Chai Time Kolumne aus Istanbul

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Sexshop (in Bahrain): Wie läuft das eigentlich bei den Muslimen?

Wie halten es Menschen in muslimischen Ländern mit Sex? Der Islam regelt alle Lebensbereiche, auch diesen. Aber darf man beim Geschlechtsverkehr völlig nackt sein, wann ist Selbstbefriedigung erlaubt? Der Alltag ist geprägt von Unklarheit, kleinen wie großen Ausflüchten und Doppelmoral.

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Die Legende von der dunklen Liebesnacht ist unsterblich. Damals, im November 1965, brach in Nordamerika für mehrere Stunden das Stromnetz zusammen. Genau neun Monate später stieg die Geburtenrate stark an, notierte damals die "New York Times". Seither wird diese Geschichte bei jedem Bericht über einen Energiekollaps wieder ausgekramt.

Nun, in Pakistan fällt der Strom jeden Tag aus, an manchen Orten für bis zu 22 Stunden. Und die Geburtenrate ist ziemlich hoch, vier, fünf Kinder pro Paar sind nichts. Darf man da einen Zusammenhang sehen?

Freunde in Deutschland fragen mich regelmäßig: Wie läuft das eigentlich bei den Muslimen? Geht da was? Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Studentin, sie arbeite an einem Forschungsprojekt über Sexualität und Islam, ob sie mir mal ein paar Fragen stellen könne. Man wird heutzutage ja sehr schnell Experte für irgendetwas, und offensichtlich reicht es, in Pakistan zu leben, um als Fachmann für Sex und Islam zu gelten.

Hier also die Zusammenfassung meines Expertenwissens. Der Islam beansprucht, alle Lebensbereiche zu regeln, also gibt er auch Antworten rund um dieses Thema. Aber wie so oft, sind die Geistlichen sich meist uneinig. Immerhin in der wichtigsten Grundregel stimmen sie überein: Sex ist nur innerhalb der Ehe erlaubt. Daher heiraten Muslime vergleichsweise jung. Im Idealfall ist die Hochzeitsnacht jener Zeitpunkt, zu dem ein Mensch zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hat.

Kurzzeitehe als cleverer Trick

Die Schiiten haben sich etwas ganz Cleveres einfallen lassen: die Kurzzeitehe, die nur ein paar Minuten dauern kann. Aber natürlich gibt es auch viele unverheiratete Paare, und die trinken nicht nur Tee miteinander. Kliniken, die die Jungfräulichkeit wiederherstellen, machen in Pakistan wie in vielen anderen islamischen Ländern deshalb big business.

Die Meinungen über Verhütung gehen weit auseinander, viele halten sie aus sozio-ökonomischen Gründen und zum Schutz vor Krankheiten für sinnvoll. Aber ein Mullah sagt mir, er könne "diese ziellose Kopulation nicht gutheißen". Das Modell des "freien Sex", also ohne religiöse, moralische oder sittliche Restriktionen, sei ja doch eine "sehr westliche, sehr unislamische Erscheinung". Ich glaube, konservative Katholiken sind auch gegen "ziellose Kopulation" und halten nichts von Verhütung, aber da bin ich nun wirklich kein Experte.

Es gibt Religionsgelehrte, die meinen, man dürfe beim Sex nicht vollständig nackt sein. Andere sagen, es sei schon okay, solange die Partner einander nicht allzu genau anguckten. Ob Oralsex erlaubt ist oder nicht, vermochte ich in keinem meiner Gespräche herauszufinden, ohne mich oder meine Informanten in eine unmögliche Situation zu bringen. Meine Fragen dazu ignorierten alle Gesprächspartner beharrlich. Nur einer erklärte, es sei nichts dabei, "solange kein Samen vergeudet wird".

In Erfahrung bringen konnte ich aber, dass viele Geistliche Transvestiten für "pervers" halten. Dabei sind sie in Südasien weit verbreitet und in Pakistan sogar vom Obersten Gerichtshof offiziell als "drittes Geschlecht" anerkannt.

Trieb ist Trieb, und Natur ist stärker als Religion

Homosexualität steht unter Strafe, aber in Pakistan wird niemand deswegen verurteilt, weil Schwule und Lesben sich nicht offen zu erkennen geben. Ich kenne Männer, die verheiratet sind und Kinder haben, aber heimlich Beziehungen zu Männern pflegen. Sie würden sich nie als homosexuell bezeichnen. "Wir treffen uns doch nur zur Entspannung", sagt einer.

Prostitution ist ebenso verboten, aber in Islamabad stehen jeden Abend, nach Anbruch der Dunkelheit, junge, stark geschminkte Frauen an bestimmten Stellen und verkaufen ihren Körper. "Ich habe aus Liebe geheiratet, gegen den Willen meiner Eltern", erzählt eine. "Die Ehe ging schief, aber meine Familie wollte nichts mehr von mir wissen. Und einen neuen Mann, der mich heiratet, werde ich wohl auch nicht mehr finden." Seither schlägt sie sich als Prostituierte durch. Fast alle dieser Frauen haben dramatische Lebensgeschichten. Und manchmal sieht man Polizisten, wie sie sie festnehmen und auf ihre Wachen mitnehmen. Was dort mit ihnen geschieht, hat weder mit Recht noch mit Religion zu tun.

Polygamie ist nach islamischen Regeln erlaubt, gilt aber in Pakistan weitgehend als Tabu. Gleichwohl: Ich kenne mehrere Männer aus allen Schichten, die zwei oder mehr Ehefrauen haben. Man nennt das Polygynie, Vielweiberei. Die islamischen Vorschriften sehen vor, dass alle Frauen gleich behandelt werden müssen. Polyandrie dagegen, also mehrere Ehemänner für eine Frau, ist verboten.

Zum Thema Selbstbefriedigung steht im Koran nichts Eindeutiges. Geistliche sagen, für unverheiratete Männer sei das in Ordnung, solange ihnen die finanziellen Mittel für eine Ehe fehlten oder wenn dadurch eine Vergewaltigung verhindert würde. Aber es sei grundsätzlich besser, seine Zeit damit zu verbringen, Gott zu ehren und zu beten. Denn irgendwie sei Onanieren ja doch unzüchtig.

Letztlich gilt überall auf der Welt: Trieb ist Trieb, und Natur ist stärker als Religion. Viele Geistliche haben es sich nur noch nicht eingestanden. Wo Religion zu sehr unterdrückt, suchen die Menschen sich ein Ventil. Google zufolge suchen nirgendwo so viele Menschen nach pornografischen Inhalten im Internet wie in Pakistan. Meist allerdings ohne Erfolg - mehrere tausend solcher Seiten hat die Regierung sperren lassen.

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Zum Autor
  • Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren. Er ist der Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer und wuchs in zwei Welten auf. Als Südasien-Korrespondent berichtete er für SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL aus Islamabad, Pakistan. Im August 2013 wechselte er nach Istanbul. In seiner Kolumne "Chai Time" berichtet er über den Alltag in der Ferne.

Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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