Winterkälte Mehr als hundert Menschen in Polen erfroren

Europa bibbert im Eiswinter: In Polen sind bereits mehr als hundert Menschen den extrem harten Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen. Auch in Deutschland erfror ein Obdachloser. Ein Ende der Kälte ist nicht in Sicht.

DPA

Hamburg - Das eisige Winterwetter fordert Opfer. In Polen ist die Zahl der Kältetoten auf 127 gestiegen, acht Menschen erfroren über die Weihnachtstage. Im vergangenen Winter starben nach offiziellen Angaben in Polen 298 Menschen, mehr als ein Drittel davon im Januar.

Bei den Opfern handelt es sich meist um obdachlose, alkoholisierte Männer im Alter zwischen 35 und 60 Jahren. Die Polizei rief die Bevölkerung auf, zu reagieren, wenn Menschen in der bitteren Kälte auf Parkbänken lägen oder abends auf der Straße umherirrten.

Auch in Deutschland wurde am Sonntag ein Obdachloser tot aufgefunden. Der Erfrorene wurde in Trier in einem Hinterhof eines Supermarktes entdeckt. Er hatte vor seinem Kältetod alle Hilfsangebote abgelehnt. Streetworker Raimund Ackermann sagte am Montag, er sei in den vergangenen zwei Wochen neunmal bei dem 51-Jährigen gewesen, um ihn von einer Übernachtung in einem Heim zu überzeugen. "Er wollte aber nicht", so Ackermann. Nach Angaben der Polizei ist es der erste Kältetote in diesem Winter in Rheinland-Pfalz.

Dachlawine verletzt Eishockey-Fan schwer

Der starke Schneefall sorgt weiter für Probleme. So wurde das Spiel zwischen der Düsseldorfer EG und den Iserlohn Roosters in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) am Sonntagabend von einem schweren Unfall überschattet. Ein Zuschauer wurde während der ersten Drittelpause vor der Halle von einer herabstürzenden Schneelawine erfasst. Der Mann soll dabei einen Bruch des sechsten Brustwirbels erlitten haben, aber nicht in Lebensgefahr schweben.

Die Schneemassen hatten ein Zelt, in dem der Verletzte stand, durchschlagen und teilweise zerstört. Die Feuerwehr Düsseldorf räumte daraufhin mit Unterstützung von Höhenrettern Teile des Daches. "Dieser Vorfall war nicht abzusehen", sagte Manfred Kirschenstein, Geschäftsführer des ISS Dome: "Wir hatten uns im Vorfeld die Situation angeschaut und Maßnahmen ergriffen. Die Sicherheit war gewährleistet. Ein Grund könnte das einsetzende Tauwetter gewesen sein."

Mit der Familie des Verletzten stehe man in Kontakt, so Kirchenstein. Am Dienstag soll eine Spezialfirma das Dach komplett vom Schnee befreien. Sollte es anschließend wieder schneien, werden die Experten noch einmal anrücken.

Auch die für den 30. Dezember geplante World Team Challenge der Biathleten in der Schalker Fußball-Arena musste abgesagt werden. Das Dach über der Halle wurde durch die Schneemassen an Heiligabend dermaßen beschädigt, dass die Veranstalter die Sicherheit der Athleten und Zuschauer nicht gewährleisten konnten.

Neues Chaos nicht zu befürchten

Der Verkehr in Deutschland normalisiert sich. Eine dpa-Umfrage bei den größten Leitstellen der Polizei in Deutschland ergab: Selten war es über die Weihnachtstage so ruhig wie in diesem Jahr. Zwar meldete der Norden noch immer eine angespannte Wetterlage mit unverändert glatten Straßen. Ein neues Chaos, wie es die Autofahrer vor und an Heiligabend getroffen hatte, sei derzeit aber nicht zu befürchten.

Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach kündigte für Montagabend Schneefall im Norden und Osten an. In der Mitte Deutschlands sowie im Westen und Süden bleibe es dagegen trocken. Nachts unter freiem Himmel seien minus 20 Grad möglich. "Wir bekommen noch einmal einen Schub Kaltluft", sagte ein Meteorologe.

Die von Eis und Schnee zuletzt stark beeinträchtige Bahn meldete in ihrer Online-Fahrplanauskunft so gut wie keine Verspätungen oder Zugausfälle. Auf den zentralen Strecken quer durch Deutschland waren die ersten Züge des Tages pünktlich angekündigt.

Fotostrecke

12  Bilder
Winter in den USA: Schnee über Manhattan
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer hat die Bahn gegen Kritik verteidigt. Das Unternehmen tue bereits viel, um die Zuverlässigkeit der Züge zu erhöhen. "Ich habe mehrfach gesagt, dass ich erwarte, dass die Züge bei plus vierzig Grad genauso wie bei minus vierzig Grad funktionieren müssen", sagte der CSU-Politiker.

"Mit über 330 Millionen Euro wird die Modernisierung der IC- und ICE-2-Flotte vorangebracht", betonte Ramsauer. Die Kapazitäten in den Werkstätten der Bahn seien aufgestockt und die Enteisungsanlagen aufgerüstet worden. "Zudem hat die Deutsche Bahn mehrere hundert Gleis- und Weichenheizungen nachgerüstet." Aber auch mehr beheizte Weichen würden angesichts des extremen Winterwetters nur bedingt helfen. "Dann muss von Hand geschaufelt werden." Die Bahn setze daher rund um die Uhr mehr als 10.000 Schneeräumkräfte ein.

Auch im Luftverkehr setzte eine Normalisierung ein. In Düsseldorf beispielsweise lief der Betrieb wieder ohne große Störungen. Allein die Flüge aus New York wurden aufgrund der dortigen Wetterlage gestrichen. Ähnlich ist die Lage auf Deutschlands größtem Flughafen in Frankfurt am Main, auch dort fielen einige Flüge nach New York aus. Ein Sprecher des Betreibers Fraport forderte Reisende auf, sich bei ihrer Airline zu informieren.

Schneesturm in den USA

Grund für die Störungen ist das Extremwetter in den USA. Im Nordosten durchkreuzte ein schwerer Schneesturm mitten im Weihnachtsreiseverkehr die Pläne von Millionen Menschen. Während in Europa wieder Normalität einkehrte, konnten am Sonntag wegen des Blizzards zahlreiche Urlauber an der Ostküste ihre Flüge, Zug- oder Autofahrten nicht antreten. Besonders betroffen waren die Flughäfen von New York und Boston, wo auch für Montag mit Neuschnee und Sturm gerechnet wurde.

Blizzard-Warnungen galten von der Region Neuengland im äußersten Nordosten der USA bis hinunter nach New York City. In New York und Boston lagen mehr als 30 Zentimeter Schnee, bis zum Montag wurden für New York 50 Zentimeter und für Boston 55 Zentimeter erwartet. Der Niederschlag ging mit schweren Stürmen einher.

In New York herrschten am Sonntag Windgeschwindigkeiten von bis zu 90 Stundenkilometern. Bürgermeister Michael Bloomberg warnte die Menschen vor den Gefahren: "Es ist schwer, bei so viel Wind stehenzubleiben, vor allem wenn der Boden glatt ist", sagte er laut dem Sender NY1. Für Montag rechneten die Meteorologen mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 70 Kilometern pro Stunde.

Wegen des Sturms wurden am Sonntag insgesamt mehr als 2000 Flüge an den drei New Yorker Flughäfen sowie in Boston und Philadelphia gestrichen. Allein Delta Airlines sagte am Sonntag etwa 850 Flüge ab, das entspricht jeder sechsten Verbindung. Ein Delta-Sprecher sagte, er rechne mit einer Normalisierung des Flugverkehrs ab Dienstag, allerdings noch nicht im äußersten Nordosten der USA.

Mildes Winterwetter in Russland

In Russland sorgt dagegen nicht extreme Kälte, sondern ungewöhnliche Milde für Probleme im Verkehrsnetz. Wegen Glatteis fielen auf den beiden großen Flughäfen der Hauptstadt am Montag Dutzende Flüge aus, wie Nachrichtenagenturen berichteten. Auf dem Flughafen Domodedowo, der am Sonntag durch einen Stromausfall mehr als zwölf Stunden lang komplett lahmgelegt war, hatten zahlreiche Flüge Verspätung. Die Stromversorgung war dort bis zum Montagmorgen teilweise wiederhergestellt.

Auf dem anderen internationalen Moskauer Flughafen, Scheremetjewo, wurden am Montag rund 30 Flüge gestrichen. Mehrere weitere Maschinen starteten mit Verspätung. Grund war hier Berichten zufolge ein Mangel an Enteisungsmittel.

In Moskau fuhren wegen vereister Oberleitungen auf zwölf Linien keine Straßenbahnen und Oberleitungsbusse, wie Bürgermeister Sergej Sobjanin laut den Nachrichtenagenturen mitteilte. Der neue Bürgermeister kündigte einen Großeinsatz der Schneebeseitigungsdienste an.

Wegen des an Heiligabend eingesetzten Eisregens war es für Fußgänger in der russischen Hauptstadt gefährlich. Allein seit Sonntag verletzten sich rund 1350 Menschen auf den Straßen der Hauptstadt, wie die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf Ärzte berichtete. 27 Menschen wurden demnach durch herabstürzende Äste verletzt, die unter der Last des Schnees abbrachen.

Ministerpräsident Wladimir Putin zufolge waren am Sonntag in Moskau und anderen Regionen in Zentralrussland rund 412.000 Menschen ohne Strom. Bis zum Montagvormittag konnte die Zahl der Betroffenen nach Angaben des Notfallministeriums auf 67.000 verringert werden.

jdl/dpa/AFP/sid



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.