Widerstand gegen Hitler Entzauberung eines vermeintlichen Märtyrers

Die Kirchen in Deutschland waren tief in die Nazi-Diktatur verstrickt, nur wenige Christen widerstanden. Zu ihnen wird der spätere Bischof Hanns Lilje gezählt, ein Theologe mit Kontakten zu Männern des 20. Juli 1944. Doch neue Forschungen zeigen: Liljes Opposition gegen die Nazis ist eine evangelische Legende.

Von Alexander Schwabe


Die evangelischen Kirchen sind nicht reich gesegnet mit Pfarrern oder Bischöfen, die sich in der Nazi-Zeit als Widerstandskämpfer hervorgetan haben. Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller waren rühmliche Ausnahmen, die "Bekennende Kirche" eine winzige Minderheit. Als ein weiterer vorbildlicher Glaubenszeuge galt bisher Pastor Hanns Lilje aus Hannover. Nach dem Krieg machte er Karriere wie kaum ein anderer und wurde Bischof.

Hanns Lilje: "Eine der stärksten Gestalten des deutschen Protestantismus"
DPA

Hanns Lilje: "Eine der stärksten Gestalten des deutschen Protestantismus"

Liljes Verklärung begann früh: Nur zwei Jahre nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945 lobte der "Internationale Biographische Dienst" den vom Volksgerichtshof Verurteilten als einen, der die "eisernen Fenstergitter und Türen des berüchtigten Gefängnisses von Moabit mit seinem ungebrochenen Geist schon gesprengt" habe, "längst ehe nach dem Einmarsch der alliierten Truppen in Berlin die Zellen sich öffneten". Lilje wird gepriesen als einer der "kühnsten Sprecher" der Bekennenden Kirche und als "Prediger des inneren Widerstands".

Im selben Jahr, im April 1947, wurde Lilje in einem Artikel der einflussreichen englischen Zeitung "British Zone Review", dem wichtigsten Presseorgan des Kontrollrats und der Militärregierung der britischen Besatzungszone, als mutiger Deutscher dargestellt, der von der Gestapo verhaftet wurde, weil er in das Komplott vom 20. Juli verstrickt gewesen sei.

Seitdem wird er in einem Atemzug mit den Widerstandskämpfern Theodor Stelzer, Fabian von Schlabrendorff, Helmut von Moltke und Eugen Gerstenmaier genannt. Als einer der wenigen sei er davongekommen, bevor NS-Schergen ihn hinrichten konnten. Von Anfang an habe er gegen die Nazis opponiert.

In Wahrheit hatte sich Lilje keineswegs von Anfang an gegen die Nazis gestellt. Auch war er nicht zum Tode, sondern zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Gleichwohl blieb der Artikel von Lilje unwidersprochen. Er bescherte ihm hohes Ansehen und möglicherweise die von den Briten vergebene Lizenz, das "Sonntagsblatt" herausgeben zu dürfen.

So scheint es nicht vermessen, dass sein Nachfolger bei der Hannoverschen Landeskirche, Bischof Eduard Lohse, ihn 1985 in eine Reihe mit den Urchristen stellte, die von den Häschern der Cäsaren gefangen, gefoltert und getötet wurden. Damit wurde Lilje vollends zum Märtyrer, obwohl bereits Ende der sechziger Jahre ein heftiger Streit um seine Rolle während und nach der Diktatur entbrannt war.

Nun regt sich erneut Widerstand gegen Liljes Mythologisierung innerhalb der Kirche. Die Stilisierung des Ex-Bischofs sei "völlig unangemessen", urteilt der Göttinger Pastor Hartwig Hohnsbein.

Während der vergangenen vier Jahre hat er an der Broschüre "Hanns Lilje, Sein Engagement für den NS-Staat und Neues aus der Gestapo-Haft" gearbeitet, die dieser Tage erscheint. Er will mit der "Legende vom Widerstandskämpfer Hanns Lilje" aufräumen. Der Ruheständler erwarb bereits große Verdienste bei der Aufklärung eines anderen, dunklen Kapitels der Kirchengeschichte: der Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Dritten Reich.

Fernschreiben ans Führerhauptquartier

Der Prozess gegen Lilje unter dem Vorsitzenden Richter Roland Freisler wurde geführt, weil der Kirchenmann wegen seiner vielfältigen Auslandsbeziehungen des "Landesverrats" und zudem der "Feindbegünstigung" verdächtigt worden war. Denn Lilje kannte Carl Goerdeler, Oberbürgermeister von Leipzig und Anführer des zivilen Widerstands vom 20. Juli. Der wurde 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Volksgerichtshof-Präsident Freisler (Mitte) bei der Urteilsverkündung im Prozess gegen die Beteiligten und Mitwisser des Attentats vom 20. Juli
DER SPIEGEL

Volksgerichtshof-Präsident Freisler (Mitte) bei der Urteilsverkündung im Prozess gegen die Beteiligten und Mitwisser des Attentats vom 20. Juli

Am 18. Januar 1945 ging ein Fernschreiben aus der Partei-Kanzlei Berlin an das Führerhauptquartier. Es war an den Reichsleiter Martin Bormann gerichtet und mit "Heil Hitler, gez. Dr. Hopf" unterschrieben. Darin abgehandelt wird unter Punkt 5 die Vernehmung von "Dr. Lilje, Generalsekretär des lutherischen Weltkonvent". Beschrieben wird der Delinquent als ein "wortgewandter Theologe", "von kleiner gedrungener Gestalt".

Ergebnis der Verhandlung ist laut Protokoll, dass Goerdeler Lilje am 29. Juli 1944 - neun Tage nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler - in Berlin aufgesucht und darum gebeten hat, ihm bei der Flucht ins Ausland zu helfen. Lilje habe es abgelehnt, für Goerdeler einzutreten. Dann heißt es: "Er hat den Besuch Goerdelers der Polizei zunächst nicht gemeldet."

"Zunächst nicht gemeldet" - dies impliziere: "später aber doch", so Hohnsbein. Seine Forschungen werfen einen schlimmen Verdacht auf: War der so unbescholtene Lilje ein Denunziant?

Der Münchner Kirchenhistoriker Harry Oelke hält dies für abwegig. Seine Begründung: Aus dem Urteil des Volksgerichtshof gehe hervor, dass Lilje schuldig gesprochen wurde, weil er sein "Wissen um des Verräters Goerdeler Fluchtweg nicht gemeldet" hatte.

"Im finsteren Tal"

Hohnsbein führt jedoch einen weiteren Punkt an, der Lilje fragwürdig erscheinen lässt. "Im finstern Tal" heißt ein erstmals 1947 erschienenes Buch, in dem Lilje seine Erfahrungen während der viermonatigen Gestapo-Haft niederschrieb. Darin stellt er die Begegnung mit Goerdeler an jenem 29. Juli anders dar. Als Goerdeler auf der Flucht um seinen Rat gebeten habe, "habe ich ihm geholfen, wie es die Kirche in vergangenen Jahrhunderten oft getan", schreibt er.

Hohnsbein hat herausgefunden, dass in der 1. Auflage ein Satz folgt, der in den weiteren gestrichen wurde: "Die als Belohnung für seine Ergreifung ausgesetzte 1 Million schlug ich also aus", schreibt Lilje. Daraus folgert Hohnsbein: Die Million wurde Lilje angeboten, weil er Goerdelers Besuch bei Hitlers Schergen angezeigt hatte.

Kopf des zivilen Widerstands: Carl Friedrich Goerdeler
AFP/ GDW

Kopf des zivilen Widerstands: Carl Friedrich Goerdeler

Oelke entkräftet auch hier: Der gestrichene Satz bedeute nicht notwendigerweise, dass Lilje Goerdeler verraten habe. Möglicherweise sei Lilje lediglich versucht worden, Hinweise zu geben - die er jedoch nie gab.

Nach Einschätzung der Goerdeler-Tochter Marianne Meyer-Krahmers hat Lilje jedenfalls nicht zur Ergreifung ihres Vaters beigetragen. Gegenüber SPIEGEL ONLINE sagte sie, sie teile jedoch Hohnsbeins Urteil, wonach Lilje dem bittenden Goerdeler entgegen seiner Darstellung jegliche Hilfe verweigerte. Lilje habe ihrem Vater bestenfalls den Rat gegeben, zurück nach Leipzig zu gehen.

"Verlässlicher Parteigänger für die NS-Machthaber"

Weit weniger umstritten ist Hohnsbeins These, dass Lilje kein entschiedener Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Barbarei war. Im Gegenteil, so der Pfarrer: "Er war verlässlicher Parteigänger für die NS-Machthaber, bis er, sehr zufällig, selbst in das Räderwerk ihrer brutalen Unrechtsordnung kam."

Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller durch den Schreiner Johann Georg Elser - zu einer Zeit als in Deutschland längst Bücher und Synagogen brannten und Hitlers Angriffskrieg begonnen hatte - schreibt Lilje in der Zeitschrift "Furche": "Dass durch solche Anschläge der Siegeswille des nationalsozialistischen Deutschland nicht gelähmt werden darf, bedarf keines Wortes."

1941 bringt er die Schrift "Der Krieg als geistige Leistung" heraus. Darin stellt er Gott in den Dienst nationaler deutscher Belange. "Es muss nicht nur auf den Koppelschlössern der Soldaten, sondern in Herz und Gewissen stehen: Mit Gott! Nur im Namen Gottes kann man dies Opfer legitimieren." Soldaten hatte er zuvor als Männer qualifiziert, die jetzt wieder den "grauen Rock der Ehre" tragen.

Zur Rechtfertigung des Einsatzes der Soldaten im Krieg führt er das Jesus-Wort an: "Wer sein Leben lieb hat, wird es verlieren." Für den Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann ein schwerer exegetischer Missgriff. Das aus dem Kontext der Nachfolge Jesu stammende Wort sei auf keinen Fall auf den Dienst mit der Waffe beziehbar. "Der spätere Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche Hannovers", so Lüdemann, "setzt die aktive Teilnahme am verbrecherischen Krieg Nazi-Deutschlands mit der Nachfolge Jesu gleich".

Auch Liljes Umgang mit der Nazi-Vergangenheit nach dem Krieg wird mittlerweile kritisch beurteilt. Nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes brach innerhalb der evangelischen Kirche ein Richtungsstreit aus. Vor allem Niemöller von der Bekennenden Kirche, der sieben Jahre lang im Konzentrationslager Dachau eingesperrt war, trat für einen kirchlichen Neuanfang ein. Regimetreue Pfarrer und Kirchenführer sollten keine Rolle mehr spielen.

Verurteilung des 20. Juli

Als der hannoveranische Landesbischof August Marahrens, ein Parteigänger der Nazis und Antisemit, erst zwei Jahre nach Kriegsende zurücktrat, übernahm Lilje, den Marahrens 1945 zum Landeskirchenrat ernannt hatte, das Amt, mit dem Ziel, die "institutionelle Kontinuität der Hannoverschen Landeskirche zu wahren", so der Politikwissenschaftler Joachim Perels. Obwohl Lilje die Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945 unterschrieb - hinter die sich seine Hannoversche Landeskirche unter Bischof Marahrens jedoch nicht stellte - sollte er sich schon bald von ihr distanzieren. Lediglich vier Jahre nach dem Ende der Nazi-Gräuel forderte er, einen Schlussstrich zu ziehen, eine "Liquidation unserer Vergangenheit".

Perels Forschungen zufolge vermochte Lilje auch nach der Zerschlagung des Dritten Reiches den politischen Widerstand gegen Hitler nicht zu legitimieren. Die Machtergreifung hatte er als "Gottesstunde" begrüßt, das Nazi-Regime verstand er als Teil eines göttlichen Plans.

Im "Sonntagsblatt" schreibt Lilje noch im Jahr 1951: "Da auch die größte geschichtliche Tat nie ganz von Schuld frei ist, müssen wir hinzufügen, dass die Männer des 20. Juli, wo auch Schuld in ihrer Tat gewesen sein mag, mit ihrem Leben gesühnt haben." Sühnen aber kann man, so Perels, nur für Unrecht. Lilje verurteile somit die Tat vom 20. Juli - der Schuldspruch gegen die Widerstandskämpfer aber werde dadurch legitimiert.



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