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Elterncouch

Elterncouch "Opa summt nicht mehr"

Abschied vom Opa: "Mama, ich habe das Nicht-Wohlfühl-Gefühl!" Zur Großansicht
Michael Meißner

Abschied vom Opa: "Mama, ich habe das Nicht-Wohlfühl-Gefühl!"

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Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.
Wie gehen Kinder mit dem Tod um? Was sagen sie, wenn sie verstehen, dass ein geliebter Mensch für immer fort ist? Was ihnen durch den Kopf geht - bewundernswert unverstellt.

Es gibt Zeiten, da habe ich Ehrfurcht vor meinen eigenen Kindern. Im Kleinen, wenn sie ganz nebenbei eine Aufgabe meistern, die mir in ihrem Alter unlösbar erschienen wäre. Aber auch im Großen, wenn es um den Tod geht, den Abschied von jemandem, den sie lieb haben.

"Mama, ich hab das Nicht-Wohlfühl-Gefühl", rief mein Sohn vor wenigen Monaten verängstigt. Ich nahm ihn in den Arm und fragte, was los sei. "Opa summt nicht mehr", stellte er fest und sah dabei ganz blass und zerbrechlich aus.

Wir waren zu Besuch bei meinen Eltern, mein Vater war dabei, das Frühstück für alle vorzubereiten. Aber anstatt wie gewohnt einen alten Schlager vor sich hinzusingen, war er schweigsam und schleppte sich erschöpft von der Küche ins Esszimmer und zurück. Dünn war er geworden, die Augen hatten einen unnatürlichen Glanz und wirkten eingesunken.

Ein erster, vom Hausarzt recht ruppig kommunizierter Krebsverdacht hatte meinen 87-jährigen Vater in eine veritable Depression gestürzt. Wir liefen vom Onkologen zum Internisten und wieder zum Hausarzt, während es ihm zusehends schlechter ging. Er aß kaum noch, eine heftige Übelkeit quälte ihn. Um uns einen Gefallen zu tun, mühte er sich, winzige Vogelportionen zu verspeisen. Damit wir das Gefühl hatten, helfen zu können und nicht nutzlos daneben zu stehen, während er starb. "Meine Knochen fühlen sich leer an", sagte er. "Es ist, als würde das Leben aus mir rausfließen."

"Opas Seele wird immer bei uns sein"

Die Enkel wussten nichts von Diagnosen, aber sie ahnten, dass hier etwas Elementares geschah. Ich überlegte lange, wie ich sie darauf vorbereiten sollte, dass Opa in die letzte Phase seines Lebens eingetreten war. "Der Opa wird sterben", sagte ich, als mein Vater ins Hospiz gebracht wurde. "Ja, irgendwann", sagte mein Sohn. "Nee, ziemlich bald."

Mein Kleiner kämpfte mit den Tränen, was ich inzwischen aufgegeben hatte. "Aber dann ist das Haus nicht mehr Opas Haus", sagte er und griff sich die Katze zum Kampfkuscheln. Und überhaupt sei das voll fies, dass die andern in der Klasse alle voll die jungen Opas hätten. "Ihre Mütter haben ja auch früher Kinder gekriegt." Verlustangst, ich verstand. "Schatz, bei den heutigen medizinischen Fortschritten werde ich mindestens 96 Jahre alt, mach dir keine Sorgen", versicherte ich.

"Okay, dann jetzt Aktion Ablenkung einleiten", rief mein Sohn, stellte das Radio an und fing an zu tanzen und wild zu trommeln. Dann zündete er eine Kerze an und verkündete: "Opas Seele wird immer bei uns sein." Ich nickte erstaunt. Dann verkohlte er das Ende einer dicken Kordel und machte einen Knoten rein "für jeden aus unserem Stamm, der in den Himmel kommt".

Es war faszinierend zu beobachten, wie Verlustangst, Verdrängung und Sublimierung sich der Reihe nach ihren Weg bahnten und ganz unschuldig ausgesprochen wurden. So als liefen die Gedanken als Digitalschriftzug über die Stirn, ein harmonischer Stream of Consciousness, unverstellt und eigentümlich logisch. "Ich will nicht, dass du weinst", sagte Vito, weil ihn die Labilität der trauernden Mutter verunsicherte. "Wird sich nicht vermeiden lassen", murmelte ich.

In dieser Nacht träumte ich, dass mein Vater an einem sonnigen Tag mit mir im Schnee spazieren ging und plötzlich stürzte. Ich rannte zu ihm, nahm seinen Kopf in beide Hände um zu sehen, ob er sich verletzt hatte. Da sah ich, dass sein Schädel aus Glas war und innen völlig leer. Das war der Moment, in dem ich anfing, mich wirklich von meinem geliebten Papa zu verabschieden.

Meine Kinder halfen mir, wo sie konnten

Meine Sorge, dass die Kinder mit dem Tod des Großvaters nicht klarkommen würden, erwies sich als übertrieben. Als meine zwölfjährige Tochter aus dem Urlaub zurückkam und wir sie aufklärten, reagierte sie heftig, weinte dicke Tränen und schluchzte herzerweichend. "Ich fühle mich schlecht, weil Vic mehr weint als ich", bemühte mein Sohn einen quantitativen Vergleich, weil ihm Zahlen in schwierigen Situationen immer bei der Orientierung helfen. "Ach, das bedeutet gar nichts", erwiderte Vic schniefend, "du weißt doch, dass ich eine Drama-Queen bin."

Es war diese Mischung aus unschuldigem Pragmatismus und Verletzlichkeit, mit der die Kinder mich durch die traurigen Momente lotsten. Mehr noch, sie waren echte Stützen, halfen mir, wo sie konnten, bereitwillig und froh, obwohl niemand das von ihnen erwartete. Vito trug ritterlich meine Handtasche durch die Gegend, Vic versprach mir, immer-immer an meiner Seite zu bleiben, auch wenn ich alt und hinfällig sein würde. Mich rührte das zutiefst, und es zeigte, dass Kinder in der Lage sind, mit allem klarzukommen, wenn man es ihnen vernünftig erklärt und sie langsam an Dinge heranführt. Und wenn man ihrer Stärke vertraut.

Als ich sechs Jahre alt war und meine Großmutter starb, stand es außer Frage, dass wir Kinder der Beerdigung fernzubleiben hatten. Der Tod war ein Tabu oder zumindest eine nicht kindgerechte Veranstaltung. Vor der Bestattung war der Sarg im Haus aufgebahrt. Ich werde nie vergessen, wie mein Bruder und ich vor lauter schuldbehafteter Trauer und protestantischer Frömmelei um uns herum einen Lachkrampf nach dem anderen bekamen und um den Sarg der Oma herumflitzten, bevor die Leiche abtransportiert wurde.

"... und all das nimmt er mit sich fort"

Viel Zeit mit meinem Vater blieb uns nicht, aber ich glaube, wir haben sie gut genutzt. Die Kinder besuchten ihn im Hospiz, sie streichelten ihn und versuchten, tapfer zu lächeln. Sie sahen ihn kurz nach dem Tod und malten mit Wasser aus dem Koi-Karpfen-Teich Engel auf die sonnenwarmen Steine im Atrium des Hauses.

Ich habe meine Kinder gefragt, ob sie Opa auch nach seinem Tod noch sehen möchten. Ob sie zu seiner Beerdigung wollen. Ich habe ihnen auch gesagt, dass es in Ordnung ist, wenn sie das nicht wollen.

Beim Begräbnis hielten sie den Trauernden die Schaufel mit Erde hin und dachten sich Reden aus.

"Er war unser Großvater": Die Grabrede der Kinder Zur Großansicht
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"Er war unser Großvater": Die Grabrede der Kinder

Der Schnee aus meinem Traum kehrte zurück, als der katholische Geistliche den russischen Dichter Jewgenij Jewtuschenko zitierte:

Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm
sein erster Schnee aus jener grauen Früh,
sein erster Kuss nachts und sein erster Zorn:
und all das nimmt er mit sich fort.

Als wir von der Beerdigung nach Hause fuhren sagte Vito: "Boh, ich glaube, wir haben bestimmt einen Liter Tränen geweint. Jetzt reicht's. Weil, eigentlich müssen wir uns doch freuen, dass der Opa nun endlich im Himmel ist und Spaß hat."

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (12) und Vito (9)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt

16 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Senf-Dazugeberin 17.09.2015
SvenMeier 17.09.2015
huggythebear 17.09.2015
zaphod_beeblebroxiii 17.09.2015
rolie 17.09.2015
cockriot 17.09.2015
andreasclevert 17.09.2015
der_unbekannte 17.09.2015
pauleschnueter 17.09.2015
spon-facebook-10000083759 17.09.2015
FocusTurnier 17.09.2015
cyoulater 17.09.2015
KurtT. 18.09.2015
KurtT. 18.09.2015
gorlois7 25.09.2015
KurtT. 26.09.2015

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