Per Traktor nach Mallorca Oppas große Fahrt

Annemarie Langner reiste mehrmals nach Mallorca - ohne ihren Mann Winfried. Weil der nicht fliegen wollte. Als sie starb, fasste er einen Entschluss: Im Alter von 77 Jahren fuhr er auf die Insel, die seine Frau so liebte. Mit dem Traktor.

Von , Lauenförde

SPIEGEL ONLINE

Der Motor dröhnt. Man muss fast schreien, um sich zu verständigen. Es stinkt nach Diesel. Wer nach unten blickt, sieht auf die Straße. Es zieht. Winfried Langner findet das alles herrlich. Er sitzt am Steuer und sagt: "Ich muss Roberts Motor laufen hören, das ist für mich Erholung. Je weiter ich fahre, desto erholsamer."

Wer nicht weiß, dass Robert ein Schlepper ist - Fabrikat Deutz D15, Baujahr 1961, ein Zylinder, 15 PS -, könnte ihn für einen langjährigen Freund halten. So liebevoll klingt es, wenn Langner sagt: "Auf Robert kann ich mich verlassen. Den kann ich mit Ringschlüssel, Kneifzange, Hammer und Ölkanne reparieren. Bei neuen Treckern muss einer mit dem Laptop kommen, Schickimicki. Das ist nichts für mich."

Nirgendwo fühlt sich Langner so wohl wie auf dem Sitz von Robert. Enkelin Anne-Sophie hat dem Traktor den Namen gegeben. Langner bekommt feuchte Augen, wenn er davon erzählt.

Maschinen sind die große Leidenschaft des 77-Jährigen. Er arbeitete als Baumaschinenmonteur. In seinem Haus im niedersächsischen Lauenförde sind ganze Vitrinen und Regalbretter mit Modellen der Geräte vollgestellt, an denen er herumschraubte. 1998 ging er in Rente. "Nichtstun kann ich nicht", sagt er. Er wollte weiterschrauben. Also kaufte er den alten Schlepper.

Bekannt als "Deutz-Willi"

Langners große Liebe, seine Frau Annemarie, war wenig begeistert. "Was willst du denn mit dem Schrotthaufen?", fragte sie. "Wollen wir mal gucken, ob das in zwei Jahren immer noch ein Schrotthaufen ist", antwortete Langner. Er zerlegte Robert komplett, reparierte, restaurierte und baute ihn wieder zusammen. 2006 war das Projekt abgeschlossen - und Langner bald als "Deutz-Willi" bekannt.

Mit Robert unternahm er Touren zum Großglockner, an den Gotthard. Seine Frau blieb zu Hause. Sie flog lieber mehrmals nach Mallorca. "Die Omma sagte, das ist so schön, flieg mal mit. Ich hab gesagt, das macht der Oppa nicht", sagt Langner, Tränen ersticken die Stimme. Gemeinsam ist das Ehepaar nie auf Mallorca gewesen.

2010 wurde Annemarie Langner krank, am 21. Juli 2012 starb sie. Das Paar war 52 Jahre verheiratet. Plötzlich war die Omma weg, und Langner entschloss sich, den Ort zu besuchen, den sie so geliebt hatte. Er würde mit Robert und "Schnecke", einem kleinem Wohnwagen, von Lauenförde bis nach Palma de Mallorca fahren. Erwin Stahlmann, ein Trecker-Enthusiast aus Hildesheim, las in der Zeitung von Langners Plänen und fuhr mit eigenem Schlepper und Wohnwagen hinterher.

"Man kann so ein altes Schätzchen nicht immer Vollgas fahren"

Am 22. April, Punkt 8 Uhr, starteten sie an Langners Haus in Lauenförde. Mehrere Kamerateams waren da, Langner und Stahlmann wurden mit Applaus verabschiedet. Vor ihnen lagen fast 2000 Kilometer und mehr als drei Wochen Fahrt - Roberts Höchstgeschwindigkeit beträgt 18 Kilometer pro Stunde. "Vielleicht auch 20, aber man kann so ein altes Schätzchen nicht immer Vollgas fahren", sagt Langner.

Über die Reise haben Tilo Knops und Kirsten Waschkau für den NDR eine Reportage gedreht. Zwei ältere Herren, die mit Tempo 18 durch die Lande tuckern? "Wir dachten, das wird total locker und entspannt. Es war immer Stress", sagt Knops. "Ständig war irgendeiner weg." Einmal habe das Filmteam für einen ganzen Tag den Kontakt zu Langner verloren.

Der Film zeigt, wie schnell der Rentner auf der Reise Kontakt fand. "Uns haben Leute an der Straße angehalten, fotografiert, zu sich nach Hause eingeladen", sagt Langner. Bei einer Rast fotografierte ihn eine Frau und rief: "Vor zehn Minuten habe ich Sie noch im Fernsehen gesehen." Ein anderes Mal stoppten ihn Polizisten. "Das ist ja ein heißes Gespann. Wo wollen Sie denn hin?", fragte ein Beamter. "Mallorca." Der Polizist lachte. "Sagen Sie Bescheid, wenn Sie unten sind, dann komme ich nach."

"Die Omma fliegt oben mit"

"Alle Leute waren immer durch Willi gerührt", sagt Knops. Eine der bewegendsten Szenen zeigt, wie eine Camperin den 77-Jährigen anspricht. "Und jetzt machen Sie das Ihrer Frau zuliebe", sagt sie. Langner weint. "Ja." Die Frau streicht ihm über den Arm. "Das find' ich ganz toll von Ihnen." Unter Tränen sagt Langner: "Bine (Tochter Sabine, d. Red.) sagt, die Omma fliegt oben mit."

Auch deswegen hielt Langner durch, manchmal von 7 bis 23 Uhr auf dem Trecker. Er fuhr durch Frankreich und Spanien, obwohl er weder Französisch noch Spanisch kann. "Da musst du dich mit Händen und Füßen verständigen", sagt er. Sorge, sich zu übernehmen, hatte Langner nicht. "Angst und Geld hat der Oppa noch nie besessen."

Dennoch wäre seine Reise kurz vor dem Ziel fast beendet gewesen. In Spanien stolperte er über einen Bordstein, verletzte sich. Langner nimmt Blutverdünner, eine Operation drohte. Es war Glück, dass Tochter Sabine, Krankenschwester, ihren Vater ohnehin in Barcelona hatte begrüßen wollen. Sie begleitete ihn zum Arzt und sorgte dafür, dass Langner die letzte Etappe schaffte: mit der Fähre nach Palma. "Wenn ich eine Sache angefangen habe, bringe ich sie auch zu Ende", sagt Langner.

Erst nach Bayern, dann ans Nordkap

Wegen seiner Verletzung konnte er statt der geplanten zwei Monate aber nur einen Tag auf Mallorca bleiben. Dann ging es mit dem Flugzeug zurück nach Deutschland, auch wenn er lieber zurückgefahren wäre. In der Heimat wurde er operiert.

Inzwischen ist Langner fast vollständig genesen. Der Rentner, weißes Haar, Brille und verschmitztes Lächeln, sitzt in seiner Küche in Lauenförde und erzählt. Auf der Eckbank liegt die "Schlepper Post", auf dem Tisch hat Langner Erinnerungen ausgebreitet: ein Ordner, die Karten mit den einzelnen Tagesetappen in Plastikhüllen abgeheftet. Und laminierte Artikel, entstanden während seiner Reise, aus der örtlichen Tageszeitung, aber auch aus dem "Mallorca Magazin".

Langner blättert durch die Erinnerungsstücke, lächelt und sagt: "Was ich alles gesehen habe - das hätte meine Frau noch erleben müssen."

Nächstes Jahr will er mit Robert zu einem Deutz-Treffen in Bayern fahren, 508 Kilometer entfernt. Für 2015 hat er eine Fahrt ans Nordkap geplant. Das sind pro Strecke gut tausend Kilometer mehr als nach Barcelona. Langner schreckt das nicht. "Ich heiße Deutz-Willi, der Fernfahrer. Die tausend Kilometer sitzt Oppa doch auf einer Arschbacke ab."


Mit dem Trecker nach Mallorca
Teil I: Freitag, 26. Juli, 21.15 Uhr, NDR
Teil II: Freitag, 2. August, 21.15 Uhr, NDR

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jaaaaaaaa 26.07.2013
1. Wiederholung?
War da nicht erst vor kurzem ein Artikel im SPIEGEL mit diesem Thema? Oder habe das geträumt?
MacGeifer 26.07.2013
2.
hat für mich zwar mehr was von zwanghaften verhalten als von nostalgie aber was solls...wieso wird jetzt nochmal darüber berichtet? regiert er uns? ist er korrupt?
browneyes 26.07.2013
3. Mit der Fähre von Ba.celona nach Malle?
Das kurze Stückchen hätte er doch leicht die Luft anhalten können und durchtuckern. Nein?
RalfMurmann 26.07.2013
4. ich hab da noch ein paar Fragen...
vielleicht hab ich es überlesen, aber wie ist denn der Traktor nach dem Unfall von Herrn Langner dann wieder zurück nach Norddeutschland gekommen ? Und hat Herr Langner nach dem Unfall vor der Fähre dann irgendwie noch den Traktor mit nach Mallorca genommen oder ist der Traktor dann auf dem Festland geblieben ?
traveladd1cted 26.07.2013
5. rührend
aber auch nur geklaut bei der wunderbaren Verfilmung "The Straight Story"
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.