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Sprung aus Waggonfenster: Wie Halina Ashkenazy der Deportation entkam

Aus Tel Aviv berichtet

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Autorin Halina Ashkenazy: "Keine Ahnung, wie wir überlebt haben"

In letzter Sekunde entkam die polnische Jüdin Halina Ashkenazy durch einen Sprung aus dem Waggonfenster dem Tod im Konzentrationslager. Danach musste sie sich allein durchschlagen. Die Literatur war ihre Rettung nach dem Holocaust. Sie begann zu schreiben und ist heute - mit fast 90 - umtriebiger denn je.

Halina Ashkenazy hat ein Faible für deutsche Lyrik. Aus dem Stegreif trägt sie Heines Loreley oder Goethes Erlkönig vor und freut sich dabei wie ein Kind. "Ich habe diese Sprache so lieb, auch wenn ich sie jahrelang nicht ertragen konnte", sagt sie. Gründe dafür hat sie genug.

Ashkenazy ist knapp 90, eine zierliche, gebildete Frau, die umwerfend und etliche Jahre jünger aussieht. Sie lernte Deutsch in der Schule, auch in der Familie beherrschte es jeder. 1924 wurde sie in Warschau geboren. Der Vater starb an Magenkrebs, als Halina gerade ein Jahr alt war. "Ich habe dieses Wort nie gesagt, Tata, Papa", sagt sie traurig. Ein kränkliches Kind sei sie gewesen, bis zum dritten Lebensjahr habe sie gar nicht gesprochen.

Der Vater war Zionist und Antikommunist, er ging von Berlin in die Ukraine und später nach Polen, arbeitete für eine US-Organisation, die jüdischen Verfolgten bei der Auswanderung in die USA oder nach Palästina half. Halinas Mutter blieb nach seinem Tod allein. Sie war Lehrerin, eine engagierte Sozialistin, die abends Kurse gab für Analphabeten aus der Arbeiterklasse. "Wir waren assimiliert und patriotisch, gefühlsmäßig sehr an Polen gebunden", erinnert sich Halina. "Aber die Polen wollten uns nicht."

Als die verwitwete Mutter nicht mehr arbeiten durfte und die geliebte Schwester in die Sowjetunion floh, verfiel sie in Depressionen. Mutter und Tochter wurden ins Warschauer Ghetto gesperrt und lebten dort von dessen Gründung im Oktober 1940 bis zum Aufstand im April 1943. Halina unterstütze die Widerständler, indem sie heimlich Lebensmittel besorgte, wofür sie viele Jahre später vom polnischen Präsidenten ein Verdienstkreuz überreicht bekam. "Es ist so viel darüber geschrieben worden", seufzt sie. "Wie wir überlebt haben? Ich habe nicht die geringste Ahnung!"

Fleckfieber und Tuberkulose

Im Ghetto grassierten Fleckfieber und Tuberkulose, die Menschen starben auf der Straße, verhungerten vor den Augen der Passanten. Die Situation war unvorstellbar angespannt - 1941 drängten sich 460.000 Menschen auf einer Fläche von drei Quadratkilometern hinter der meterhohen Mauer. 100.000 starben bis Juli 1942, als die Deportationen in die Konzentrationslager begannen.

Auch Halina, ihre zwei Jahre ältere Cousine und die Mutter wurden zum Abtransport in einen Zug verfrachtet. Als die Türen des Waggons zufielen, gab es nur noch einen Ausweg: einen schmalen Spalt in der Wand.

"Ein Mädchen zeigte mir, wie man durch die Lücke kommt. Das war machbar, nach der Zeit im Ghetto war ich so abgemagert, dass ich aussah wie eine Zwölfjährige." Gemeinsam mit der Cousine zwängte sie sich durch den Spalt und floh. Ihre Mutter blieb im Waggon zurück. "Sie hatte Verbindung zu einem katholischen Priester und mir immer eingeschärft: Geh zu Vater Kubatzki, er wird dir helfen."

Die beiden jungen Frauen liefen ins nächste Dorf und kauften sich eine Fahrkarte nach Warschau. Auf dem Provinzbahnhof herrschte ein unvorstellbares Gedränge von Händlern, die Lebensmittel in die Stadt brachten. Überall wurde bereits nach den jüdischen Transport-Flüchtlingen gesucht.

"Sie schauten durch mich hindurch"

Die Cousine sprang auf einen Waggon, Halina wurde in letzter Sekunde von einem Jungen in einen anderen gezogen. Nach etwa 20 Minuten hätten "Männer in schwarzen Uniformen" den Zug durchkämmt. "Die suchen nach Juden", flüsterten die Leute. Achtlos gingen die Männer an Halina vorbei. "Sie schauten durch mich hindurch, ich war blond mit blauen Augen, sprach perfekt polnisch, ich wirkte nicht wie ein jüdisches Mädchen", sagt Halina bitter. Ihre Cousine, eine begabte Tänzerin und Schauspielerin, hatte sich das braune Haar blond färben lassen. Es war herausgewachsen, vielleicht hatten sie sie daran erkannt?

Der Zug hielt an, sie hörte die Cousine schreien und weinen: "Ich will leben, lasst mich leben!" Die Erinnerung an diesen Moment setzt Ashkenazy zu. "Sie hatte eine Zukunft. Sie war so talentiert."

Halina war jetzt auf sich gestellt. Der katholische Geistliche hielt Wort und stellte Dokumente für die Flüchtige aus. Er verschaffte ihr eine "arische" Identität und achtete sogar darauf, dass das Geburtsjahr ihrem wirklichen nahekam. Noch heute steht in ihrem Pass 1925, obwohl sie in Wahrheit ein Jahr früher geboren wurde. Kubatzki leitete die örtliche Caritas, in der Kirche gab es eine Küche, in der Halina fortan arbeitete. Man brachte ihr das Beten bei, befreite ihren Kopf von den Myriaden von Läusen, die sie aus dem Ghetto mitgebracht hatte. Und sie durfte endlich etwas essen.

Doch die Verschnaufpause währte nicht lang. Angestellte schöpften Verdacht, Halina ging freiwillig, um ihren Retter nicht zu gefährden. Sie übernachtete bei Bekannten, in einem Obdachlosenasyl, im Kloster, kämpfte sich durch bis Kriegsende. Sie wollte Abitur machen, studieren, doch weil sie nach einem Unfall im Ghetto fast taub war, platzte dieser Traum. Sie ging nach Frankreich, ließ sich operieren, das Gehör besserte sich ein wenig. 1947 ging sie nach Israel, wo Freunde auf sie warteten.

Zweimal heiratete sie, die erste Ehe war schwierig, die zweite nüchtern. Die Liebe zu ihrem Sohn machte sie glücklich. Er wurde Psychiater und riet ihr, als sie vor sechs Jahren von einer schweren Depression heimgesucht wurde, Mitglied von Amcha zu werden - einer Organisation, die Holocaust-Opfern therapeutische Hilfe bietet, aber auch einen Ort, wo sie sich mit anderen austauschen können.

"Ich kam hierher und verliebte mich in diese Menschen", schwärmt Halina heute. "Hier sind alle wie ich - Überlebende. Jeder hat eine andere Geschichte, und jede einzelne ist so hochinteressant!" Was sie hört, aber auch ihre eigenen Erfahrungen, verarbeitet sie in Kurzgeschichten. Sechs Bücher hat Halina bereits veröffentlicht - und sie ist sehr stolz auf ihren späten Erfolg im Leben.

Etwas ist auch geblieben von der geliebten Cousine: das Talent. Halinas 18-jähriger Enkelsohn ist professioneller Tänzer geworden. Er tourt gerade durch Europa.

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Amcha ist ein 1987 gegründetes Zentrum für die psychosoziale Unterstützung von Holocaust-Opfern und deren Nachkommen. Es bietet an 14 Standorten in Israel Psychotherapie sowie gerontospezifische Kurse an. In "Social Clubs" können Betroffene Kontakte knüpfen und sich auszutauschen. Im Jahr 2013 betreute die Organisation 16.372 Menschen, leistete 148.523 Behandlungsstunden und machte 37.542 Hausbesuche. In den vergangenen zwei Jahren ist die Therapie-Nachfrage um fast 20 Prozent gestiegen. Eine Stunde kostet umgerechnet 45 Euro. Holocaust-Opfer können Unterstützung für einen Teil der Kosten vom israelischen Staat erhalten, der restliche Betrag wird über Spenden abgedeckt. Die Therapie von Klienten der zweiten Generation wird staatlich nicht gefördert.

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