Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Vatikan-Umfrage im Ausland: Die Furcht vor der Sexualmoral der Gläubigen

Unter deutschen Katholiken wird über den Fragebogen des Vatikans kontrovers diskutiert: Ihre Sexualmoral hat mit der kirchlichen Lehre wenig gemein. Wie sieht es in anderen Teilen der Welt aus? Eindrücke aus sechs Ländern.

Szene vor einer Kirche in Österreich: Was denken Laien über die Lehre? Zur Großansicht
REUTERS

Szene vor einer Kirche in Österreich: Was denken Laien über die Lehre?

"Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen", das sagte Jorge Mario Bergoglio zu den Kardinälen, bevor die ihn zum Papst wählten. Krank sei die Kirche, verpestet durch die Selbstbezogenheit von Personal und Institutionen. Papst Franziskus hat die Heilung zur Mission erhoben: Er predigt die Abkehr von weltlichem Prunk, er fordert zur offenen Diskussion auf, auch Reizthemen sollen auf den Tisch.

Teil der Mission ist ein Fragebogen, der an alle Bischofskonferenzen weltweit verschickt wurde: Wie stehen Katholiken zur Ehe, zur Scheidung, zur Empfängnisverhütung? Im Oktober kommen die Bischöfe im Vatikan zusammen, um über die Ergebnisse zu diskutieren. Die deutsche Bischofskonferenz will ihr Resultat am Freitag nach Rom schicken.

Diejenigen Bischöfe, die den Fragebogen an die Gläubigen weiterreichten, dürften einen Realitätsschock erlebt haben: Erste Auswertungen in Deutschland machen deutlich, dass das Leben von Katholiken und die Kirchenlehre wenig miteinander zu tun haben (Lesen Sie die ausführliche Geschichte hier im neuen SPIEGEL).

Doch der Dialog mit der Basis bleibt den meisten Kirchenoberen fremd: In kaum einem Land wird der Fragebogen derart kontrovers diskutiert, wie in Deutschland. In anderen Teilen der Welt werden die Fragen oft in den Diensträumen der Bistümer beantwortet, die Lebenswirklichkeit der Gläubigen bleibt außen vor.

Doch der Wunsch nach Reformen wird auch dort laut, wo der Fragebogen die Basis nicht erreichte. Eindrücke aus sechs Ländern.

Italien
AP

Italien

Wer wissen will, wo der Widerstand gegen grundlegende Reformen in der katholischen Kirche zu Hause ist, wird auch in Italien fündig. In jenem Land, das den Kirchenstaat samt seinem Pontifex umschließt wie eine Muschel die Perle. 226 Diözesen gibt es zwischen Südtirol und Sizilien - nach Meinung von Papst Franziskus mindestens ein Drittel zu viel; das hat er die 226 Bischöfe unter Vorsitz des konservativen Kardinals Angelo Bagnasco längst wissen lassen.

Ob das dazu beitrug, dass Italiens Klerus die Fragebogen-Aktion mit mäßiger Leidenschaft begleitete? Zwar wurden die Diözesen informiert, Priestergremien und Pfarrgemeinderäte befragt, der direkte Draht zur Basis aber wurde vermieden. Während allein im österreichischen Bundesland Steiermark mehr als 14.000 Gläubige via Internet ihre Meinung kundtaten, blieb das Echo in Italien eher schwach.

Offen reagierten Basisorganisationen wie "Noi Siamo Chiesa" - "Wir sind Kirche". Sie machten ihre Antworten und Forderungen nach einem "scharfen Schnitt" in der herrschenden katholischen Lehre bereits publik: etwa die Anerkennung vorehelichen Zusammenlebens, eine Liberalisierung in der Frage einer zweiten Ehe, die formale Anerkennung homosexueller Partnerschaften.

"Die muss ich gar nicht fragen"

Italien ist, seiner Vergangenheit als Trutzburg des Katholizismus zum Trotz, längst kein Land der Strenggläubigen mehr. Die Zahl nichtkirchlicher Eheschließungen hat sich seit 1996 fast verdoppelt; im Norden des Landes liegt sie bei mehr als 50 Prozent. Die Zahl kirchlicher Trauungen sank binnen zwei Jahrzehnten auf die Hälfte.

Bei der Geburtenrate weit hinten und bei der Scheidungsrate weit oben rangiert ausgerechnet die Provinz Asti im katholischen Kernland Piemont - die Gegend, aus der die Vorfahren von Jorge Mario Bergoglio im Jahr 1929 nach Argentinien auswanderten, und die dem Papst bis heute am Herzen liegt. Seine Großmutter war in Asti in der Laienbewegung als Betreuerin angehender Eheleute tätig; sein Vater hielt hier bereits als 17-Jähriger flammende Reden auf Konferenzen zum Thema Papsttum.

Im Asti von heute hingegen ist die Zahl der Zuwanderer hoch, Gay-Bars haben Zulauf und lockere Lebensgemeinschaften Konjunktur. "Dass viele unehelich Zusammenlebende gern zur heiligen Kommunion gehen wollen, das weiß ich auch so, die muss ich gar nicht fragen", sagt lächelnd der Bischof von Asti zur Begründung, warum die Gläubigen in seiner Diözese nicht ermuntert wurden, den Fragebogen des Vatikans selbst auszufüllen. Monsignore Ravinale trägt ein schweres Silberkreuz auf der Brust und Bewunderung für den Pontifex im Herzen.

Kritik an päpstlichem Relativismus

Er sagt, dass in seiner Diözese die Kinder aus "stabilen Familien" längst in der Minderheit seien und dass er nicht wisse, ob der Fragebogen des Vatikans am Ende "zur Erhellung" beitragen werde: "Gut und Böse sind ja kein Gegenstand für Meinungsumfragen; meiner Ansicht nach war von uns auch gar keine Bewertung gefordert, sondern eine Beschreibung des Ist-Zustands in den Diözesen; wir hoffen, dass die Bischofssynode im Oktober Aufschluss bringen wird."

Keinesfalls könne es darum gehen, die katholische Doktrin zu verändern, sagt auch der Priester von Portacomaro. Er betreut rund 1500 Schäfchen – wenige Kilometer vom Bauernhaus der Bergoglio-Vorfahren entfernt. Nach seinem Verständnis solle nur ergründet werden, wie jenen besserer Beistand geleistet werden könne, denen nach herrschender Lehre die Sakramente versagt bleiben.

Der Papst, darauf beharrt der italienische Franziskus-Kritiker und Publizist Mario Palmaro, sei qua Amt "der Mittler einer Doktrin, die zu ändern ihm nicht zusteht; Barack Obama oder Angela Merkel können jederzeit ihr politisches Programm ändern, wenn es ihnen nützlich oder richtig erscheint - der Papst kann das nicht." Palmaro und sein Mitstreiter Alessandro Gnocchi, die von wachsendem Widerstand auch innerhalb der Kurie berichten und "von Kardinälen, die uns ihre Zustimmung beteuern", kritisieren an der Amtsführung Franziskus' eine Tendenz zur Vereinfachung und zum Relativismus - samt der Gefahr, "das subjektive Empfinden über die ewige Wahrheit zu stellen, und anzunehmen, Jesus könnte unserer Vorstellung entsprechen".

Walter Mayr

Österreich
REUTERS

Österreich

In Österreich gingen weit über 34.000 Antworten auf den vatikanischen Fragebogen ein. Ergebnis: In vielen Punkten weichen kirchliche Lehre und Einstellung der Katholiken deutlich voneinander ab. Auch die Katholiken der Alpenrepublik, die in der Vergangenheit viele Skandale in ihrer Kirche ertragen mussten, fordern endlich ein Umdenken. Sie beklagen mehrheitlich die Abgehobenheit und die Realitätsferne kirchlicher Lehre von der heutigen Lebenswirklichkeit.

In der Diözese Graz fordern 96 Prozent eine Änderung im Umgang mit geschiedenen Gemeindemitgliedern, die ein zweites Mal geheiratet haben und von Abendmahl und Beichte ausgeschlossen wurden. Das kirchliche Familienbild solle nicht länger von "alten, zölibatär lebenden Männern" bestimmt werden, heißt es oft gleichlautend in vielen Antworten.

Eine Katholikin der Diözese Linz spitzte ihre Ansicht zur Sexualmoral der Kirche in ihrer Aussage so zu: "Die Pillenenzyklika ist eine nachhaltige Kirchenkatastrophe." Deren Folge: ein großer Autoritätsverlust der Kirche, weil diese Lehre oft belächelt wurde und damals wie heute vom Großteil der Menschen auch nicht beachtet wird.

"Grenzenlose Öffnung"

"So offen wie möglich", hatte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn zu Beginn gefordert, sollte die Umfrage "bis an die Basis" verbreitet werden - was auch weitgehend geschah. Bis auf die missbrauchskrisengeschüttelte Diözese von St. Pölten, in der lediglich 156 Fragebögen beantwortet wurden.

Von der Kirchenreformbewegung "Wir sind Kirche" wurde die Hoffnung geäußert, die Katholiken an der Basis könnten in Zukunft selbst bei Bischofsernennungen oder zu Themen wie Zölibat und Kirchenfinanzen befragt werden.

In dieser Woche sind die österreichischen Bischöfe, angeführt von Kardinal Schönborn, zu ihrem alljährlichen Besuch bei Papst Franziskus in Rom. Schönborn hat seine Mitbrüder bei dieser Gelegenheit zur "grenzenlosen Öffnung" ihrer Herzen animiert. Am Donnerstag wird die Delegation aus Österreich die Ergebnisse der Umfrage im Büro der Bischofssynode übergeben.

Peter Wensierski

Brasilien
AFP

Brasilien

In Brasiliens Diözesen wurde der Fragebogen des Vatikans gut aufgenommen. "Dass wir überhaupt gefragt werden, ist ja schon eine Innovation", sagt der Padre und Historiker José Oscar Beozzo. Früher habe der Vatikan den Gemeinden fertige Dokumente vorgesetzt.

Priester und Religionsexperten gehen davon aus, dass der Vatikan in einem ersten Schritt die Aufhebung der Ehe erleichtern wird und den Gläubigen damit eine neue Hochzeit und die Teilnahme an der Kommunion ermöglicht. "Wenn zwei Menschen unglücklich sind, hat es keinen Sinn, die Bindung künstlich aufrechtzuerhalten", sagt Antonio Quireno, 28, Leiter einer Jugendgruppe der Diözese von Rio de Janeiro.

Die Zukunft der Kirche werde sich jedoch nicht an den großen Themen wie Scheidung, Schwulenhochzeit und Zölibat entscheiden, sondern im Alltag der Gemeinden, so Quireno: "Die größte Herausforderung ist es, Brasiliens Gläubige zu einer aktiven Haltung zu bewegen. Der Papst hat klargestellt, dass es keinen Wert hat, wenn sich die Glaubensbezeugung im sonntäglichen Kirchgang erschöpft. Damit hat er eine Revolution ausgelöst."

Bedeutende Personalentscheidungen

In Brasilien hat Papst Franziskus mit seiner Personalpolitik ein Zeichen gesetzt, wie er sich die Zukunft der Kirche vorstellt: Er hat Dom Orani Tempesta, den Erzbischof von Rio de Janeiro, zum Kardinal befördert. Dom Orani gilt als jovial, umgänglich und bescheiden – er besucht regelmäßig Favelas und führt einen einfachen Lebensstil.

Dom Orani hatte auch den Besuch des Papstes beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro im vergangenen Juli vorbereitet und Franziskus direkten Kontakt zu den Gläubigen ermöglicht – das wusste der Papst trotz gelegentlicher Pannen zu schätzen.

Dom Odilo Scherer, der konservative Erzbischof von Sao Paulo, erhielt dagegen einen Dämpfer von höchster Stelle: Papst Franziskus entzog ihm die Aufsicht über das skandalumwitterte Institut, das die Finanzen des Vatikans verwaltet. Die Entscheidung ist besonders pikant, weil Scherer vor der letzten Papstwahl selbst als aussichtsreicher Anwärter und Konkurrent des heutigen Pontifex galt.

Jens Glüsing

Polen
REUTERS

Polen

Polens Bischöfe tun sich schwer mit dem Aufruf des Pontifex maximus, die Gläubigen nach ihrer Meinung zu fragen. In der Erzdiözese Warschau ließ die Kirche Pastoren oder ausgewählte Gläubige befragen, doch die Ergebnisse hält sie unter Verschluss. Das Erzbistum Przemysl erteilt keine Auskunft zu den Ergebnissen der päpstlichen Umfrage: Es handele sich um eine kircheninterne Angelegenheit. Auch Poznan schweigt: Informationen würde nur der Vatikan veröffentlichen.

In Wroclaw stellte man den Fragebogen ins Internet. Und man räumt ein, dass die Umfrage ergeben habe, dass "nicht viele" Gläubige dem Gebot der Enthaltsamkeit vor der Ehe folgen. Von einer breiten Diskussion mit den Gläubigen kann keine Rede sein. Immerhin sollen die Ergebnisse aus 44 Diözesen nun dem Papst übermittelt werden.

Obwohl noch fast 90 Prozent der Polen in Umfragen angeben, sich als gläubige Katholiken zu verstehen, fürchten die Bischöfe die Stimme ihrer Herde zu Recht. Schon vor Franziskus hatte die polnische Kirche einen dramatischen Bedeutungsverlust erlitten. Unter den Nazis und den Kommunisten war sie die Bewahrerin des Polentums gewesen. Sie hatte Dissidenten geschützt und die Mächtigen kritisiert. Ihr größter Verbündeter dabei war der polnische Papst Karol Wojtyla, Johannes Paul II.

Reformdruck von unten

Doch nach der Wende versäumte sie es, ihr historisches Gewicht so umzumünzen, dass ihr Wort auch im Alltag der Polen weiterhin von Bedeutung war: Die Gotteshäuser leerten sich langsam. Jungen, erfolgreichen Polen, den Gewinnern der Nachwendezeit, war kaum zu vermitteln, warum schwule Beziehungen oder Sex vor der Ehe verboten sein sollten.

Und die Verlierer des Umbruchs, die arbeitslosen Bergmänner in Schlesien, die Werftarbeiter in Danzig oder Stettin, konnten den Prunk der Kirche nicht mehr ertragen. Der Pastor, der mit dem Mercedes zu seiner Geliebten fährt, ist ein polnisches Klischee. Außerdem griff der Klerus immer wieder massiv in Wahlkämpfe ein. Dazu kamen Missbrauchsskandale. Schon vor Franziskus sprachen sich 48 Prozent der Gläubigen für Reformen aus.

Ankietafranciszka.pl heißt die Internetseite, die zum virtuellen Treffpunkt von unzufriedenen Gläubigen geworden ist. Marta und Lukasz Stanczak aus Krakau haben sie ins Netz gestellt, die päpstlichen Fragen veröffentlicht und schon 20.000 Besucher verzeichnen können.

Lukasz Stanczak ist Informatiker, Marta Politologin, die beiden haben sich als Studenten in einem Gebetskreis kennengelernt. Jeden Sonntag gehen die Stanczaks in die Kirche, lesen eifrig die Enzykliken der Päpste: "Wir glauben, dass die polnischen Gläubigen an der Umfrage teilnehmen sollen", sagen sie. "Die Kommunikation zwischen Episkopat und den Gläubigen ist nicht ideal, das Internet kann helfen."

Im Gottesdienst ihrer Gemeinde hatten sie nichts von der Umfrage erfahren. "Schade, dass die Bischöfe die Gelegenheit nicht nutzen, sich nach der Meinung der Weltlichen zu erkundigen", sagt Lukasz Stanczak. "Wir würden uns wünschen, dass die Leute Einfluss darauf haben, was sich in der Kirche tut." Polens Geistliche teilen diesen Wunsch nicht. Die Seite der Stanczaks wird von ihnen beharrlich ignoriert.

Keine Mehrheit für Zölibat

Auch die linksliberale "Gazeta Wyborcza" hat die Fragen Franziskus´ an das Kirchenvolk publik gemacht, und ein Meinungsforschungsinstitut mit der Umfrage beauftragt. Die Zeitung gilt Konservativen als gottlos und kirchenfeindlich. Das Ergebnis sollte Polens Bischöfe aufhorchen lassen: Fast die Hälfte der Gläubigen ist demnach der Auffassung, dass die Kirche ihre Autorität verliert - vor allem durch Missbrauchsskandale. Fast 40 Prozent meinen, sie sei nicht offen für den Dialog mit der Außenwelt, noch mehr glauben, die Kirche vertusche die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs. Außerdem wird die Kirche als zu reich wahrgenommen, sie habe den päpstlichen Appell, den Armen zu helfen, nicht ernst genommen.

Katastrophal - aus Sicht konservativer Katholiken - auch die Ergebnisse zur Sexualmoral: Fast 70 Prozent der Polen befürworten Kondome, zwei Drittel sprechen sich dafür aus, künstliche Befruchtungen zuzulassen und 35 Prozent befürworten im Notfall auch Abtreibungen. 53 Prozent lehnen den Zölibat ab, 39 sind sogar der Meinung, Homosexualität sei keine Sünde. Insgesamt zeigt die Umfrage der Meinungsforscher, dass die Polen im Laufe der vergangenen Jahre immer liberaler geworden sind.

Auch in dem osteuropäischen Land hat der neue Papst die Hoffnung geweckt, dass endlich veraltete Glaubenssätze ausgemerzt werden. Sicher ist auch, dass Franziskus von den polnischen Bischöfen für seine Reformen wenig Unterstützung zu erwarten hat. "Die Strategie unseres Episkopates ist es offensichtlich, dieses Pontifikat einfach auszusitzen", sagt der Philosoph und Kirchenkenner Jan Hartman.

Jan Puhl

Südafrika
Getty Images

Südafrika

"Noch sehen wir keinen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Papst", sagt Thembeni Sibeko, 64. Sie gehört zu den freiwilligen Mitarbeitern der Regina Mundi Kirche in Soweto, des größten schwarzen Townships Südafrikas. Das katholische Gotteshaus wurde durch den Widerstand gegen die Apartheid berühmt, hier beteten und protestierten oft 2000 und mehr Gläubige gegen das weiße Rassenregime. Heute schwindet in den Townships die Zahl der bekennenden Katholiken. Die Konkurrenz durch Pfingstgemeinden, Freikirchen und evangelikale Sekten, die ein simples Wohlstandsevangelium predigen, ist enorm.

"Aber Papst Franziskus gibt uns Kraft zum Neubeginn", sagt Thembeni Sibeko. Und dann fallen ihr doch ein paar Unterschiede zu seinem Vorgänger Benedikt XVI. ein. "Er ist jünger, einfacher, bescheidener. Er trägt sogar seine Aktentasche selber. Die Leute mochten ihn gleich." Die Kirchendienerin hofft, dass der neue Pontifex mehr auf die Armen schaut und auf die vielen Menschen, die in Afrika an Aids erkrankt sind. "Aber zu diesem Thema haben wir noch nichts von ihm gehört." Sibeko glaubt, dass sich an der geltenden Sexuallehre ohnehin nichts ändern wird. Es wird bei den alten Vorschriften bleiben: Seid enthaltsam. Seid treu. Sündigt nicht.

"In Sachen HIV und Aids nichts dazugelernt"

Die Arbeit mit Prostituierten wird abgelehnt, Kondome, die vor der Übertragung des tödlichen Virus schützen, werden weiterhin als Teufelszeug verdammt werden – und Thembeni Sibeko findet das auch richtig so. Sie ist wie die Mehrzahl der afrikanischen Katholiken in moralischen Fragen konservativ eingestellt, der Liberalismus europäischer Glaubensbrüder geht ihr viel zu weit.

"In Sachen HIV und Aids hat man in der offiziellen Kirche nichts dazugelernt. Hier klaffen die reine Lehre und die Lebenswirklichkeit nach wie vor am weitesten auseinander", sagt Stefan Hippler, 54. Der katholische Pfarrer hat in Kapstadt ein Aids-Projekt aufgebaut und dabei unorthodoxe Wege beschritten: Er ließ Zehntausende von Gummis verteilen, setzte sich offen und provokativ mit dem Reizthema Sexualität auseinander, legte sich mit den Dogmatikern an.

Hippler wurde schon bald wie ein Ketzer behandelt und von den Kirchenoberen in Deutschland als Auslandsseelsorger suspendiert. Doch das Erzbistum Kapstadt nahm den Abtrünnigen umgehend wieder auf, denn seine soziale Pionierarbeit gilt als vorbildlich – und viele katholische Basisinitiativen in Afrika halten sich längst nicht mehr an die Vorgaben aus Rom.

Die Hoffnung lebt weiter

Die Amtskirche entferne sich auch deshalb von den Gläubigen in Afrika, weil sie deren Traditionen wie die Ahnenverehrung ablehne, kritisiert Hippler. Und weil sie ihre restriktiven Positionen zu Themen wie Abtreibung, Sexualität, gleichgeschlechtliche Ehen in den Vordergrund stelle und dabei die existentiellen Probleme der Afrikaner – Armut, Gewalt, Korruption – vernachlässige. "Rom verkündet mehr Moraltheologie als Soziallehre," kritisiert Hippler.

Aber die aufgeklärten Katholiken Afrikas geben die Hoffnung nicht auf, dass der Vatikan unter Franziskus allmählich umdenkt. Sie sehen in seiner Weigerung, Homosexuelle rundheraus zu verurteilen, ein positives Zeichen. Auch wenn er sich in seiner grundsätzlichen Haltung kaum von seinen Vorgängern unterscheidet. Doch gerade auf diesem Feld ist noch viel zu tun: Viele afrikanische Kirchenfürsten verurteilen die gleichgeschlechtliche Liebe als abartig und "unafrikanisch", manche Priester hetzen das Volk sogar gegen die "sündigen" Schwulen und Lesben auf.

Bartholomäus Grill

Schweiz
AFP

Schweiz

In der Schweiz waren die Bischöfe von der in ihren Augen starken Beteiligung überrascht. 17.000 Antworten gingen online und 6000 auf Papier bei der Schweizer Bischofskonferenz ein. Auch hier wurde in den 23.000 Wortmeldungen die Kluft zwischen dem engagierten Kern der gut drei Millionen Schweizer Katholiken und ihrer Führung deutlich.

Das Pastoralsoziologische Institut in St. Gallen, das die Weitergabe der päpstlichen Fragebögen im Auftrag der Bischöfe organisiert hatte, rechnete ursprünglich nur mit 5000 Antworten aus den sechs Bistümern. Immerhin sind noch knapp 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung Mitglied der katholischen Kirche.

"Es ist berührend"

Grund für die Umfrage sei die Erkenntnis gewesen, dass die katholische Kirche in den vergangenen Jahrzehnten auch in der Schweiz "in vielen Themenbereichen den Kontakt zu den Gläubigen verloren" habe, teilte Arnd Bünker, der Leiter des St. Gallener Instituts mit. Die Befragung stelle einen Versuch dar, das Gespräch zwischen Kirche und Anhängern wiederherzustellen und zu vertiefen. "Unsere Aufgabe ist es, die Realität wahrzunehmen."

"Es ist berührend, mit welcher Ernsthaftigkeit und Offenheit die Menschen antworten", staunte der von den Bischöfen beauftragte Bünker. Bei vielen älteren Katholiken spüre er "das Ringen zwischen dem Wunsch nach Glaubensweitergabe an die Kinder und der Erkenntnis, dass diese als Erwachsene ihren eigenen Weg gehen in einer Gesellschaft, die von einem hohen Maß an Freiheit geprägt ist".

Peter Wensierski

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn
GibtsJaNet 28.01.2014
der Vatikan Fragebögen zu den sexuellen Gepflogenheiten seiner Schäfchen herausgeben muss, heisst das im Umkehrschluß für mich: Die Kirche hat keinen Dunst davon, was seine Gläubigen denken und fühlen! Seit 500 Jahren schon nicht mehr!
2. Wieso Gefahr?
Loddarithmus 28.01.2014
Zitat: ... samt der Gefahr, ..... anzunehmen, Jesus könnte unserer Vorstellung entsprechen. Zitat Ende. Nichts anderes ist er doch als eine Ausgeburt menschlicher Vorstellung!
3. optional
MatthiasHub 28.01.2014
Die katholische Kirche ist und bleibt nun mal ein konservativer Narrenverein, was will man denn erwarten? Ich bin froh dass sie reformunfähig und starr sind, das erhöht die Anzahl der Austritte und hoffentlich der Menschen die erkennen dass die Präokkupation unserer Kinder durch die Kirche mithilfe von Religionsunterricht und anderen Mitteln ins 20 Jahrhundert gehört und schon gar nicht in einen Staat in dem Kirche und Staat getrennt sein sollten.
4.
blasphemiker 28.01.2014
Zitat von sysopREUTERSUnter deutschen Katholiken wird über den Fragebogen des Vatikan kontrovers diskutiert: Ihre Sexualmoral hat mit der kirchlichen Lehre wenig gemein. Wie sieht es in anderen Teilen der Welt aus? Eindrücke aus sechs Ländern. http://www.spiegel.de/panorama/wie-im-ausland-mit-der-umfrage-des-vatikan-umgegangen-wird-a-946048.html
Lol, die Rücklaufzahlen sind ja erbärmlich für eine Organisation, welche sich mit, angeblich, über 1 Milliarde Mitglieder brüstet. Das beweißt nur wieder, dass die meisten Menschen nur als Katholiken gezählt werden, weil sie als Säugling in die Glaubensgemeinschaft reingezwungen wurden.
5. Die Vor- und Nachbereitung sagen schon wieder alles
hedele 28.01.2014
Im Bistum Münster musste man schon sehr aufmerksam die Christ und Welt lesen, um die Umfrage überhaupt zu bemerken. Aus unserem Bistum stammt ja leider auch Tebartz van Elst, wer mag sich da noch wundern. Auch den Osservatore Romano muss man ja schon wie ehedem das Neue Deutschland aufmerksam zwischen den Zeilen lesen, um sublime Veränderungen in der Diktatur überhaupt bemerken zu können. Ich finde es bezeichnend, dass die erste Reaktion der Bistümer ist, eine solche Umfrage könne ja nur die Übermacht des Bösen in festen Prozentzahlen ausdrücken. Als wäre die herrschende Lehre komplett alternativlos und wären alle Abweichler per se Sünder! Dagegen hilft nur, stoisch auf das Evangelium zu verweisen, das keinesfalls den mittelalterliche Feudalismus mit seinem an die Scholle gebundenen ewigen Patriarchat predigt, sondern sich an die aufgeklärte jüdische Mitttelklasse wendet, an griechische und levantinische Kaufleute, Handwerker, Beamte und Fischer und einen sehr revolutionären, ja fast subversiven Kern hat. Eine solche Rückbesinnung müsste aber ein sehr wortgewaltiger Priester oder wenigstens Mönch vornehmen, um glaubhaft zu sein! Moment das hatten wir schon. Er hieß Martin Luther, ist nicht sofort von katholischen Eiferern ermordet oder vom Satan zermalmt worden. Und in der evangelischen Kirche gibt es sogar gelebte Demokratie! Ohne Weltuntergang. Ohne Sündenbabel. Unglaublich. Mein Neid ist ihnen gewiss.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




"Immer mehr wenden sich von der Kirche ab"

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: