Radfahrer in London: Von Dreckschleudern und Halbblinden

Von Christoph Scheuermann, London

Radfahren in London: Krieg der Felgen Fotos
DPA

London ist kein gutes Pflaster für Fahrradfahrer: zu eng, zu viele Autos. Seit einigen Jahren versucht die Stadtverwaltung, den Verkehr sicherer zu machen. Ein Fortschritt - doch noch immer lauern an jeder Ecke Gefahren. Neun Regeln für Fahrrad-Anfänger.

Es gibt wenige Menschen in London, die schlechtere Laune haben als Radfahrer. Ich kann das beurteilen, weil ich selbst hin und wieder Fahrrad fahre. Es ist diese riskante Mischung aus Minderwertigkeitskomplex, Arroganz und dem gefährlichen Gefühl moralischer Überlegenheit, die uns so schwierig macht. Man darf nie das Wutpotential von Leuten unterschätzen, die sich als Avantgarde und gleichzeitig als Opfer begreifen, die Grünen haben damit eine ganze Partei aufgebaut.

Ich weiß nicht, wann dieser Fahrrad-Wahnsinn angefangen hat. Bestimmte Stadtbezirke darf man gar nicht mehr betreten ohne Rennrad. In meiner Nachbarschaft im Osten Londons gibt es inzwischen mehr Fahrradgeschäfte als Schnellimbisse. Man bekommt hier einfacher einen 25er-Radkranz als eine gut frittierte Portion Fish & Chips, was unpraktisch ist, wenn man abends nach dem Pub noch Hunger hat.

Für die Stadt muss das nicht schlecht sein. Der Londoner Bürgermeister will jetzt noch mehr Strecken ausbauen. Inzwischen führt auch nicht mehr jeder Radweg direkt auf einen Baum, einen Mülleimer oder einen Laternenpfahl zu. Und allmählich sehen auch die Bus- und Taxifahrer ein, dass sie die Innenstadt nicht mehr für sich alleine haben.

Hier neun Tipps, worauf Fahrrad-Neulinge in London achten müssen:

1. Rote Busse. Sie schaukeln gemütlich durch die Straßen, husten aber schwarze, giftige Wolken aus. Noch gefährlicher sind allerdings Privattaxis, Minicabs genannt, deren Fahrer jeden abgrundtief verachten, der sich ihnen auf zwei Rädern nähert. Minicabs sind die Bullterrier des Straßenverkehrs. Leider erkennt man sie erst, wenn es fast zu spät ist, an einem hasserfüllten Gesicht hinter der Windschutzscheibe. Das Verhältnis zwischen Minicab- und Fahrradfahrern nimmt gerade Züge eines bewaffneten Häuserkampfs an. Schlimmer als Minicabs sind nur

2. weiße, rostende Lieferwagen. Hinter dem Steuer sitzen oft Handwerker oder solche, die sich dafür ausgeben. In diesem Fall quetschen sich neben den Fahrer drei oder vier kettenrauchende Typen in schmutzigen Unterhemden, für die es keinen größeren Spaß gibt, als einem Radfahrer den Weg abzuschneiden, ihn zu verfluchen und anschließend auszulachen.

3. Lastwagen. Sie donnern wie dumme, halbblinde Trottel durch die Stadt, beladen mit Sand, Steinen oder Schrott. Niemand weiß, wohin sie den Sand, die Steine und den Schrott transportieren. Vielleicht kippen sie alles in die Themse. Auch sonst sind sie unberechenbar.

4. Fußgänger. Sie springen gewöhnlich mit hysterischen Schreien aus dem Weg, wenn sie ein Rad sehen. Seitdem aber Apple und Dr. Dre die Kopfhörerpflicht in London eingeführt haben, bemerkt nicht jeder Musikfreund rechtzeitig, dass er auf einer stark befahrenen Straße spazieren geht. Vorsicht auch an Ampeln, die für viele Fußgänger nur folkloristischen Charakter haben.

5. Schlaglöcher. Kaum zu glauben in einer derart reichen Stadt - aber der Verkehr, das Wetter und ein fragwürdiges Arbeitsethos in der Asphalt- und Gullideckelbranche sorgen für Brüche, Senken und Verwerfungen im Boden, in denen spielende Kinder oft tagelang verschwinden. Schlaglöcher sind kein Spaß, wenn ein paar Zentimeter weiter rechts der 243er-Bus nach Waterloo und links der Bordstein ist.

6. Die Helmfrage. Ist natürlich keine Frage. Trotzdem meinte eine Bekannte neulich, sie fühle sich ohne Helm sicherer, weil sie angeblich vorsichtiger fahre, allein aus Selbstschutz. Vermutlich ging es in Wahrheit um die Frisur, was ihr Argument nachvollziehbar, aber nicht besser macht.

7. Blaue Boris-Bikes, benannt nach dem Londoner Bürgermeister Boris Johnson. Schwerfällig, unästhetisch, Dreigangschaltung. Jeder Rennradfahrer würde sich eher die Beinhaare wieder lang wachsen lassen, als eines dieser Räder auszuleihen. Man fühlt sich darauf wie in einem Sketch mit Didi Hallervorden. Sie blinken vorne weiß und hinten rot und sind so schnell wie Reiner Calmund ohne Auto. Trotzdem ganz toll für die Stadt, auch ökologisch. Und so nützlich für Touristen und Besuch und so. Man braucht nur eine Kreditkarte. Total praktisch. Nein, echt.

8. Andere Fahrradfahrer. Sind immer riskant, vor allem, wenn sie auf einem Leihrad sitzen. Deshalb versucht man, an einer auf Grün springenden Ampel andere Radfahrer so schnell wie möglich zu überholen, schon aus Selbstachtung. Regel 8 gilt nicht, wenn eine blonde Frau in einer abgeschnittenen, sehr kurzen Jeans vorne fährt, wie gestern.

9. Alkohol. Hin und wieder trinkt der Londoner oder die Londonerin ein bis anderthalb Gläser Bier. Das kann die Fähigkeit beeinträchtigen, auf der Straße Distanzen und Geschwindigkeiten einzuschätzen. Wer nachmittags nach 17 Uhr mit dem Rad an Pubs vorbeifährt, sollte also vorsichtig sein. An Sonn- und Feiertagen ganztägig.

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insgesamt 45 Beiträge
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1.
osis1980 30.05.2013
Wo ist der Unterscheid zu Münster, Essen oder Hamburg? Fehlerhafte Infrastruktur ist genauso übel wie gut gemeinte (z.B. Bordsteinradwege in Münster)... Polemik. Mehr nicht. Der Helmpunkt ist besonders albern.
2. Nun iss es ja so
Erich91 30.05.2013
Zitat von sysopLondon ist kein gutes Pflaster für Fahrradfahrer: zu eng, zu viele Autos. Seit einigen Jahren versucht die Stadtverwaltung, den Verkehr sicherer zu machen. Ein Fortschritt - doch noch immer lauern an jeder Ecke Gefahren. Neun Regeln für Fahrrad-Anfänger. Was Radfahrer in London beachten müssen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/was-radfahrer-in-london-beachten-muessen-a-902389.html)
das SPON Leser permanent mit dem Rad in London unterwegs sind, weil dieses Chaos herrscht sicherlich in deutschen Großstädten nicht.
3. Qualitaetsjournalismus?
Threecheesehigh 30.05.2013
Man muss ja nicht alles kommentieren, aber fuer so einen Artikel wuerde ich mich schaemen... 'Man darf nie das Wutpotential von Leuten unterschätzen, die sich als Avantgarde und gleichzeitig als Opfer begreifen, die Grünen haben damit eine ganze Partei aufgebaut.' Aha. Ich nehme an eher konservative waehlende Menschen fahren also ganz freundlich Fahrrad? Der Autor lebt ja schon so lange in London (Oktober 2012) das er schon viel ueber die Stadt weiss, nur hoert es sich das nun ein wenig merkwuerdig an: 'Ich weiß nicht, wann dieser Fahrrad-Wahnsinn angefangen hat. Bestimmte Stadtbezirke darf man gar nicht mehr betreten ohne Rennrad. In meiner Nachbarschaft im Osten Londons gibt es inzwischen mehr Fahrradgeschäfte als Schnellimbisse.' 25' Ritzel wird man auch selten auf den Fixies finden die in grosser Zahl hier in London zu finden sind, aber bitte, laut Autor: 'Ich kann das beurteilen, weil ich selbst hin und wieder Fahrrad fahre.' Immerhin Stereotypen kennt er: 'Hin und wieder trinkt der Londoner oder die Londonerin ein bis anderthalb Gläser Bier. Das kann die Fähigkeit beeinträchtigen, auf der Straße Distanzen und Geschwindigkeiten einzuschätzen. Wer nachmittags nach 17 Uhr mit dem Rad an Pubs vorbeifährt, sollte also vorsichtig sein. An Sonn- und Feiertagen ganztägig.' Im Rest des Artikels ist nichts zu finden was wirklich lesenswert sein sollte, aber ich frage mich ob es nicht beim Spiegel einen Editor gibt der solche Artikel als blamabel einstufen wuerde. Grausam. Ich glaube ich muss aufhoeren Spiegel Online zu lesen.
4.
brandyman72 30.05.2013
Man sollte den meisten Radfahrern in London aber auch klarmachen, dass der Stop an der roten Ampel oder am Zebrastreifen nicht optional sind, kann verstehen wenn andere Verkehrsteilnehmer sie hassen.
5.
dr.zeitzsandra 30.05.2013
So wie bei uns in Frankfurt auch, sind die meistens Radfahrer rücksichtslos und unaufmerksam.
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Zum Autor
  • Christoph Scheuermann, SPIEGEL-Korrespondent in London, berichtet aus Großbritannien und dem Rest des Königreichs. Zuvor war er Redakteur im Deutschland-Ressort und hat unter anderem über Islamisten, Banker und das seltsame Verhältnis zwischen Frauen und Männern Anfang 30 geschrieben. Seine Kolumne handelt von den Sitten und Gebräuchen auf Europas größter Insel, der vermutlich unterhaltsamsten Monarchie der Welt.