Prism-Enthüllungen Untertauchen für Fortgeschrittene

Der NSA-Whistleblower Edward Snowden gehört derzeit zu den meistgesuchten Menschen der Welt. Nach dem, was er zum Abhörsystem Prism berichtete, stellt sich die Frage: Ist Untertauchen heutzutage noch möglich?

Hongkong: Hier soll Whistleblower Snowden untergetaucht sein
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Hongkong: Hier soll Whistleblower Snowden untergetaucht sein

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Prinzipiell kann man heute in den mit Überwachungskameras übersäten Großstädten der westlichen Welt jeden finden, der sich öffentlich sichtbar bewegt. Die Frage ist jedoch, wie viel Aufwand man dafür treiben muss: Schon die Datenflut, die Städte wie New York, London oder Hongkong produzieren, dürfte die heute eingesetzte automatisierte Erkennungstechnik völlig überfordern. Zumal das Gros der Kameras noch nicht einmal vernetzt ist, also nicht zentral abgefragt werden kann.

Selbst personell ist das sogar für einen Schnüffel-Moloch wie den US-Geheimdienst NSA (geschätzt: 40.000 Angestellte) nicht mehr zu stemmen. Genau darin liegen Sinn und Zweck des Schnüffelprogramms Prism, das der Whistleblower Edward Snowden - selbst gar kein NSA-Agent, sondern "Mietschnüffler" eines kommerziellen Subunternehmens - dem "Guardian" verriet. Nach dem, was Snowden da berichtete, ist mit Prism die weltweite Vollüberwachung zumindest in Telekommunikation und Internet eine Realität. Das dafür notwendige Rechenzentrum der NSA ist ein Monstrum.

Im Augenblick soll Snowden angeblich in Hongkong sein. Doch wenn man FBI oder CIA, Interpol oder NSA auf den Fersen hat, bietet ein Hotelzimmer nur für kurze Zeit Sicherheit - es sei denn, es liegt an einem Ort, wo die Suche für die Fahnder unmöglich ist. Für Hongkong gilt das nicht. Sollte Snowden wirklich noch dort sein, würde man ihn bald finden.

Die Frage, ob ein Untertauchen in unserer durchtechnisierten, in vielen Bereichen flächendeckend überwachten Welt überhaupt noch möglich ist, ist trotzdem weit weniger profan, als sie im ersten Augenblick zu sein scheint. Von den technischen Möglichkeiten her gedacht erscheint es nahezu unmöglich. In der Realität tauchen trotzdem jedes Jahr Tausende erfolgreich ab, ohne gleich auf Erdhöhlen zurückgreifen zu müssen. Selbst auf den Most-Wanted-Listen von Polizeibehörden und Geheimdiensten finden sich Menschen, denen das zum Teil über Jahrzehnte gelingt. Darunter vielfache Mörder und weltweit gesuchte Terroristen.

In allen diesen Fällen darf man davon ausgehen, das die Fahndungsbehörden ihre Möglichkeiten tatsächlich ausschöpfen. Wie schaffen es solche Menschen dann, vollkommen abzutauchen?

Regel Nummer 1: Löschen und Neustart

Kurzfristig ist das Abtauchen in Gegenden ohne intakte Infrastrukturen die einfachste Lösung. Doch mittelfristig ist das kein guter Plan: Wirklich dauerhaft verschwinden kann man nur, wenn man seine alte Identität völlig aufgibt.
Dazu gehört es, Namen, Aussehen, Lebensmittelpunkt und Lebensweise zu verändern, Eigenarten abzulegen; eine glaubwürdige neue Identität mit guten gefälschten Papieren zu kaufen; Kontakte und Kommunikation mit Personen aus dem bisherigen Leben zu unterlassen; öffentliche Äußerungen und Selbstdarstellungen (Facebook, Twitter etc.) ebenfalls; datensparsam zu leben, mit Papier zu bezahlen, nicht mit Plastik.

Regel Nummer 2: Das beste Versteck ist der Alltag

Dann braucht man ein neues Ich. Dazu gehören neue soziale Beziehungen (im Extrem: neue Familie!), Arbeit in einem neuen Beruf, neue Hobbys, ein Aufgehen in einer wie auch immer gearteten Gemeinde. Die darf gern klein sein, aber nicht zu klein - "Zugezogener" zu sein, darf nicht außergewöhnlich sein. Und vorzugsweise liegt dieses Refugium in einem Land ohne lückenloses Einwohnermeldewesen (was für die meisten Länder inklusive der USA gilt) und ohne biometrische Ausweispflicht (außerhalb von USA und EU der Normalfall): Da fällt es leichter, falsche Identitäten aufrecht zu erhalten.

Regel Nummer 3: Werde Niemand

Es ist ratsam, leise zu sein, nie zu viel zu trinken, keine Drogen zu nehmen, nicht in öffentliche Streits zu geraten; immer mit Richtgeschwindigkeit zu fahren, keine kontroversen Meinungen zu vertreten; Massenaufläufe zu vermeiden, Konzerte, Fußballspiele, Demonstrationen, aber auch Hochzeiten (YouTube-Videos! Flickr-Fotoalben!); Personen des öffentlichen Lebens zu meiden, nicht auf Pressefotos zu erscheinen, kamerascheu zu sein; sich modisch am Durchschnitt zu orientieren, den man täglich auf der Straße sieht; zu lesen, was der Nachbar liest. Niemand zu werden.

Regel Nummer 4: Wer sich bewegt, verliert

Bewegung ist ein Problem. Fliegen ist kaum drin, die Bahn (CCV-Kameras) in der technisierten, westlichen Welt so problematisch wie die Autobahn (Mautbrücken-Kameras). Your home is your castle.

Im Normalfall reicht das noch immer, um nahezu unsichtbar zu werden. Kommunikation lässt sich auch von der NSA nur abhören, wenn sie stattfindet. Verhalten nur an Orten beobachten, die überwacht sind. Wer die provinzielle Normalität zu seiner Deckung macht, kann noch immer verschwinden.

Snowdens Problem: Er ist kein Normalfall. Sein Foto ist soeben um die Welt gegangen. Der Vorschlag des WikiLeaks-Gründers Julian Assange, zuerst einmal in Südamerika abzutauchen, wird da nicht ausreichen: Es ist ja auch Assange bisher nicht gelungen. Er sitzt seit einem Jahr belagert in der Botschaft von Ecuador in London fest.

Was Snowden brauchen würde, um abzutauchen, wäre eine Art Abklingbecken. Ein Ort, an dem er sich so lange verstecken kann, bis er sich optisch hinreichend verändert hat (Bart, Frisurwechsel, 25 Kilogramm mehr Gewicht, Narbe im Gesicht, neue Nase et cetera).

Sein altes Bild sollte in der Öffentlichkeit nicht mehr präsent sein, bevor er sich bewegt. Das dürfte eine Weile dauern. Nach diesem langen Aufenthalt in Nordkorea, Pakistan oder an den Piratenküsten Afrikas oder Südostasiens könnte er dann irgendwann nach Hinterkaffdorf im australischen Outback, in den Kopenhagener Stadtteil Nørrebro (jede Menge Einwanderer!) oder nach Lawrence in Kansas ziehen (90.000 Einwohner, bekannt aus "The Day After").

Wird Snowden das schaffen?

Unsere Prognose: eher nicht. Aber er hat wohl auch andere Motive.

Snowden hat mit der Informationsweitergabe sein bisheriges Leben aufgegeben, am Dienstag entließ ihn auch sein Arbeitgeber. Er ist kein Krimineller mit Zugang zu entsprechenden Geldmitteln. Die Abtauchmethoden von Terroristen oder Mafiosi (siehe oben) stehen ihm kaum zur Verfügung.

Wahrscheinlich also wird sein Weg ähnlich verlaufen wie der von Assange oder Bradley Manning, den anderen berühmten Whistleblowern. Er könnte es wie Assange schaffen, jemanden zu finden, der ihn vor einer Auslieferung schützt. Am Dienstag deutete ein Sprecher des Kreml gegenüber der Zeitung "Kommersant" an, Russland würde ein Asylgesuch Snowdens "erwägen", sollte der sich dazu entschließen. US-Fahnder befürchten zugleich, auch China könnte Interesse daran haben, Snowden schützend unter seine Fittiche zu nehmen - als Quelle für US-Geheimdienst-Interna.

Wie die Alternative aussehen könnte, ist auch klar: Früher oder später würde Snowden gefasst. Alles andere als ein Fahndungserfolg wäre für NSA wie CIA die ultimative Demütigung.

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insgesamt 108 Beiträge
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iffel1 11.06.2013
1. Na bei den Russen oder den Chinesen ist er sicher !
Sein Wissen sichert dort sein Überleben, nur bröckchenweise über die Jahre - so bleibt er wertvoll für seine zahlenden Gastgeber und wenn das vorbei ist, sollte als Abschiedsgeschenk noch eine neue Identität bei rüberkommen. Anders hats die DDR doch auch nicht gemacht.
kalle122 11.06.2013
2. werden Journalisten auch so gejagt?
Oder woher stammt all dieses Insiderwissen? Muss ja heiss hergehen in der Undercoverrechercheabteilung von "Spiegel Netzwelt"!
Nonvaio01 11.06.2013
3. sicher geht das
Zitat von sysopAFPDer NSA-Whistleblower Edward Snowden gehört derzeit zu den meistgesuchten Menschen der Welt. Nach dem, was er zum Abhörsystem Prism berichtete, stellt sich die Frage: Ist Untertauchen heutzutage noch möglich? http://www.spiegel.de/panorama/wie-man-in-einer-welt-der-ueberwachung-noch-abtauchen-kann-a-905047.html
Handy einfach nur eine Top up karte abholen, (geht ohne ausweis), bei E-mails muss man auch keinen richtigen namen angeben, und in den meisten laendern der Welt gibt es kein Einwohnermeldeamt. Das Einzige was man rausfinden koennte waehre das land in dem sich die persohn aufhaelt anhand von Flugdaten, aber auch da fliegt man einfach in ein land welches die daten nicht an die USA gibt, davon gibt es genuegend.
Dramidoc 11.06.2013
4.
Zitat von sysopAFPDer NSA-Whistleblower Edward Snowden gehört derzeit zu den meistgesuchten Menschen der Welt. Nach dem, was er zum Abhörsystem Prism berichtete, stellt sich die Frage: Ist Untertauchen heutzutage noch möglich? http://www.spiegel.de/panorama/wie-man-in-einer-welt-der-ueberwachung-noch-abtauchen-kann-a-905047.html
Das Untertauchen ist gar nicht so schwer. Man muss nur alle Kommunikationsmittel abgeben und genügend Bargeld dabei haben, schon haben Leute Probleme dich zu lokalisieren. Die Frage ist, sind wir noch in der Lage ohne Handy, Smartphone, Internet, etc. zu leben? Oder sind wir längst Sklaven der Technik geworden?
Germanius 11.06.2013
5.
Möge Gott, die Engel und gute Menschen dem Kerl weiterhelfen. Hätte ich das nötige Kleingeld, würde ich ihn unterstützen oder seine Verteidigung finanzieren. So bleibt nur zu sagen: Danke, Herr Snowden!
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