Geschmackserziehung in China: Wein süßsauer
Wenn Chinesen Rotwein trinken, mischen sie ihn mit Cola. Weißwein kredenzt man im Schnapsglas. Die Cambridge-Dozentin Fongyee Walker versucht nun, eine neue Trinkkultur in der Volksrepublik zu etablieren. Doch wie lehrt man einen Greenhorn-Gaumen, Barolo zu lieben?
In China lässt sich jeder westliche Schick gut verkaufen, ganz gleich, ob Luxushandtaschen oder schnieke Uhren oder sündhaftteure Autos. Hauptsache teuer. Wo sonst kann aus einem Trend über Nacht ein Hype werden, der Händlern den Puls in die Höhe treibt? Wo sonst scheint jedes Wunder möglich?
Nun also Wein.
Marktforscher verkünden wie die Marktschreier: Chinas Weinmarkt wächst am schnellsten weltweit! Bis 2016 soll sich der Weinkonsum im Land gegenüber 2010 verdoppeln! Und schon 2020 könnte das Land der größte Weinmarkt überhaupt sein! Chinesische Immobilienfirmen machen jetzt in Wein, weil das sexy ist und cool. Schicke Weinbars öffnen in Peking und Shanghai. Und die Winzergenossenschaften aus den badischen Örtchen Achkarren und Wolfenweiler lassen ihren Wein bereits in einem eigenen Laden in einer Provinzmetropole verkaufen, weit ab von der Hauptstadt.
Sie alle hoffen, dass nach deutschen Autos nun Wein populär wird im Reich der Mitte. Fongyee Walker hält das für ein Missverständnis.
"Wein ist etwas anderes als Autos", sagt die Engländerin. "Wenn ich jemandem einen QQ zeige und eine Mercedes S-Klasse, sieht jeder sofort, welcher Wagen besser und teurer ist und warum. Aber erklären Sie das mal bei Wein."
Misstrauen in den Weinboom
Walker zweifelt nicht grundsätzlich daran, dass sie zueinander passen, China und der Wein. Aber die Beziehung braucht Grundlagen. Nur dann kann sie mehr sein als eine überstürzte Affäre, die in gegenseitiger Enttäuschung endet. Deshalb arbeitet Fongyee Walker, 40, englischer Vater, chinesische Mutter, als "Wein-Erzieherin" in Peking. In Kursen stellt sie ihren Schülern Kabinett Riesling aus Deutschland vor, Shiraz aus Australien, italienischen Barolo oder Champagner aus Frankreich, erklärt, was die Weine besonders macht und wie man sie beschreibt. Und hofft, dass sich zarte Bande knüpfen zwischen dem Getränk und ihren Zuhörern.
Früher hat sie in Cambridge klassische chinesische Literatur gelehrt, kämpfte im Wein-Blindverkostungs-Team der Uni gegen die Rivalen aus Oxford. Vermutlich war beides eine gute Vorbereitung für die Firma für Wein-Erziehung und -Beratung, die sie vor fünf Jahren in Peking gründete.
Denn in China hatte der vergorene Rebensaft bis vor kurzem einen Stellenwert wie chinesische Poesie aus dem 13. Jahrhundert in Europa. Zur chinesischen Kultur gehören Tee und hochprozentiger Getreideschnaps in Varianten und Nuancen, die ein europäischer Gaumen kaum zu wertschätzen vermag. Doch wurde bei einem Geschäftsessen "Weißwein" gereicht, stand neben dem Teller ein Schnapsglas. Und die übliche Art Rotwein zu trinken war, ihn mit Cola zu mischen.
Nun aber sitzen junge Frauen in Walkers Unterricht, die Weine aus Moldawien in China verkaufen sollen - aber ratlos gucken bei der Frage, was Europa denn sonst so anbaut; der Vertriebsleiter einer Werft für Privatyachten, der seine Kunden mit dem angesagten Getränk beeindrucken will; oder Privatleute, die Wein irgendwie interessant finden und von Walker überrascht erfahren, dass es neben rotem und weißem auch Rosé gibt.
Es ist nicht so, dass Walker vom Rummel um den Wein nicht profitiert. Aber sie misstraut dem Boom.
Anspruchsvolle Weine? Scheußlich!
Derzeit trinkt jeder Chinese statistisch gesehen gerade mal eine Flasche im Jahr. Und Walker hält es für möglich, dass es auch gar nicht viel mehr wird. So wie in Japan, wo der Konsum trotz eines Booms in den neunziger Jahren bis heute bei nur 2,2 Litern pro Kopf und Jahr liegt.
Denn wie sollen die Menschen in China Wein wirklich lieben lernen, wenn er den meisten gar nicht schmeckt?
Die billigen einheimischen Fusel sind zu sauer. Und die teuren Tropfen aus dem Ausland zu kompliziert. Walker erzählt von einer Verkostung, kürzlich, in der deutschen Botschaft. Anspruchsvolles habe man ausgeschenkt, das Beste, was die Keller hergeben. Doch hinter dem Rücken der Gastgeber hätten die Gäste getuschelt, die Weine seien scheußlich.
Walker versteht das. "Es sind eben Anfänger", sagt sie in einem Ton, in dem man Kindern zum x-ten Mal das Einmaleins erklärt. Ihnen moderne Weine zu kredenzen, sei, als gebe man einem Baby Knoblaucholiven. "Man muss sie erst dazu bringen, das Getränk zu mögen."
Walker liebt Wein und sie liebt China, aber sie sieht die Sache realistisch: Wenn jemand aus Europa ins Land komme, dann bestelle der im Restaurant ja auch nicht gleich Schweinedarm und Hühnerfüße sondern das, was dem europäischen Geschmack nahekomme, sagt sie.
Verzicht auf Expansion
So macht sie es auch mit dem Wein: Sie packt ihre Schüler mit halbtrockenen, süffigen Weinen, solche, die in Europa als Seniorenweine verrufen sind, "aber damit ist Wein in Europa doch auch populär geworden", und lockt sie von dort aus zu schwereren, trockenen.
Und manchmal sucht sie und sucht, um wenigstens eine Sorte zu finden, die mundet. So wie bei dem Hotelangestellten, der Wein eigentlich hasste. Doch sein Chef hatte ihn verdonnert, sich in Zukunft um den Weinvorrat im Haus zu kümmern. Der Mann nippte sich unglücklich durch, bis er bei Portwein endlich strahlte.
Walker gilt als beste Wein-Pädagogin im Land. Sie könnte mehr Mitarbeiter einstellen, ausziehen aus dem kleinen Büro im Business District, das vollgestellt ist mit Flaschen und Kartons und wo die Sackkarre in der Dusche parkt. Sie könnte sich vergrößern, die Wein-Hysterie ausnutzen, einfach vergessen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Autos und Wein. Aber dann würde es nur noch ums Geschäft gehen, nicht mehr um die Kultur, den Spaß und die Liebe zum Wein.
Sie mag nicht wachsen, sie setzt auf Qualität. Ihre chinesischen Freunde finden das verrückt. Walkers Mission hat gerade erst begonnen.
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- Donnerstag, 15.03.2012 – 07:01 Uhr
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Fläche: 9.572.900 km²
Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner
Hauptstadt: Peking
Staatsoberhaupt: Xi Jinping
Regierungschef: Li Keqiang
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