mittelmark, will noch keine Entwarnung geben. Bis Samstagmorgen will Blasing das Waldgebiet mit dem vollen Einsatz aller Kräfte kontrollieren. Danach werde entschieden, ob man langsam ein paar Leute abziehe. Doch damit ist es noch nicht überstanden. Die Brandwachen werden noch Tage dauern.

Tilo Köhn ist nach seinem Spaziergang in den Wald trotzdem ein wenig erleichtert. Die Einsatzkräfte haben Fichtenwalde vor dem Schlimmsten bewahrt. "Was diese Menschen geleistet haben, ist unglaublich."

Eigentlich hatte Köhn für dieses Wochenende eine Radtour mit Freunden geplant, von Freitag bis Sonntag. Köhn sagte ab. Er will Fichtenwalde erst wieder verlassen, wenn die Gefahr wirklich gebannt ist.

insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zorngibel 27.07.2018
1. ... wird noch ein größeres Problem
... v.a. angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Wälder in Deutschland eigentlich nur Fichten-Plantagen sind, die schon allein wegen der ätherischen Öle in ihren Nadeln wie Zunder brennen. Mit der Klimaveränderung werden auch die Brände zu uns kommen.
karl-felix 27.07.2018
2. Ja
es gibt viele mögliche Folgen des Klimawandels, das müsste allmählich auch der gröbste Schönredner einsehen . Keine gute Idee, nur um des schnöden Mammons willen allse sinnlos zu verbrennen , was einem in die Finger fällt und unsere Atmosphäre als billige/ kostenlose Abgasmüllkippe zu missbrauchen . Das rächt sich und wird sehr, sehr teuer. Die Waldbrandgefahr steigt mit zunehmenden Temperaturen und die Waldbrandsaison verlängert sich .
F.Weissgerber 27.07.2018
3. Wo sind DEUTSCHE Löschflugzeuge?
Deutschland gibt Unsummen für viele fragliche Projekte, auch im Ausland, aus. Es wird Zeit, dass wir große und mittlere Löschflugzeuge anschaffen, welche auch für angrenzende Länder eingesetzt werden können. Das wäre wenigstens ein konstruktives EU-Investment.
indianrose 27.07.2018
4. Deutsche Bürokraten
Eigentlich unfassbar: Der Landkreis Ptsdam-Mittelmark lehnte das Angebot des DRK ab, eine Motoradstaffel zu schicken, um Menschen, die stundenlang auf der Autobahn im Stau steckten, mit Wasser zu versorgen. Man war nicht bereit, sich an den Kosten zu beteiligen, die laut DRK nur wenige hundert Euro für Wasser und Müsliriegel bestanden. Die Fahrer haben das ehrenamtlich dann doch getan, mit Hilfe von privaten Spenden. Heute am Mittag war im Landratsamt niemand mehr zu erreichen. Die waren sicher schon alle im Wochenende. Die Verantwortlichen sollten sofort entlassen werden, aber es sind ja Beamte und damit können sie in den Amtsstuben weiter ihre Sinnlosigkeit beweisen. Gefunden in der Mitteldeutschen Zeitung. https://www.mz-web.de/panorama/hilfe-bei-stau-in-der-hitze-landkreis-stellt-sich-bei-verteilung-von-wasser-quer-31024802
brux 27.07.2018
5. Hinweise
Zitat von zorngibel... v.a. angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Wälder in Deutschland eigentlich nur Fichten-Plantagen sind, die schon allein wegen der ätherischen Öle in ihren Nadeln wie Zunder brennen. Mit der Klimaveränderung werden auch die Brände zu uns kommen.
Im Brandenburger Sand wächst leider nicht viel anderes. Aber in Südfrankreich lebend fällt mir auf, dass sehr viele Waldbrände am Strassenrand anfangen. Leute werfen tatsachlich immer noch brennende Zigarettenkippen aus dem Autofenster. Schade, dass man diese Leute nie kriegt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.