Shitstorm bei Wohnungssuche: "Auf die Straße mit ihm!!!"

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Verunglückte Wohnungssuche: Obdachlars im Shitstorm Fotos

Lars L. sucht eine Wohnung in seinem Hamburger Kiez. Um sich von Mitbewerbern abzuheben, bastelt er eine Website. Er hofft auf viele Angebote - und gerät in einen Shitstorm. Ein Lehrstück über Empörung und falsche Erwartungen.

Auf das Zeitungsinserat hatte sich niemand gemeldet. Die Suche auf Immobilienportalen blieb erfolglos. Über Freunde und Bekannte kamen keine brauchbaren Hinweise. Und allmählich wurde die Zeit knapp. Es war März 2013, und Lars L. brauchte dringend eine Wohnung.

Wegen eines Wasserschadens musste L. aus seinem WG-Zimmer ausziehen, Rückkehr ausgeschlossen. Mehr als 500 Euro warm zahlte er im Monat dafür, direkt an der Hamburger Reeperbahn zu wohnen. Dort, auf St. Pauli, gefiel es ihm. In der Gegend wollte er bleiben. Seine Freunde, seine gewohnte Umgebung seien dort, sagt er.

Lars L. programmiert und designt beruflich Internetseiten. "Ich wollte einfach eine Wohnung, und um aus der Masse herauszustechen, habe ich halt eine Website gemacht." In ironisch-schnoddrigem Ton nimmt er auf obdachlars.de sich und seine Situation aufs Korn - und bietet potentiellen Vermietern die Möglichkeit, ihn zu kontaktieren.

Am Donnerstag vor Ostern ging die Seite online. Seitdem ist eine Menge passiert. Lars L., Jahrgang 1978, sitzt in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs in einem Straßencafé. Die Sonne scheint, L. trinkt einen Milchkaffee und bilanziert. Seit er die WG verließ, wohnt er bei einem Freund zur Zwischenmiete. Er hat in dieser Zeit viel gelernt. Über Wohnungssuche. Über plötzliche Medienpräsenz. Und über Shitstorms.

"Der Typ und seine Einstellung sind wirklich kaum zu ertragen!"

Alles begann wie gewünscht. In der ersten Woche wurde obdachlars.de über Facebook 50.000-mal aufgerufen, gut tausend Leuten gefiel die Idee. "Irgendwann habe ich gemerkt, das Ding geht viral", sagt L. Er fühlte sich ermutigt, wollte die Website noch bekannter machen. Verschiedene Medien griffen das Thema auf, auch die "Hamburger Morgenpost".

Blauäugig sei er gewesen, sagt L. Er hatte sich vom "Mopo"-Artikel viele Reaktionen erhofft, aber nicht solche. Die Schlagzeile lautete "Lieber obdachlos als Barmbek". "Diese Überschrift kann man falsch verstehen", sagt L. - als sei die Aussage sein Zitat. Barmbek ist ein Stadtteil im Bezirk Hamburg-Nord. Viele seiner Bewohner mögen ihn, aber ein Szeneviertel ist Barmbek nicht - anders als etwa St. Pauli oder Eppendorf.

Die "Mopo" kommentierte noch, "Lars hat ein Recht auf seinen Kiez", aber da war es schon zu spät. Statt Wohnungsangeboten gab es Häme, Beleidigungen und Drohungen, eher selten auch Unterstützung. Lars L. wurde als "verwöhnter Schnösel" und "Hurensohn" bezeichnet. Im "Mopo"-Forum und auf Facebook ging es hoch her.

"Der Typ und seine Einstellung sind wirklich kaum zu ertragen!"

"Auf die Strasse mit ihm!!!"

"Lars, geh doch bitte samt deinem Webentwicklungsmist wieder dahin wo Du hergekommen bis und mach den Wohnraum in Hamburg für arbeitende Menschen frei."

"Zieh doch nach Berlin du Yuppie-Heulsuse, da hast du es dir wenigstens noch nicht verscherzt durch so eine arrogante Aktion."

Manche Kommentatoren hatten auch Verständnis:

"Wahnsinn, wie der Mob sich hier echauffiert. Hier will einer da wohnen bleiben, wo sein soziales Umfeld ist. Darf er das nicht?"

"Ziemlich beschämend, wenn man selbst Hamburger ist und diese Kommentare liest. Eine reißerische Headline und alle springen blind drauf an."

Als süddeutscher Freiberufler in der Medienbranche eine Hassfigur

Dass er viele Klischees erfüllt, wie Lars L. selbst sagt, verschärfte die Diskussion zusätzlich. Er kommt aus Kehl - ein Zugezogener, noch dazu aus Süddeutschland! Er arbeitet freiberuflich - und dann auch noch in der Medienbranche! Er will in angesagten Vierteln wohnen - ein Yuppie, ein Hipster!

Die Reaktionen waren ein Schock. Lars L. wurde mitten in der Nacht angerufen, bekam Droh-SMS. Per Facebook wurde ihm "Barmbek-Verbot" erteilt. Dabei habe er absolut nichts gegen Barmbek, sagt L. Schließlich habe er dort selbst für einige Monate gewohnt. Das erwähnte die "Mopo" auch in weiteren Texten, die aber für L. keine Besserung brachten. "Guck mal, 'Obdach-Lars': So schön ist Barmbek!" bildete den Abschluss der Artikelserie.

Nach wenigen Tagen erkannte L., dass er nicht gegen die Flut an Reaktionen anschreiben konnte. Er sperrte die Facebook-Kommentare und zog in einem längeren Post Bilanz. Er sei es leid, "mir weiter Beschimpfungen, Unterstellungen und unsachliche Vorwürfe anhören zu müssen und hätte mir gewünscht, dass man normal diskutieren kann", heißt es darin.

Die "Mopo"-Chefredaktion teilt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE schriftlich mit, man könne L.s Kritik an der Berichterstattung nicht nachvollziehen. L. habe "durch den Titel und Inhalt seiner Website selber die inhaltliche Linie vorgegeben".

"Ich habe für viele meinen Kopf hingehalten"

In vielen deutschen Großstädten ziehen Mieten massiv, an - auch weil trotz Knappheit weniger in Neubauten investiert wird. Der Mieterbund warnte erst im Mai vor einem rasanten Preisanstieg in Ballungszentren. Und in Hamburg schlagen Vermieter in begehrten Stadtteilen wie St. Pauli bis zu 60 Prozent auf die offizielle, im Mietspiegel veranschlagte Durchschnittsmiete drauf.

"Jeder sollte sich aussuchen dürfen, wo er leben will", sagt Lars L. Er könne aber nachvollziehen, "dass manche Leute das als elitäre Haltung empfinden". Er sei sich bewusst, dass er mit seinem Gesuch provoziere. In seinen Wunschquartieren möchte er maximal 700 Euro warm für eine Wohnung ab 40 Quadratmetern bezahlen. In den Vierteln beträgt allerdings schon die Kaltmiete für derartige Unterkünfte locker 800 oder 1000 Euro.

Obdachlars.de und die mediale Aufmerksamkeit machten L. unfreiwillig zu einer Symbolfigur für Gentrifizierung und Preistreiberei - auch wenn er eben nicht zu den Mietern gehört, die bereit sind, quasi jeden Preis zu zahlen. "Ich habe für viele meinen Kopf hingehalten, die gerade in Szenevierteln suchen."

Es sei ihm nie darum gegangen, bekannt zu werden, sagt Lars L. Das Gespräch mit SPIEGEL ONLINE war deshalb eine Ausnahme. Der Shitstorm ist abgeklungen, er soll nicht wieder aufleben. So etwas wolle er nie wieder erleben, sagt L.

Eine Wohnung hat er immer noch nicht.

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