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Windhose in Sachsen-Anhalt: "Dann flogen die Dachziegel durchs Fenster"

Binnen Sekunden war alles vorbei. Die Häuser, die die Menschen im sachsen-anhaltinischen Micheln seit Jahrzehnten bewohnen, wurden durch eine gigantische Windhose dem Erdboden gleichgemacht.



Windhose: In Aken, acht Kilometer nördlich von Micheln, wurde der Wirbelsturm fotografiert
REUTERS

Windhose: In Aken, acht Kilometer nördlich von Micheln, wurde der Wirbelsturm fotografiert

Micheln -"Ich dachte, es sei Hagel. Aber dann flogen die Dachziegel durchs Fenster", sagt Elsbeth Wandrei. Als die Windhose über den kleinen Ort Micheln im Anhaltischen tobte, "ging alles rasend schnell". Jetzt steht die 75-Jährige vor den Trümmern ihres Hauses. "Plötzlich wurde es kohlenschwarz, Wind kam auf, und die Bäume krümmten sich. Dann war es dunkel." Seit 1929 wohne sie in dem Ort, aber so etwas habe sie noch nie erlebt. Die enorme Kraft des Windes habe einen 45 Jahre alten Kastanienbaum entwurzelt, den einst ihre Tochter gepflanzt habe. "Wir haben ein Leben lang nur gebaut, jetzt wollten wir endlich zur Ruhe kommen."

Zerstörtes Haus in Micheln: Szenen wie im Kriegsgebiet
DDP

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Zur Ruhe kommt am Tag danach in Micheln niemand. Kaum eine Familie blieb von der Wucht des Sturmes verschont. Als im Tageslicht das wahre Ausmaß der Schäden zu erkennen war, waren sich Betroffene und Retter einig: Hier sieht es aus wie nach einem Bombenangriff. Die Windhose hat in dem 530-Seelen-Ort sechs Menschen verletzt und eine Schneise der Verwüstung geschlagen. Auf dem Friedhof steht kein Baum mehr. Selbst im neuen Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr liegt im Umkleideraum das Dach am Boden. Vor allem im Michelner Ortteil "Im Winkel" hat die Windhose gewütet. Dort wurden mehrere Scheunen dem Erdboden gleichgemacht. Steine und Holzbalken liegen übereinander.

 Strömender Regen in Hamburg: Sturmtief Yasna richtete schwere Schäden an
DDP

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Immer wieder schauen die Menschen bang zum Himmel. Nur keinen neuen Sturm, keinen Regen, flehen sie. Bis zum Abend müssen aus Sicherheitsgründen alle losen Dachziegel von den Häusern genommen werden. Plastikplanen schützten vorerst die Gebäude.

Peter Winter wagt eine erste Prognose zum Schaden an seinen Gebäuden. 100.000 Euro könnten es wohl sein, sagt er zu Sachsen-Anhalts Innenminister Klaus Jeziorski (CDU), der sich ein Bild von den Verwüstungen macht. Ein Lehmgebäude sei komplett zerstört. Schnell müssten jetzt Container für den Schutt her, der sich an den Straßenrändern türmt.

Feuerwehrmann beim Einsatz in Micheln: Windhose hinterließ Spur der Verwüstung
DDP

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70 Prozent der 250 Gebäude in Micheln seien beschädigt, berichtet Kreisbrandmeister Lothar Huth. Im Nachbarort Trebbichau, wo 360 Menschen leben, seien es 40 Prozent, sagt Huth, der die Naturkatastrophe beobachtet hat. Er stand gerade im Garten im benachbarten Osternienburg, als die schwarzen Gewitterwolken aufzogen. In Wulfen nordwestlich des Ortes entluden sich die Wolken. Dann bildete sich die Windhose, zog durch Micheln und weiter nach Trebbichau und schließlich nach Aken. Dort war nach drei Minuten alles vorbei. Das Rauschen der riesigen Säule habe er noch in drei Kilometern Entfernung gehört.

Die Michelner können nicht nur auf die Hilfe von Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk hoffen, sie können auch mit der Unterstützung durch die Bundeswehr rechnen. 20 bis 30 Soldaten sollten eventuell noch heute nach Micheln verlegt werden, sagt Hauptmann Frank Fritzsche vom so genannten Verbindungskommando. Es gehe dabei nicht um Soldaten, sondern um Spezialisten wie Bauingenieure und Statiker.

Norbert Claus, ddp

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