Weihnachten unter Papst Franziskus: Mehr Demut, weniger Lametta

Von , Rom

Weihnachten ist so, wie es immer war? Nicht im Vatikan. Die hohen Herren sind entmachtet, die Prunkgemächer leer, Samt und Seide bleiben im Kleiderschrank - Papst Franziskus feiert schlicht. Viele im Kirchenstaat sehnen sich nach der guten alten Zeit.

Vatikan: Prunk war gestern Fotos
REUTERS

Sie sind sich so nah und doch so fern - zumindest, was das Weihnachtsfest angeht. Der eine, Benedikt XVI., hat sich in den vatikanischen Gärten, im ehemaligen Kloster Mater Ecclesiae, eingerichtet, nachdem er seine Zehn-Zimmer-Wohnung im Apostolischen Palast verlassen musste. Mit seinen vier langjährigen Haushälterinnen - Nonnen der geistlichen Gemeinschaft Memores Domini - wird er Weihnachten feiern wie immer: mit Christbaum, Wachskerzen, Plätzchen und Stollen, alles wie seit 30 Jahren von einem Münchener Bankier höchstpersönlich im Mercedes über die Alpen gebracht. Abends wird Klavier gespielt und gesungen, besonders inbrünstig Benedikts Lieblingslied "Es ist ein Ros entsprungen".

Knapp zehn Fußminuten entfernt residiert der andere, der amtierende Papst. Im bescheidenen, luxusfreien Apartment 201, im 2. Stock des Domus Sanctae Marthae (Haus der Heiligen Martha), hat er schon als Kardinal gewohnt, ehe er zum Papst gewählt wurde. Damals musste er noch bezahlen, jetzt wohnt er mietfrei im 126-Betten-Gästehaus des Vatikan.

Seit dem Hochmittelalter haben die Päpste im Apostolischen Palast gewohnt. Franziskus war das alles zu groß, zu weit weg von den Menschen. Statt, wie gewohnt, in festlichem Glanz zu erleuchten, bleiben die päpstlichen Gemächer dunkel und leer. Franziskus wohnt lieber im Gästehaus des Vatikan.

Einen Adventskranz hat Franziskus sich gerade noch aufhängen lassen, ansonsten hat er mit deutsch-gemütlicher Weihnacht wenig im Sinn. Früher als seine Vorgänger, um 21.30 Uhr, lässt er die Christmette im Petersdom beginnen. Was er danach macht, hat er noch nicht gesagt, womöglich auch nicht entschieden. Gefürchtet ist er bei Hofe ob seiner Spontaneität. Will er vielleicht zur Armenspeisung der Sant'Egidio-Gemeinde in der Basilika Santa Maria in Trastevere? Oder bleibt er nach der Messe allein im Petersdom und meditiert?

Bescheidenheit statt Samt und Seide

"Auf nichts ist mehr Verlass, alles ist im Wandel", stöhnen altgediente Kirchenstaatler. Das fängt schon bei der Kleidung an. Prunk ist out, seit der Heilige Vater aus Argentinien regiert. Das Ornat aus Samt und Seide hat ausgedient, Bischöfe und Kardinäle wählen nun einen schlichten Look. So wie Bergoglio. Das Goldkreuz bleibt im Schrank. Eisen, allenfalls mattes Silber ist angesagt. Die Füße müssen sich an schwarze Billigschuhe gewöhnen. Man will ja nicht gleich in Ungnade fallen.

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Benedikt und Franziskus: Papst trifft Papst

Trauer tragen auch die römischen Klerus-Ausstatter. Zu Benedikts Zeiten hatten sie Hochkonjunktur, die Mitra war angesagt, die pompöse längliche Mütze, die gerne 6000 Euro kosten durfte und von denen man etliche brauchte, passend zu jeder Gelegenheit. Heute sind billige Käppis gefragt. Bis zu 18.000 Euro gaben Vatikan-Höflinge für eine Kardinalskluft aus, als sie noch Benedikt nacheiferten. Jetzt beschränkten sich viele Kirchenmänner auf ein 600 Euro teures Gewand, jammern die Schneider. Der Prunk ist nicht mehr zeitgemäß.

Papastroika und McKinsey

Der Fußmarsch ist angesagt, wo früher der Chauffeur mit dem Dienstwagen wartete. "Warum gehst du nicht zu Fuß?", rüffelte Papst Franziskus einen hohen Prälaten, der auf seinen Fahrer wartete. Bei der Vatikanbank - ohnehin schon Ziel des franziskanischen Reformeifers - heisst die Dienstwagen-Devise jetzt "obere Mittelklasse statt Oberklasse".

Der Modellwechsel ist auch beim Führungspersonal in vollem Gang. Die großen Männer der Kurie, die nicht nur im Kirchenreich, sondern auch in der italienischen Politik kräftig mitmischten, sind weitgehend entmachtet. Angelo Sodano etwa, Ex-Staatssekretär, verlor zwar schon unter Benedikt sein Amt, aber nicht seinen Einfluss - heute spielt er keine große Rolle mehr.

Das neue obere Kirchenmanagement kommt aus Lateinamerika. Pietro Parolin aus Venezuela zum Beispiel ist der neue Staatssekretär. Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras ist Chef der Kommission, die die römische Kurie reformieren soll. Für die Neuordnung der kirchenstaatlichen Kommunikationsstrukturen sind nun sogar McKinsey-Experten am Werk - nichts scheint unmöglich, alles steht in Frage. Das Wort "Papastroika" geht um im Vatikan. Will heißen: So wie einst Michail Gorbatschow die damalige Sowjetunion mit seiner "Perestroika" (russisch für: "Umbau") umkrempelte, will nun der Papst den Kirchenstaat von Grund auf verändern.

Nicht alle sind darüber begeistert. Vor allem der europäische Klerus fürchtet, dabei an Einfluss zu verlieren. Denn Franziskus hat eine globale Kirche vor Augen, bei der die bisherige Peripherie mehr ins Zentrum rückt. Wie auch nicht? Nur etwa ein Viertel aller Katholiken in der Welt lebt in Europa, die Hälfte in Nord- und Südamerika, ein Viertel in Asien, Afrika und Ozeanien. Und dort nimmt die Zahl der Katholiken rasant zu, deutlich schneller als die der Bevölkerung insgesamt. Mag Köln auch heute noch die reichste Diözese der katholischen Welt sein - die katholische Zukunft liegt an einem anderen Ort.

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insgesamt 84 Beiträge
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1. So
nemesis_01 24.12.2013
einen bräuchten wir hier in der Politik. Das gäb ein Zähneknirschen. Ich stell mir grad vor, wie der dicke Gabriel und die dicke Nahles zu Fuss zur Kantine watscheln müssen. Ich wundere mich allerdings, dass er noch lebt. Feinde macht er sich ja wohl jeden Tag genug. Ich persönlich gönne ihm jedenfalls ein langes und erfolgreiches Leben als Papst.
2. Herrlich
Meckerliese 24.12.2013
Wie der neue Papst in seinem Laden mal aufräumt. Jetzt müssen die Prunkgewänder im Schrank bleiben . Hahah - Werden auch die dicken Autos abgeschafft? Hoffentlich lebt er noch lange. Es wäre zu wünschen.
3. Einfluss-Verlust
Senf-Dazugeberin 24.12.2013
Zitat "Vor allem der europäische Klerus fürchtet, dabei an Einfluss zu verlieren." ... Der europäische Klerus sollte Franziskus lieber dankbar sein, dass er die Kirche von Grund auf reformiert. So überlegt sich der eine oder andere, der innerlich schon "gekündigt" hat, evtl. doch erst nochmal ein bisschen zu bleiben und abzuwarten, ob man sich nicht vielleicht doch mit einer "neuen Kirche" noch halbwegs identifizieren könnte. Wenn niemand mehr da ist, ist der Einfluss ganz von alleine weg.
4. Was für ein großartiger Mann.
peter_der_lustige1 24.12.2013
Ein würdiger Vertreter von Jesus auf Erden.
5. Und der ganze Prunk, ob Goldkreuz, dicke Autos etc. etc
breakthedawn 24.12.2013
Wird und wurde mit deutschen steuermilliarden finanziert, die der dumme deutsche Michel nach wie vor bereit ist zu bezahlen. Das nimmt kein gutes Ende.
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Eigenname: Staat Vatikanstadt

Offizieller Eigenname:
Stato della Città del Vaticano

Staatsoberhaupt:
Papst Franziskus
(seit März 2013)

Präsident der päpstlichen Kommission und des Governatorats für den Staat der Vatikanstadt: Giuseppe Bertello (seit Oktober 2011)

Mitgliedschaften: OSZE (Heiliger Stuhl)

Amtssprache: Italienisch, Latein

Religionen: Katholizismus ist offizielle Religion

Fläche: 0,44 km²

Bevölkerung: 793 Einwohner

Bevölkerungsdichte: 1802 Einwohner/km²

Nationalfeiertag: 13. März (Wahl von Franziskus 2013)

Zeitzone: MEZ -0 Stunden

Kfz-Kennzeichen: V / SCV

Telefonvorwahl: +39

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