Wintereinbruch Schneemassen legen halb Europa lahm

Heftige Schneefälle, klirrende Kälte und eisglatte Straßen: Der Winter hält weite Teile Europas fest umklammert. In Deutschland gab es schwere Behinderungen auf den Straßen, Frankreich sperrte Grenzübergänge, in Italien schneit es wie seit 20 Jahren nicht mehr.


Hamburg - Besonders eisige Temperaturen meldete die Schweiz. Im Kanton Neuenburg bei La Brévine wurde in der vergangenen Nacht mit minus 35 Grad Celsius die tiefste Temperatur dieses Winters gemessen, wie die Wetterbehörde MeteoSchweiz mitteilte.

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Schnee in Europa: Chaos und Wintermärchen

In Deutschland waren vor allem der Norden und der Osten betroffen. Verkehrsbehinderungen gab es in Niedersachsen, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg. Die Hauptverkehrsadern waren den Angaben zufolge aber vom Schnee geräumt. "Die Straßen sind frei, es gab nichts Aufregendes - alles wartet auf Silvester", sagte ein Polizeisprecher in Erfurt.

Die Zahl der Unfälle hielt sich nach Polizeiangaben in Grenzen, meist blieb es bei Blechschäden. "Auf die Glätte haben sich alle Autofahrer eingestellt", sagte Susanne Mittag von der Polizei im niedersächsischen Delmenhorst. Sturm und teils kräftige Schneeverwehungen gab es rund um den Brocken im Harz. Der Wind fegte nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia mit einer Geschwindigkeit von bis 115 Stundenkilometern über den Berg.

Sibirisches Klima in Italien

In Italien sei es teilweise bis zu zehn Grad kälter als normalerweise zu dieser Jahreszeit, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Das italienische Fernsehen sprach von "sibirischem Klima". In Rom starben bei den eisigen Temperaturen zwei Obdachlose.

Noch wesentlich kälter als in Rom ist es derzeit im Norden Italiens. In der Region Venetien wurden in 1300 Metern Höhe Temperaturen von minus 29 Grad gemessen. Im Skiort Cortina d'Ampezzo froren Touristen bei minus 16 Grad. In der toskanischen Metropole Florenz gab es in den vergangenen Tagen so schwere Schneefälle wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Im Norden Spaniens wurden heute in den Regionen Kantabrien und Navarra nach heftigem Schneefall vier Bergpässe gesperrt. Zwölf weitere Pässe waren nach Angaben der Behörden nur mit Schneeketten zu befahren. In den Pyrenäen wurden bis zu minus 19 Grad gemessen.

Wegen Schnees und eisglatter Straßen mussten in Frankreich heute mehrere Autobahnen geschlossen werden. In der Bretagne kam es bei Rennes nach Angaben der Präfektur auf eisglatten Straßen zu Dutzenden Unfällen, bei denen es jedoch nur Blechschäden gab. Bei Le Havre wurde der Verkehr für Lastwagen gesperrt. Stundenlange Verspätungen gab es im TGV-Schnellzugverkehr in Westfrankreich, wo bei Le Mans vier Züge wegen Eisbildung auf den Oberleitungen blockiert waren. Mehr als 1200 Fahrgäste waren betroffen.

Am Nachmittag sperrte Frankreich wegen drohender weiterer Schneefälle und Glatteises mehrere Grenzübergänge für schwere Lastwagen. Um 16 Uhr wurden die Autobahnübergänge Neuenburg (Breisgau-Hochschwarzwald), Scheibenhardt (Kreis Germersheim) und Saarbrücken für Lastwagen mit mehr als 7,5 Tonnen Gewicht geschlossen. Das Fahrverbot soll bis 6 Uhr am Samstagmorgen gelten.

Belgische Flughäfen geschlossen

Auch in Belgien haben heftige Schneefälle zu chaotischen Verkehrsverhältnissen geführt. Die Polizei warnte vor gefährlichen Straßenverhältnissen, Autofahrer kamen an einigen Orten nur noch schrittweise voran. Die Regionalflughäfen in Charleroi im Süden des Landes und in Ostende an der Nordseeküste wurden geschlossen.

Viel Schnee auch in Ungarn: Vor allem im Westen des Landes kam es wegen Schneeverwehungen heute zu Verkehrsbehinderungen. Die Autobahn M1, die Budapest mit Wien verbindet, musste gesperrt werden, nachdem bei Györ (120 Kilometer westlich von Budapest) rund 40 Fahrzeuge ineinander gerast waren und Dutzende Menschen Verletzungen erlitten hatten. Mehrere Ortschaften blieben in West- und Südwestungarn von der Außenwelt abgeschnitten, berichtete der Rundfunk. Im Eisenbahn- und Flugverkehr kam es zu Verspätungen.

Auf der Autobahn zwischen den slowakischen Städten Bratislava und Trnava waren heute bis zu 60 Autos während eines Schneesturms in eine Massenkarambolage verwickelt. Laut widersprüchlichen Angaben der Polizei in TV- und Radioberichten kamen vermutlich drei Menschen ums Leben. Mehr als 20 Menschen wurden verletzt.

Starke Schneefälle und -verwehungen verursachten auch im Osten Österreichs ein Verkehrschaos. Aus Niederösterreich wurden zahlreiche Unfälle gemeldet, einige Bundesstraßen mussten gesperrt werden, berichteten österreichische Automobilclubs. Im Südburgenland brach nach Angaben der Nachrichtenagentur APA zeitweilig die Stromversorgung zusammen.

Auf Schnee folgt Glatteis

Am Samstag droht Glatteis den Schnee auf den Straßen abzulösen. Laut Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes (DWD) bringt das über Schottland liegende Tief "Irvine" milde Atlantikluft nach Deutschland - mit erheblicher Gefahr durch gefrierenden Regen. Bereits in der Nacht soll im Westen und Süden Schnee fallen, der sich am Silvestertag nach Nordosten ausbreitet. Die Meteorologen erwarteten erhebliche Verkehrsbehinderungen. Später soll aber Tauwetter die Lage entschärfen.

Am Neujahrstag sind Wolken mit Regen, Schnee und Schneeregen vorausgesagt. "Auch am Montag gibt es nasskaltes Schmuddelwetter", erklärte DWD-Meteorologe Olaf Pels Leusden.



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