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Gastbeitrag von Frei Betto: Wie sich Fidel Castro mit der Kirche versöhnte

Der Papst in Havanna - lange Zeit wäre ein solcher Besuch unmöglich gewesen. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt Frei Betto, ein Freund Fidel Castros, wie er den Comandante einst überzeugte, auf die katholische Kirche zuzugehen.

Im Juli 1980 traf ich zum ersten Mal Fidel Castro. Es war in Managua, beim ersten Jahrestag der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Weil ich dachte, dass es meine einzige Gelegenheit bleiben würde, mit ihm zu reden, stellte ich ihm zwei Fragen.

"Comandante, wie verhält sich die Revolution zur katholischen Kirche?", begann ich. "Ich glaube, es gibt drei mögliche Antworten. Erstens: Die Katholiken werden verfolgt - in diesem Fall erweist die Revolution dem Weißen Haus einen guten Dienst. Es wäre der Beweis, dass Revolution und Religion nicht zu versöhnen sind. Zweitens: Die Revolution steht den Katholiken gleichgültig gegenüber - das hätte zur Folge, dass sie in den Kirchen Zuflucht suchen. Drittens: Die Revolution hält einen politischen Dialog mit allen kubanischen Institutionen aufrecht, auch mit der katholischen Kirche."

Fidel zeigte sich überrascht und erwiderte: "Sie haben recht. Die dritte Hypothese ist die vernünftigste. Aber ich habe seit 16 Jahren mit keinem kubanischen Bischof gesprochen. Wären Sie bereit, uns bei der Wiederannäherung zu helfen?"

Ich stellte ihm noch eine zweite Frage: "Warum sind der Staat und die Kommunistische Partei Kubas konfessionell gebunden?" Fidel antwortete verblüfft: "Wie, konfessionell gebunden? Wir sind Atheisten!" Ich erwiderte: "An die Existenz Gottes zu glauben oder sie zu verneinen ist pure Konfession. Die Moderne verlangt, dass Staat und Parteien laizistisch ausgerichtet sind."

Fidel sagte, er habe das Thema nie von dieser Warte aus betrachtet.

Ich übernahm mit Zustimmung der kubanischen Bischofskonferenz die schwierige Aufgabe, katholische Kirche und Staat einander anzunähern. Ein entscheidender Moment war im Mai 1985, als Fidel und ich ein langes Gespräch über religiöse Themen führten. Es erschien unter dem Titel "Nachtgespräche mit Fidel" auch in Deutschland als Buch. Es war das erste Mal, dass ein kommunistischer Staatschef sich positiv über Religion aussprach.

Der Atheismus wurde schließlich sowohl aus der Verfassung wie auch aus den Statuten der Kommunistischen Partei getilgt. Der Staat wurde offiziell für laizistisch erklärt.

Die Revolution war nicht gegen die Religion gerichtet

Fidel bekannte sich öffentlich zum christlichen Glauben, und damit nahm er den Dialog mit den Bischöfen und dem kubanischen Volk wieder auf. Und zwar auch mit jenen kommunistischen Parteigängern, die ihre religiösen Überzeugungen jetzt nicht mehr zu verstecken brauchten. Der "wissenschaftliche Atheismus" wurde aus den Schulbüchern gestrichen.

Die Religiosität der Kubaner ist vom Synkretismus bestimmt: Das Christentum spanischer Tradition, das unter dem Einfluss des Diktators Franco stand, verbindet sich mit religiösen Traditionen aus Afrika, die von den Sklaven auf die Insel gebracht wurden, die auf den Zuckerrohrplantagen schufteten. So entstand die "Santería"-Religion, bei der die katholischen Heiligen mit afrikanischen Gottheiten und Magie vermischt werden.

Die Revolution war nicht gegen die Religion gerichtet gewesen. Fidel und sein Bruder Raúl stammen aus einer katholischen Familie, Fidel besuchte über zehn Jahre lang katholische Internate, zunächst beim Orden der Schulbrüder, anschließend bei den Jesuiten. Das heißt, dass er täglich an Messen teilnahm, so wie es damals üblich war.

Lina, die Mutter der beiden revolutionären Comandantes, hatte ihnen das Versprechen abgenommen, ihre Waffen zu den Füßen der kubanischen Nationalheiligen, der "Virgen de la Caridad del Cobre", in der Provinz Santiago de Cuba niederzulegen, wenn sie lebend aus der Sierra Maestra zurückkehrten, wo die Guerilla ihr Hauptquartier hatte. Sie erfüllten ihrer Mutter dieses Versprechen. Bei meinem ersten Besuch auf Kuba im Jahr 1981 sah ich die Waffen, sie waren in der Kirche ausgestellt.

In der Sierra Maestra verfügte die Guerilla auch über einen Kaplan, Pater Guillermo Sardiñas, der die Unterstützung der Amtskirche hatte. Er taufte die Söhne und Töchter der Landarbeiter, vollzog Hochzeiten und beerdigte die Toten, die im revolutionären Kampf gefallen waren. Nach dem Sieg wurde Sardiñas mit dem höchsten Titel ausgezeichnet, den die Revolutionäre zu vergeben hatten: Er wurde zum Comandante der Revolution ernannt und erhielt von Papst Johannes XXIII. die Erlaubnis, eine olivgrüne Soutane zu tragen.

Erst nachdem Präsident John F. Kennedy im Jahr 1961 die später gescheiterte Söldnerinvasion in der Schweinebucht angeordnet hatte, begab sich Kuba in die Arme der Sowjetunion. Fidel Castro erklärte nun, dass die Revolution "sozialistischen Charakter" besitze. Es wurde zwar keine Kirche geschlossen und kein Priester oder Pastor standrechtlich erschossen. Aber der Import von Büchern über Katechismus und Theologie, inklusive der Bibel, wurde verboten. Priester und Pastoren mussten sich einer "ideologischen Umerziehung" in Arbeitslagern unterziehen. Die Kubaner zogen sich zur Ausübung ihres Glaubens in ihre Häuser und Kirchen zurück. Als "Folklore" zugelassen war nur die Santería. Nur dank der Freundschaft zwischen Fidel Castro und dem Apostolischen Nuntius, Monsignore Cesare Zacchi, brach Kuba die Beziehungen zum Vatikan nie ab.

Im Land vollzieht sich ein wichtiger Wandel

Der Annäherungsprozess zwischen Kirche und Regierung, an dem ich beteiligt war, hat schließlich den Besuch von Johannes Paul II. im Jahr 1998 ermöglicht. Das Weiße Haus übte damals großen Druck aus. Der Papst solle nicht nach Kuba fahren. Und wenn er fahre, sagte man ihm, solle er zumindest den Sozialismus verdammen. Doch Johannes Paul II. fuhr nach Kuba, blieb fünf Tage, besuchte alle Diözesen und knüpfte freundschaftliche Bande zu Fidel Castro. Er verurteilte die Wirtschaftsblockade der USA und lobte die Fortschritte der Revolution im Gesundheits- und Bildungswesen.

Sein Nachfolger Benedikt XVI. besuchte die Insel im März 2012 aus Anlass des 400. Jahrestages der Auffindung der Heiligenfigur "Virgen de la Caridad del Cobre". Auch er verurteilte die Blockade, drängte auf mehr Religionsfreiheit, und er trat für die Wiedereröffnung der katholischen Schulen ein.

Heute sind die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der Regierung hervorragend. Präsident Raúl Castro und Jaime Ortega, Erzbischof von Havanna, sprechen von gegenseitiger Bewunderung. Ortega hat sich entscheidend für die Verteidigung der Menschenrechte und die Freilassung politischer Gefangener eingesetzt.

Kubas Katholiken vertreten heute das Recht auf eine Demokratie, die weder dem Autoritarismus sowjetischer Prägung folgt noch jenem Kapitalismus, der so viel Leid und Elend nach Lateinamerika gebracht hat. Auch aus diesem Grund hat Papst Franziskus sich aktiv für die Wiederannäherung zwischen den USA und Kuba eingesetzt. Er schrieb bekanntlich Briefe an Barack Obama und Raúl Castro und empfing Delegationen beider Seiten.

Die Kubaner haben am 17. Dezember vergangenen Jahres mit Erleichterung die Worte Obamas zur Kenntnis genommen, dass die Blockade "kaum funktioniert" habe. Allerdings ist noch offen, wie Fidel mir im Januar sagte, ob sich "nur die Methoden ändern oder auch die Ziele" der US-Politik. Wollen die USA wirklich einen Neuanfang, oder streben sie weiterhin den Sturz des Systems an?

Franziskus wird bei seiner Reise gewiss mit der für Kuba typischen Wärme und Solidarität empfangen werden. Er wird zu einer Zeit in Havanna landen, in der sich im Land ein wichtiger Wandel vollzieht. Die Wirtschaft des Landes öffnet sich für neue Partner, die Bevölkerung sieht diesen Prozess mit Hoffnung und Vorsicht.

Sie hofft, dass die Insel riesige Investitionen erhält, dass sich die Zahl der bislang drei Millionen Touristen pro Jahr verdoppelt und mehr Devisen ins Land kommen. Sie ist aber auch vorsichtig, weil - wie ein kubanischer Freund mir anvertraute - "der Tsunami der Konsumgesellschaft mit der revolutionären Enthaltsamkeit zusammenprallen wird". Die Zeit wird zeigen, welches Profil das einzige im Westen verbliebene sozialistische Land annehmen wird.

Zum Autor
  • imago
    Der brasilianische Dominikanermönch Frei Betto, Jahrgang 1944, ist einer der bekanntesten Befreiungstheologen Lateinamerikas und Autor zahlreicher Bücher über Religion und Politik. Er ist mit Fidel Castro befreundet, ist aber auch ein langjähriger Weggefährte des brasilianischen Ex-Präsidenten Luiz Inácio "Lula" da Silva. Im Jahr 2013 wurde Frei Betto von der Unesco für seinen Einsatz für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit ausgezeichnet.

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1. Tja, wenn's dem Ende entgegen geht,
Holledauer 19.09.2015
dann geht auch so einem Revolutionär die Muffe! Ich stelle dies auch in meinem Bekanntenkreis fest: Ein inzwischen beinahe 80-jähriger moslemisch erzogener Mann, bezeichnete lange Zeit den Islam als Ausgeburt einiger Verrückter. Jetzt, wo er auch sein Ende nahen fühlt, zitiert er bei jeder Gelegenheit: "Der Prophet hat gesagt ......." Putin hat schon sehr früh verstanden, dass es Vorteile hat, sich der Kirche zuzuwenden.
2. So
forumgehts? 19.09.2015
Zitat von Holledauerdann geht auch so einem Revolutionär die Muffe! Ich stelle dies auch in meinem Bekanntenkreis fest: Ein inzwischen beinahe 80-jähriger moslemisch erzogener Mann, bezeichnete lange Zeit den Islam als Ausgeburt einiger Verrückter. Jetzt, wo er auch sein Ende nahen fühlt, zitiert er bei jeder Gelegenheit: "Der Prophet hat gesagt ......." Putin hat schon sehr früh verstanden, dass es Vorteile hat, sich der Kirche zuzuwenden.
sehe ich das auch, schliesslich kann man ja nie wissen...... und sicher ist sicher! Aber wenigstens uns "Christen" kann nichts passieren, denn Gott verzeiht immer. Das ist sein Job! Und Sinn für Humor hat er ja im Überfluss, wenn man sich die Zustände hinieden so anschaut.
3. Auf der Welle des sozialen zurück ins Mittelalter ...
simplemind 19.09.2015
so verschafft sich hier die Kirche in Kuba langsam eine Art Staatskirchentum wo sie wieder schön mitreden kann vorbei an jeder demokratischen Legitimation. Schön das soziale Gewissen der Gesellschaft für sich beanspruchend und dann nach Gutdünken auslebend - Sie sind ja die Guten. Ob Sie sich auch so für die Rechte von Homosexuellen, HIV Infizierten und der demokratischen Opposition einsetzen?
4. Aufbau einer geregelten Marktwirtschaft
butzibart13 19.09.2015
Es wäre schön für das Land, wenn es einen Weg "China light" gehen könnte, also einen moderaten Sozialismus mit gezügelten kapitalistischen Ideen. Weder das eine, der Weg zurück in die freiheitsberaubende Diktatur noch der Ausverkauf an die Geier des Turbokapitalismus der USA wäre wünschenswert.
5. Unterscheidungen
Ossifriese 19.09.2015
Was unterscheidet einen Sozialisten/Kommunisten von einem Christen? Nicht viel, wenn beide ihre Ansichten aufrichtig und gradlinig verfolgen. Herr Betto scheint ein solcher Mann zu sein. Wie sagte mein alter Pastor schon Ende 60er Jahre?: "Auch Jesus war Kommunist." Interessant übrigens die Definition des Laizismus, die sowohl den Gottesglauben, als auch den Atheismus einbezieht.
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Fotostrecke
Kuba und USA: Historische Wende nach 50 Jahren

Fläche: 109.884 km²

Bevölkerung: 11,238 Mio.

Hauptstadt: Havanna

Staats- und Regierungschef: Raúl Castro

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