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30. Dezember 2012, 16:36 Uhr

Umweltschutz paradox

Deutschland, ein Ökomärchen

Von Alexander Neubacher

Warum nur ist Umweltschutz so umweltschädlich? Die Energiesparlampe endet als Sondermüll. Fürs Biogas wird die Natur geopfert. Und weil alle am Wasser sparen, wabern aus dem Gully vor unserer Haustür giftige Gase.

Ich bin für Umweltschutz, die Natur liegt mir am Herzen. Zum Bäcker fahre ich mit dem Rad; auf Reisen nehme ich den Zug. Ich bevorzuge Produkte, die ein Biosiegel tragen; Eier aus Käfighaltung kommen mir nicht ins Haus. Und wenn ich Fleisch esse, plagt mich neuerdings ein schlechtes Gewissen. Die Welt soll gerettet werden? Ich bin dabei, ich tue mein Bestes. Ich habe vier Kinder und fünf Mülltonnen; an mir soll es gewiss nicht scheitern.

Doch ob beim Mülltrennen, beim Wassersparen oder auf dem Biomarkt: Gut gemeint ist leider nicht gut gemacht. Immer wieder stellt sich heraus, dass mein Verhalten der Umwelt nicht nutzt, sondern schadet. Die Frage drängt sich auf: Wer nimmt eigentlich die Umwelt vor den Umweltschützern in Schutz?

SPIEGEL TV hat meine Versuche, ein ökologisch korrektes Leben zu führen, beobachtet, und mich bei meinen Exkursionen durch die Ökowelt und ihre Absurditäten begleitet. Wir besuchen Bauer Herbert Cordes aus Rotenburg/Wümme in Niedersachsen, einem der größten Maisanbaugebiete der Republik. Cordes erklärt uns, warum er sein Geld jetzt mit Energiepflanzen und der Erzeugung von Biogas verdient: Monokulturen als Folge grüner Umwelt- und Landwirtschaftspolitik.

Bis zu einer halben Million Liter bestes Trinkwasser pro Tag in die Gullys

Wir treffen Kanalarbeiter Andre Pollow von den Berliner Wasserbetrieben bei seinem vergeblichen Kampf gegen den deutschen Wassersparwahn. Weil wir oben so wenig spülen, läuft es unten nicht mehr ab. Träge liegt die Pampe in der Kanalisation. Das sogenannte Dicke (Pollow) stinkt, ist giftig und macht das Abwassersystem kaputt. Pollow und seine Kollegen müssen deshalb nachspülen. Bis zu einer halben Million Liter bestes Trinkwasser pumpen allein die Berliner Wasserbetriebe pro Tag in die Gullys. Genauso gut könnten wir etwa 60.000-mal auf die Klospülung drücken, und zwar ohne Stopptaste. Doch stattdessen hängen die Kanalarbeiter Duftbäumchen mit Zitrus-Aroma unter die Gullydeckel, um den Gestank trockengefallener Rohre wenigstens notdürftig zu überdecken.

Und was gehört eigentlich in welche Mülltonne? Bernd Müller, Sprecher der Berliner Stadtreinigung, weiß es leider auch nicht immer so genau. Darf man einen Kloreiniger ins Klo kippen? Warum gehört der kaputte Plastikball in die Wertstofftonne, der kaputte Lederball hingegen nicht? In welchen Glascontainer kommt die blaue Flasche? Und wer hätte gedacht, dass ich mich bei der Entsorgung eines gebrauchten Pappbechers daran erinnern muss, ob ich ihn aus dem Supermarkt (Restmüll, schwarze Tonne) oder von der Imbissbude (Verpackungsmüll, gelbe Tonne) habe?

Und erst die Energiesparlampe! Wie jeder gesetzestreue EU-Bürger habe ich unsere alten Glühbirnen durch moderne Sparleuchten ersetzt. An ihr fahles Licht werde ich mich sicher noch gewöhnen. Was tut man nicht alles, um das Klima zu retten.

Ich darf die neuen Lampen allerdings nicht fallen lassen. Jede Energiesparbirne enthält bis zu fünf Milligramm Quecksilber: ein gefährlicher Stoff. Der berühmte Doktor Paracelsus hat sich mit Quecksilber einst versehentlich umgebracht; seither raten die Ärzte davor ab, es einzuatmen. "Jedes bisschen Quecksilber macht ein bisschen dümmer", sagt Gary Zörner vom Institut für chemische Analytik in Delmenhorst: "Das kann bis zur völligen Geistesgestörtheit führen."

Die Ökobirne landet in einem unterirdischen Endlager für Sonderabfälle

Eine kaputte Energiesparlampe, so lerne ich, gehört deshalb auch nicht in den Hausmüll, sondern zur Gefahrgutannahmestelle. Anschließend wird der quecksilberhaltige Leuchtstoff von Spezialfirmen abgesaugt und in blaue Giftmüllfässer gefüllt. Und so landet meine angebliche Ökobirne schließlich in einem unterirdischen Endlager für gefährliche Sonderabfälle.

Bemerkenswert ist, wie Umweltpolitiker und Ökofunktionäre reagieren, wenn man sie auf Fehlentwicklungen anspricht: Moralisch fühlen sie sich im Recht. Die gute Absicht zählt. Umweltpolitik kann es ja gar nicht genug geben. Ob eine umweltpolitische Maßnahme den gewünschten Erfolg hat, ist für den Umweltpolitiker nicht so wichtig.

Zum Beispiel Jürgen Trittin. Als grüner Umweltminister hat er vor zehn Jahren das Dosenpfand eingeführt mit dem Ziel, die ökologisch schlechte Einwegverpackung zurückzuschlagen. Bedauerlicherweise hat sein Pfand stattdessen die gute Mehrwegflasche vom Markt gefegt. Ihr Marktanteil beim Wasser hat sich mehr als halbiert; so war das eigentlich nicht gedacht. Ein Fehlschlag? Ach was, sagt Trittin: "Es war ein aktiver Beitrag zum Erhalt der Bierkultur in Deutschland."

Die frühere Landwirtschaftsministern Renate Künast reagiert empfindlich, als ich sie auf das Thema Biogas anspreche. "Die Landwirte sind die Ölscheichs der Zukunft", hatte sie einst verkündet; ich möchte wissen, ob sie ihre Förderpolitik angesichts der Maiswüsten als Fehler betrachtet. Doch Künast findet mich unverschämt. Erst droht sie mir mit dem Zeigefinger, dann mit einer Beschwerde beim Chefredakteur und schließlich mit dem Rauswurf.

Zum Schluss habe ich versucht, mit einem Elektroauto meine Klimabilanz zu verbessern. Der Wagen ist klein und schlecht beheizt, die Fenster beschlagen. Der Stecker passt nicht in die Ladesäule. Nach 70 Kilometern macht dann die Batterie schlapp: Ich muss schieben. Manchmal ist es ganz schön schwer, ein Öko zu sein.

Alexander Neubacher geht im SPIEGEL TV Magazin der Frage nach, warum er bei seinem Versuch, die Umwelt zu schützen, chronisch scheitert. Der Beitrag ist am Sonntag, 30. Dezember, um 22.05 Uhr im SPIEGEL TV Magazin bei RTL zu sehen.

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