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Tierrechte: Die Würde des Hühnchens

Von Volker Kitz

Tierschützer fordern eigene Rechte für Tiere. Der Schutz von Tieren ist bereits im Grundgesetz verankert und sinnloses Leid verboten. Gleichwertige Rechte hätten jedoch drastische Folgen.

Legehennen in Käfighaltung Zur Großansicht
imago/ blickwinkel

Legehennen in Käfighaltung

Vielerorts ist derzeit von den Grundlagen unseres Rechtsstaats die Rede. SPD-Chef Sigmar Gabriel lässt an Flüchtlinge sogar das Grundgesetz auf Arabisch verteilen. Doch wie gut kennen wir Bundesbürger selbst die Regeln unserer Gesellschaft? In einer Serie stellen wir wichtige juristische Fälle und Entscheidungen vor. In Teil 4: Tierrechte.

Die Tierrechtsorganisation Peta will den Menschen vor Augen führen, dass für das Fleisch auf ihrem Teller massenhaft Tiere eingesperrt und getötet werden. Dafür hat sie sich im März 2004 eindringliche Plakate ausgedacht. Jeweils zwei Fotos stehen sich darauf gegenüber: ein ausgehungertes Rind neben nackten, abgemagerten Häftlingen in einem Konzentrationslager, ein Haufen geschlachteter Schweine neben Bergen von menschlichen Leichen, Hühner in Legebatterien neben KZ-Häftlingen in Stockbetten. Titel der Kampagne: "Der Holocaust auf Ihrem Teller". Bevor die Plakate aufgehängt werden, geht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen die Kampagne vor.

Peta argumentiert: Wir wollen nicht die Menschen auf dem Plakat abwerten. Wir wollen zum Nachdenken darüber anregen, dass nicht nur Menschen leiden können, sondern auch Tiere.

Zwei Jahre zuvor, 2002, ist nach langer Diskussion der Tierschutz als Staatsziel in Artikel 20a des Grundgesetzes eingefügt worden. Hat sich dadurch das Verhältnis zwischen Mensch und Tier geändert? Hat das Tier, wie Tierrechtler fordern, eine eigene Würde bekommen, ähnlich der Menschenwürde?

Der Peta-Fall bietet dem Bundesverfassungsgericht Gelegenheit, sich zu dieser Frage zu äußern. Das Gericht hält sich nicht lange mit der Frage auf, ob Tiere Freude und Leid empfinden können wie Menschen. Selbst wenn es so wäre, meint es, stellt das Grundgesetz die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Sie taucht gleich in Artikel 1 Absatz 1 auf, sie ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Rechtsordnung. Daran ändert der Tierschutzartikel nichts. Selbst wenn Tiere aus dem Grundgesetz heraus zu schützen sind, bleibe ein "kategorialer Unterschied zwischen menschlichem, würdebegabtem Leben und den Belangen des Tierschutzes".

Wer Menschen mit Tieren auf eine Ebene stelle, banalisiere die Menschen und ihr Schicksal, entscheidet das Gericht. Der Vergleich auf den Plakaten sei daher eine Beleidigung für die Opfer des Holocaust. Peta darf die Plakate nicht nutzen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt die Entscheidung.

Der "Gebrauch" von Tieren in unserer Gesellschaft

Artikel 1 des Grundgesetzes hat eine sogenannte Ewigkeitsgarantie: Nicht einmal einstimmig könnte das Parlament ihn ändern. Solange sich nicht das Volk selbst eine neue Verfassung gibt, bleibt die Menschenwürde im Zentrum unserer Rechtsordnung. Was also tun wir, wenn sich in der Naturwissenschaft die Anzeichen dafür verdichten, dass zumindest gewisse Tiere einen vergleichbaren rechtlichen Schutz verdienen wie Menschen?

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Lösen wir uns von dem zugespitzten Peta-Fall, erscheint das kategorische Ergebnis des Bundesverfassungsgerichts nicht so zwingend: Ist es nicht möglich, Tiere als gleichwertige Mitgeschöpfe anzuerkennen, ohne dadurch die Würde des Menschen zu schmälern? Verlangt nicht sogar die Würde des Menschen, dass wir auch die Würde anderer Lebewesen respektieren?

Würden wir Tiere rechtlich als gleichwertige Mitgeschöpfe anerkennen, hätte das aber drastische Folgen: Niemand dürfte sie töten, essen, einsperren, ihnen Milch und Eier wegnehmen, sie für Tierversuche nutzen. Dem Menschen würde das nichts von seiner Würde nehmen - aber der "Gebrauch" von Tieren ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Weniger Artikel 1 als unsere Lebenswirklichkeit dürfte der wahre Grund dafür sein, dass wir uns schwer damit tun, ein Tier rechtlich auf eine Stufe mit dem Menschen zu stellen. Natürlich können sich Vorstellungen wandeln. So verweisen manche darauf, dass es einmal undenkbar war, Sklaven oder Ureinwohnern gleiche Rechte zu gewähren.

Wann ein Tier leidet, entscheidet der Mensch

Dennoch steht der Tierschutz im Grundgesetz. Und auch wenn die Rechtsordnung das Tier so nicht auf eine Stufe mit dem Menschen stellt, muss der Staat dafür sorgen, dass Tiere nicht unnötig leiden. Dabei steht der Tierschutz auf Augenhöhe mit anderen Werten aus dem Grundgesetz - zum Beispiel mit der Glaubensfreiheit, der Wissenschaftsfreiheit, der Kunstfreiheit. Er setzt sich nicht automatisch gegen sie durch, sondern steht gleichberechtigt neben ihnen. Wir müssen ihn im Einzelfall gegen die anderen Werte abwägen.

So macht Artikel 20a zum Beispiel Tierversuche nicht von vornherein unmöglich. Aber er setzt der Wissenschaftsfreiheit Grenzen: Tierversuche müssen für wichtige wissenschaftliche Zwecke "unerlässlich" sein. Es müssen alle Vorkehrungen getroffen werden, um den Tieren nicht mehr Leiden zuzufügen als für den Versuch unbedingt nötig. Bei Wirbeltieren müssen die Leiden des Tieres im Hinblick auf den Versuchszweck "ethisch vertretbar" sein.

Nach dem Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier Schmerzen, Leid oder sonstige Schäden zufügen - es sei denn, er hat einen "vernünftigen Grund". Wann ein Tier leidet, beurteilt allerdings der Mensch. Was ein "vernünftiger Grund" ist, entscheidet der Mensch - aus seiner Sicht. Das ist die Schwäche im System, doch anders geht es nicht: Wir können in unserem Denken nicht aus unserer Haut.

Weil wir aber nicht genau wissen, wie andere Lebewesen empfinden, wie sie mit uns zusammenhängen, auf wen und was wir einmal angewiesen sein werden, propagieren viele ein "ökologisches Vorsichtsprinzip": im Zweifel lieber zu viel schützen als zu wenig. Dieses Prinzip vereint den Tierschutz mit den Interessen des Menschen. Am Ende könnten Tier und Mensch davon profitieren.

Doch selbst wenn wir eines Tages dahin kommen sollten, dass wir Tieren eigene Rechte einräumen, könnten diese sie nicht geltend machen. Sie wären darauf angewiesen, dass Menschen ihre Rechte einklagen. Das unterscheidet die Tierbefreiungsbewegung von den Befreiungsbewegungen der Sklaven oder Ureinwohner.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch "Ich bin, was ich darf". Der Text wurde redaktionell bearbeitet.

Zum Autor
  • FinePic Helmut Henkensiefken
    Volker Kitz hat Jura und Psychologie studiert und unter anderem als Wissenschaftler am Max-Planck-Institut gearbeitet. Er lebt als freier Autor und Redner in Berlin. Die Texte dieser Serie basieren auf seinem aktuellen Buch "Ich bin, was ich darf. Wie die Gerechtigkeit ins Recht kommt und was Sie damit zu tun haben".
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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1. Tierschutz
darthmax 18.03.2016
wird aber von Religion ausgehebelt. Ist das ein vernünftiger Grund ?
2. Die Würde des Tieres juristisch manifestieren,
meier12 18.03.2016
wäre ein hohes Ziel und ein Zeichen von hoher Kultur im Umgang mit anderen Lebenwesen unseres Planeten. Ich finde den Gedankengang des Gerichts, durch eine Gleichsetzung der Tierwürde mit der Menschenwürde würde letztere herabgesetzt, vollständig abwegig. Man nimmt uns Menschen kein Stück unserer Würde weg, wenn man diese Würde auch anderen Lebewesen gewährt. Soweit allerdings, dass diese Würde in Gesetzesform kommt, sind wir leider noch nicht. Wir haben auch sehr viel wichtigere Dinge vorneweg SOFORT zu erledigen. Fangen wir bitte mit dem sofortigen Verbot des Schredderns männlicher Küken an. Es gibt darüber hinaus noch viel an grausigen Abläufen in der Nutztierhaltung SOFORT zu ändern, allein schon, um den jetzt schon geltenden Gesetzen nachzukommen.
3. Danke
Michael Strandt 18.03.2016
Hier wird einfach mal deutlich gemacht in einer bildlichen Sprache Was der Unterschied zwischen Menschen und Tierrechten ist
4.
istnurmeinemeinung 18.03.2016
Und wo zieht der ambitionierte Tierrechtler dann die Grenze? Wie sieht es mit ungewünschten Mitbewohnern im Haushalt aus? Muss ich dann eine Räumungsklage gegen die Fliege einreichen, um ihre Würde und das Recht auf Leben nicht zu verletzen? Und wenn ein Tier ein gesetzliches Recht auf Leben eingeräumt bekäme, müsste dann der Staat nicht sicherstellen, dass Katzen den Mäusen nichts mehr antun? Ich fürchte nur, die Katzen werden wenig Verständnis dafür aufbringen. Die interessieren sich nicht im Geringsten für das Leid ihrer Beute.
5. Sehr menschlich
christiewarwel 19.03.2016
Was kümmert den Löwen das Zebra, die Eule die Maus oder den Fuchs die Gans in ihren Fängen? Richtig. Nichts. Jeder nimmt, um zu leben, selbst die Pflanze, an deren Stelle keine andere wächst. Die Würde eines jeden Lebewesens ist unantastbar, nur wo Leben ist, ist auch Tod. Dem können wir uns nicht entziehen.
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