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Wirbelsturm "Sandy" an US-Ostküste: Nacht der Angst

Von , New York

Manhattan ohne Strom, geflutet vom Hochwasser: Die Ostflanke des Hurrikans "Sandy" hat die Millionenmetropole New York und umliegende Städte in Notstandsgebiete verwandelt. Trafo-Stationen explodierten, eine ganze Fassade brach ab, Menschen starben. Bilanz einer zerstörerischen Nacht.

AP

Das Chaos kommt in Schüben. Erst das Wasser. Dann der Wind und fliegende Bäume. Dann mehr Wasser, forttreibende Autos, geflutete U-Bahn-Tunnel. Einstürzende Fassaden. Und dann, um 20.30 Uhr, gibt es auf der East Side eine grelle Explosion - und halb Manhattan liegt auf einen Schlag im Dunkeln. Es ist eine Situation, die Angst macht.

In fast allen Gebäuden südlich der 39th Street gehen die Lichter aus, in Wolkenkratzern wie Wohnblöcken. Allein das Empire State Building, die Zentrale der Wall-Street-Bank Goldman Sachs und ein paar Häuser in Battery Park City flimmern weiter schwach. Sonst ist die Skyline nur noch ein Schattenriss gegen den Himmel.

Selbst die Fackel der Freiheitsstatue, das ewige Leuchtfeuer der Stadt und der Nation, ist eine halbe Stunde zuvor im fernen Nebel erloschen.

Es ist ein seltenes, dramatisches Bild, gut sichtbar vom anderen Ufer in Brooklyn und symbolisch für diese Jahrhundert-Sturmnacht. Gegen 20 Uhr Ortszeit prallt der Hurrikan "Sandy" aufs US-Festland. Zwar 200 Kilometer entfernt, beim Spielerparadies Atlantic City, das da längst fast ganz unter Wasser steht. Doch "Sandys" zerstörerische Ostflanke trifft auch die Achteinhalb-Millionen-Metropole New York City - und zwar mit geballter Gewalt.

"Bleiben Sie unbedingt, wo Sie sind", mahnt ein müder, hemdsärmeliger Bürgermeister Mike Bloomberg die New Yorker zu später Abendstunde, Sakko und Krawatte von vorher hat er längst abgelegt. "Dies ist kein Spiel."

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Wirbelsturm: "Sandy" sorgt für Chaos
In der Tat nicht. Zuerst sieht alles zwar noch relativ harmlos aus. Manhattan hält den Atem an: Geschäfte, Theater, Büros und Börsen sind geschlossen, U-Bahn, Nah- und Fernverkehr stillgelegt, alle Tunnel blockiert, alle Brücken schließlich auch gesperrt. Die Insel ist vom Rest der Welt abgeschnitten. Als wolle sie sagen: "Sandy", du kannst ruhig kommen.

Noch nachmittags toben viele Schaulustige durch die Stadt, lassen sich vom Wind zausen, begaffen die steigenden Fluten an den Ufern, albern herum. Eine Reisegruppe aus dem brasilianischen São Paulo fotografiert sich in der Mitte der verwaisten Lexington Avenue. Daneben steht eine begeisterte Kalifornierin: "Oh, bitte, macht auch von mir ein Foto!"

Doch "Sandy" lässt nicht mit sich spaßen - und schnell wird aus dem Jux bitterböser Ernst.

Das zeigt sich, als der Sturm den Baukran eines halbfertigen Luxus-Wolkenkratzers an der West 57th Street in schwindelnder Höhe einknickt wie einen Strohhalm. Der zerfetzte, tonnenschwere Arm bleibt stundenlang baumelnd hängen, 300 Meter über der Straße - schräg gegenüber der berühmten Carnegie Hall. Nun droht das gesamte Gerüst zu kippen.

Eine Windböe fegt über die Lexington Avenue, und mittendrin bettelt Lamar Louis um eine Zigarette. "Ich habe schreckliche Angst", sagt der massige Mann mit dem gestreiften, schlabbrigen Pullover. Blätter, Zeitungen und kleinere Äste wirbeln im strömenden Regen um ihn herum. "Ich muss jetzt unbedingt erstmal eine Zigarette rauchen, um meine Panik in den Griff zu bekommen." Normalerweise lebt der Obdachlose auf der Straße in der Bronx, aber "Sandy" hat auch sein Leben durcheinandergefegt.

Die Polizei habe ihn am Morgen auf der Straße aufgegabelt, erzählt der 33-Jährige. "Sie haben mir ein Papier mit allen Notunterkünften in die Hand gedrückt und dann haben sie mich hierhin gefahren." In einer Notunterkunft in einer Turnhalle des Hunter College im schicken Stadtviertel Upper East Side in Manhattan ist Louis untergekommen. "Ich bin so froh, dass ich hier bin. Endlich kann ich aufatmen und mich ein bisschen sicher fühlen", sagt er.

In Lower Manhattan fallen am Abend die Flutmauern. Bald stehen weite Teile des nächtlichen Finanzviertels unter Wasser, Autos treiben über die Wall Street. Im Battery Park messen die TV-Reporter einen Wasserstand von 3,50 Meter, Tendenz steigend. Da ist der letzte Rekord schon längst gebrochen, drei Meter waren das beim Hurrikan "Donna" 1960.

Der Notruf ist völlig überlastet

Fast die ganze Fassade eines Hauses in Chelsea stürzt ein. Die Front des alten, vierstöckigen Backsteingebäudes an der Eighth Avenue, in dessen Erdgeschoss ein Schnellrestaurant liegt, verschwindet einfach in einer nassen Staubwolke. Zurück bleiben aufgerissene Wohnungen wie in einem Puppenhaus.

Die ersten Toten werden gemeldet. Ein 29-Jähriger in Queens, in seinem Haus von einem Baum erschlagen. Ein weiterer Mann, ebenfalls in Queens, Stromschlag. Insgesamt werden an der US-Ostküste in der Nacht zunächst zehn Tote gezählt. New Yorks Notruf ist so überlastet, dass keiner mehr drangeht: 10.000 Anrufe pro halber Stunde, zehnmal so viele wie sonst - an einem Tag.

Plötzlich kommen die Schreckensnachrichten von überall. East Village unter Wasser. Fluten im Peter Cooper Village. 22nd und 27th Street: "Komplett überschwemmt." Ähnliches aus Hell's Kitchen, Tribeca, von der Upper West Side, von der Upper East Side, von den Ufern Brooklyns, dann von den Flughäfen Kennedy, La Guardia. Die Lobby der Boulevardzeitung "Daily News" steht einen Meter unter Wasser.

Die TV-Sender zeigen wortlos Bilder vom gefluteten Brooklyn-Battery Tunnel, einer Hauptverkehrsader zwischen Manhattan und Brooklyn. Erste U-Bahn-Schächte stehen unter Wasser, vor allem unter dem East River. Es wird Tage dauern, bis die Subway wieder fährt.

Manhattan scheint zu versinken.

Das Wasser kommt - der Strom geht. Erst schaltet ihn die Stromgesellschaft Con Ed schon mal vorsichtshalber ab. Dann fallen die Transformatorenstationen aus. Am East River explodiert die große Station am Ende der 14th Street in einem gewaltigen, grellen Feuerblitz.

Die Nacht hat ihre Helden

Eine halbe Million Menschen sitzen allein in Manhattan im Dunkeln. So etwas hat es hier zuletzt im August 2003 gegeben, beim großen Blackout, der damals den ganzen Nordosten des Kontinents lahmlegte. Rings um die Stadt erhellen immer wieder Blitze den Nachthimmel, offenbar von explodierenden Trafostationen.

Doch die Nacht hat auch ihre unverhofften Stars. Die Feuerwehrleute, die Hunderte aus überschwemmten Wohnungen und von nassen Dächern retten. Die Freiwilligen, die fast 200 Patienten des NYU Languone Medical Centers evakuieren, zu Fuß übers dunkle Treppenhaus. Bloombergs Gehörlosendolmetscherin Lydia Calas, die mit ihrer expressiven Gestik Zahllosen aushilft, an die sonst keiner denkt.

Doch "Sandy" erschüttert nicht nur New York. An der ganzen Ostküste herrschen Desaster-Zustände, von Virginia über Maryland, Delaware und New Jersey bis Connecticut. In elf Bundesstaaten gibt es Stromausfälle, mehr als 5,2 Millionen Menschen sind betroffen. "Dies ist der katastrophalste Vorfall, mit dem wir in unserem Leben konfrontiert waren", sagt Dan Malloy, der Gouverneur von Connecticut.

Atlantic City verliert einen Teil seines hölzernen Boardwalks, der historischen Strandpromenade - ins Meer geschwemmt von "Sandys" Fluten. Idyllische Orte werden zu Notstandsgebieten: Long Branch, Sea Bright, Ocean City.

Washington kommt zunächst glimpflich davon, muss sich aber später noch auf gefährliche Hochwasser des Potomac Rivers gefasst machen. US-Präsident Barack Obama und sein Rivale Mitt Romney sagen für Dienstag ihre Wahlkampfauftritte ab. Romneys Team fordert seine Unterstützer auf, seine Werbeschilder aus ihren Vorgärten zu entfernen: "Bei starkem Wind können sie gefährlich sein und Häuser und Eigentum beschädigen."

Am Flughafen Newark in New Jersey stürzt das Vordach des Hilton-Hotels ein. "Es gab einen riesigen Blitzschlag und einen Knall", berichtet ein deutscher Gast. In dem Hotel sitzen rund 60 deutsche Passagiere des Kreuzfahrtschiffs "Aida Luna" fest, das zuvor von den Bahamas und Bermuda zurückgekehrt war. Der Strom in dem Hotel war schon nachmittags ausgefallen. Das Management verteilte Leuchtstäbchen.

Mitarbeit: Sebastian Fischer, Florian Harms, Roland Nelles, Thomas Schulz, mit dpa

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insgesamt 115 Beiträge
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1. Sturm zu Wahlkampfzeiten
grafwagner 30.10.2012
Eine gesamte deutsche TV Nachrichtensendung nur "Sandy" als Thema, Live-Ticker wie hoch die Wellen gerade sind, ...bei allem Respekt gegenüber Naturgewalten und dem Wunsch das alle Betroffene den Wirbelsturm heil und mit stabilem Haus überstehen, so habe ich den Eindruck, hier wird ein "gewöhnliches" Naturereignis für einen Präsidentschaftswahlkampf extrem instrumentalisiert.
2. Dieser Artikel*
pillorello 30.10.2012
* ist geschrieben wie ein Drehbuch von Roland Emmerich. So heißt, glaube ich zumindest, ein Regisseur, welcher NY in seinen Filmen ständig untergehen lässt. Niveau der Bild Zeitung ist erreicht. Weiter so!
3. Sieht ja ganz danach aus
EchoRomeo 30.10.2012
als würde die Mega-Katstrophe vor allem in den Medien stattfinden. Diese lockere Sammlung von "Vorfällen aller Art" sollten in einem Gebiet der Größe Mitteleuropas eher zur Routine bei schlechterem Wetter, denn zur Kategorie Weltuntergang gehören.
4. Entgegen
SirLurchi 30.10.2012
Zitat von sysopAFPManhattan ohne Strom, geflutet vom Hochwasser: Die Ostflanke des Hurrikans "Sandy" hat die Millionenmetropole New York und umliegende Städte in Notstandsgebiete verwandelt. Trafo-Stationen explodierten, eine ganze Fassade brach ab, mindestens 13 Menschen starben. Bilanz einer zerstörerischen Nacht. http://www.spiegel.de/panorama/wirbelsturm-sandy-flutet-amerikas-osten-a-864151.html
Wir haben diesen Gewalten nichts entgegenzusetzen. - Meine Gedanken sind bei den Opfern.
5. Die Steigerung der Angst …
Dr.pol.Emik 30.10.2012
… nicht nur weil Halloween auch noch dazwischenfunkt, nein der Horror kommt noch aus einer ganz anderen Ecke: QPress | *New Yorker Börse abgesoffen und geschlossen, Weltmarkt Six Feet Under* (http://qpress.de/2012/10/30/yorker-borse-abgesoffen-und-geschlossen/) … diese Meldung dürfte den ein oder anderen Herzinfarkt verursacht haben, nicht bei Mittellosen, eher bei einigen Geldsäcken. CNN meldete den Untergang der Börse, was sich am Ende als Finte herausstellte, aber dennoch ist die NYSE zu und wird auch nicht vor Mittwoch wieder in den handel einsteigen. Übrigens 124 Jahre her dass die NYSE 2 tage infolge von Wetter OFF war … (°!°)
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"Sandys" Weg an der US-Ostküste

Vorhersage für Sandy:
Die rote Linie zeigt den vorhergesagten wahrscheinlichsten Weg von "Sandys" Sturmzentrum.

Der grüne Bereich zeigt weitere mögliche Pfade, die "Sandy" einschlagen könnte.

Der rote Punkt zeigt die Position des Sturmzentrums.

Stand: 13:20 Uhr

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Hurrikan: US-Ostküste wappnet sich für "Sandy"

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Hurrikan: "Sandy" nimmt Kurs auf die US-Ostküste
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.


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