Weltjugendtag: Erst kommt der Glaube, dann die Moral

Von Alexander Schwabe, Köln

Der Weltjugendtag in Köln ist zu Ende: Geprägt war das Katholikentreffen von einem überwältigenden Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Friedens. Der Papst gewann bei seinem ersten Auslandsbesuch die Herzen der jungen Menschen.

Papst Benedikt XVI.: "Wir lieben ihn so sehr wie Johannes Paul II."
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Papst Benedikt XVI.: "Wir lieben ihn so sehr wie Johannes Paul II."



Köln - Gastgeber Kardinal Joachim Meisner schwebt angesichts des überwältigenden Zuspruchs auf den katholischen Weltjugendtag noch auf Wolke sieben, da haben hochrangige Mitarbeiter der Kölner Erzdiözese bereits Zweifel, ob die Veranstaltung erreicht hat, worauf sie abzielte: die Hinführung der Jugend zu den Wurzeln ihres Daseins.

Denn neben Gebet und Selbstreflexion stand für viele auch der ausgiebige Pub-Besuch auf dem Programm. Die karnevalserprobte Kölner Innenstadt bot neben zahlreichen Kirchen zur inneren Sammlung auch genügend Angebote zur Zerstreuung. Die Begegnung mit dem Papst verkam in den Straßen Kölns des Öfteren zu albernem Gaffertum. Mädchen kreischten sich heiser, wie ihre Mütter es früher vielleicht bei Auftritten der Beatles taten.

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Weltjugendtag: Beten, beichten, bibbern

Die Innenstadt glich an den Abenden phasenweise einem Tollhaus. Der Verkauf religiöser Artikel, Fahnen aller Herren Länder, Papst-T-Shirts, das Auftreten religiöser Rattenfänger wie der Steinzeit-Sekte der "Zwölf Stämme", die in der Fußgängerzone zum Rundtanz einluden, hätten Jesus wohl eher dazu geführt, aufzuräumen, so wie er einst die Händler, Wechsler und Taubenkrämer aus dem Tempel warf.

Eviva Espania und Viva Colonia

Bisweilen zogen alkoholisierte Gruppen aus Bayern - der Heimat Joseph Ratzingers - durch die Fußgängerzone und grölten. Doch auch andere euphorisierte Gruppen überzogen das kirchlich Gewohnte: Statt sanften "Dona nobis pacem"-Gesängen füllten immer wieder der Gassenhauer "Eviva España" oder der Karnevalsbrüller "Viva Colonia" die Luft. Selbst vor der Vigil-Feier auf dem Marienfeld war zu vernehmen: "Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust, wir haben eine Dauerkarte und gehen in den Puff."

Auch wenn diese Erscheinungsformen des kirchlicherseits durchaus geschätzten Event-Charakters des Mammuttreffens wenig mit Besinnlichkeit und Selbstvergewisserung zu tun haben - von Sodom und Gomorrha war der Weltjugendtag insgesamt weit entfernt. Freundschaft, Rücksicht und Fröhlichkeit überwogen bei weitem. Die "wehrlose Macht der Liebe", von der Benedikt XVI. während des Abendgebets auf dem Marienfeld vor 700.000 Besuchern sprach, war präsenter als der Übermut einiger Schreihälse.

Schon in den Tagen vor dem Eintreffen Benedikts am Donnerstag war der Weltjugendtag ein Fest der weltweiten Verbrüderung unter Brüdern und Schwestern. Die Partikular-Identitäten der jungen Christen, etwa ihr Nationalstolz, den sie Fahnen schwingend ausdrückten, ihre Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt und der örtlichen Gruppe, der sie angehören, ging auf in eine allumfassende Glaubens-Identität. Der Apostel Paulus sprach in diesem Zusammenhang davon, dass es in Christus weder Jude noch Grieche gebe.

"Sehnsucht nach Ganzheit"

Was aber bewegt Hunderttausende Jugendliche, wie die Sardinen unter dem Hügel, von dem der Nachfolger des Menschenfischers Petrus spricht, auf freiem Feld auf Iso-Matte und im Schlafsack zu nächtigen? Was bewegt junge Frauen, sich darum zu reißen, alten Männern in Bischofskluft oder in Kardinalsrot die Hand zu schütteln? Was führt sie dazu, nicht etwa nur einen jungen Mann anzuhimmeln, den sie gerade kennen gelernt haben, sondern Priestern zuzujubeln, die ihnen auf der Straße im Kolarhemd entgegenkommen?

"Es ist die Sehnsucht des Menschen nach Ganzheit", sagt der Benediktinermönch Bruder Jesaja, der mit einer Jugendgruppe aus dem Kloster Münsterschwarzach nach Köln gekommen ist. "Der Papst steht für etwas Größeres, für das unfassbare Geheimnis eines jeden Menschen", sagt der 33-Jährige. Dabei gehe es in erster Linie um den Glauben und dann erst um die Moral.

Immer wieder wurde von Repräsentanten der katholischen Kirche in den letzten Tagen darauf hingewiesen, dass es nicht nur darum gehen könne, ausschließlich auf die immer wiederkehrenden neuralgischen Fragen der Moral zu fokussieren. Vielmehr müsse man sich intensiv dem Proprium der Kirche, dem Eigentlichen der Religion, dem Glauben und der Spiritualität widmen. Fragen der Moral waren somit vordergründig kein großes Thema.

Schwere Schuldgefühle in den Beichtstühlen

Hinter den Kulissen jedoch, in den rege frequentierten Beichtstühlen, waren Fragen der Sexualität sehr wohl Gegenstand der Gespräche. Dabei zeigten sich deutsche Priester verwundert über die teils sehr zurückgebliebenen Moralvorstellungen vieler Jugendlicher. "Man fühlt sich in die fünfziger Jahre zurückversetzt", sagte ein Kirchenmann.

Viele Jugendliche beichteten, dass sie schon Sex vor der Ehe haben und hier die Lehre der Kirche nicht befolgten. Dies führe, so ein Priester, bei vielen zu tiefen inneren Konflikten. Besonders junge Katholiken aus den USA litten unter schweren Schuldgefühlen. "Wehe, sie geraten an einen konservativen Opus-Dei-Mann", sagt der liberale Kleriker, "da besteht leicht die Gefahr, dass ihr Schuldkomplex noch verstärkt wird."

Kritik am Programm des Weltjugendtages gab es von gläubigen Katholiken, die sich von den Veranstaltern des Weltjugendtages ausgeschlossen fühlten. Einige dieser Gruppen boten Parallelveranstaltungen an. Die aus dem Kirchenvolksbegehren 1995 hervorgegangene katholische Basisbewegung "Wir sind Kirche" machte mit einer Aktion "Gute Katholiken verwenden Kondome" auf das kirchliche Verbot Empfängnis verhütender Mittel aufmerksam. Auf einem Podium des Vereins "Homosexuelle und Kirche" (HuK) wurde unter großem Applaus gefordert, dass die Lebensform von Millionen Schwulen und Lesben von der Kirche akzeptiert werden müsse.

Der Papst gewinnt die Herzen

Der Papst schwieg zu den brisanten Fragen der Sexualmoral, zum Zwangzölibat für Priester und dem Verbot des Frauenpriestertums. Er beeindruckte jedoch durch ein demütiges Auftreten ohne jede Eitelkeit und Wichtigtuerei. Das verlieh ihm Glaubwürdigkeit. So gewann er die Herzen der Jugend. Er strahlte Sanftmut aus. Wenn er winkte, zappelten seine Finger, als ob er gerade Mozart intonierte. Drei 15-jährige Knaben aus dem polnischen Lublin sagten auf dem Marienfeld übereinstimmend: "Wir lieben Benedikt so sehr, wie wir Johannes Paul II. liebten."

Der neue Pontifex imponierte ferner inhaltlich. Er räumte ein: "An der Kirche kann man sehr viel Kritik üben. Wir wissen es." Bei der Eucharistiefeier heute früh gelang es ihm, den Kern des Glaubens, die Überwindung des Todes durch selbsthingebende Liebe, wie es Christus vorgelebt hat, theologisch tief und gedanklich scharf plausibel zu machen - Früchte eines langen Lebens als Dogmatiker. Selbst die komplexen theologischen Gedankengänge in seiner Predigt kamen an. Unmittelbar nach dem Amen, bedankten sich die Jugendlichen mit anhaltendem Applaus und den obligaten "Benedetto"-Rufen, die ihm offensichtlich immer weniger unangenehm sind. Langsam findet der neue Papst in die Rolle, die seine Fans ihm zugeschrieben haben.

Am Ende der Messe entsandte der Papst die Jugendlichen in ihre Heimatländer - nicht ohne zuvor zum nächsten Weltjugendtag nach Sydney 2008 einzuladen. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass der äußeren Pilgerschaft der Teilnehmer des katholischen Weltjugendtages nun die innere folge, dass die spirituelle Erfahrung das künftige Leben der Jugendlichen bestimme. Allzu häufig allerdings verflachen Liebesflutungen, die auf Mega-Events die Teilnehmer überschwemmen, im Alltag.

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