Sydney - Der schlimmste Wirbelsturm in der Geschichte Australiens hat die Küste erreicht. Nach Angaben des australischen Wetteramts traf das Zentrum des Zyklons in der Nacht zum Donnerstag (Ortszeit) auf die dicht besiedelten Küstengebiete des Bundesstaats Queensland. Der Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde deckte zahlreiche Hausdächer ab, entwurzelte Bäume und ließ in rund 150.000 Haushalten den Strom ausfallen. Ingenieure warnten, dass selbst besonders stabile, speziell gegen Stürme gesicherte Häuser von der Wucht des Windes zerrissen werden könnten. Nach jüngsten Angaben ist die Unwetterfront rund 400 Kilometer breit, allein das Auge von "Yasi" misst etwa 35 Kilometer.
Zahlreiche Krankenhäuser sind evakuiert, Städte abgesperrt, Straßen und Flughäfen geschlossen, Schiffe aus dem Wasser gezogen. Nun können die rund 400.000 Betroffenen in der Region nur noch ausharren, bis "Yasi" vorübergezogen ist. Hausbesitzer wurden aufgefordert, Strom und Gas abzustellen und die Badewanne für den Notfall mit Wasser zu füllen. Bevor sich die Familien in ihren Häusern einigelten, deckten sie sich mit Gasflaschen, Notrationen, Lebensmittelkonserven und haltbarer Milch ein.
Auch die Vögel sind geflohen
Der Fußballtrainer Frantisek Straka, der sich zurzeit in Townsville aufhält, sagte: "Wir haben die Fenster mit Spezialfolie abgeklebt, die Möbel festgebunden und Sandsäcke zum Wasser hin gelegt." In den Straßen patrouillierten Soldaten, so der 52-Jährige. Seine Tochter habe er zu Freunden in eine Fliegerkaserne geschickt. Dort würden Zivilisten in einem Bunker untergebracht. "Es ist unfassbar still, alle Vögel sind geflohen. Wie im Katastrophenfilm."
Der Katastrophenschutz-Koordinator von Queensland, Ian Stewart, weist die Menschen darauf hin, dass in den nächsten Stunden Anrufe bei der Polizei und anderen Notfallbehörden ins Leere gehen werden, "weil das Leben der Helfer genauso bedroht ist wie das der Anrufer".
Neben dem Sturm seien die Regenmengen eine große Gefahr, so Simon Trippler, Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Für die Region rund um Cairns seien in 48 Stunden bis zu 400 Liter pro Quadratmeter zu erwarten. Das entspreche einer Wasserhöhe von 40 Zentimetern. Nach Angaben des DWD wird innerhalb von 48 Stunden so viel Regen fallen wie in Deutschland in einem halben Jahr.
Zehntausende entlang der Küste waren bereits zu Beginn der Woche geflüchtet, für Hunderttausende im Landesinneren war es jedoch zu spät für eine Evakuierung. "Die Menschen müssen jetzt Zuflucht finden, wo sie sind", so die Ministerpräsidentin Bligh, am Mittwoch. Sie forderte die Anwohner auf, sich in ihren Häusern zu verbarrikadieren.
"Wir hoffen, dass wir in zwei Tagen noch hier sind"
Einige eingerichtete Notunterkünfte waren offenbar überfüllt, so dass die Polizei Schutzsuchende abwies. Eine Anwohnerin, die für sich und ihre Kinder noch Plätze ergattern konnte, berichtete im Rundfunk: "Es ist so beängstigend. Man weiß einfach nicht, was kommt. Wir hoffen, dass wir in zwei Tagen noch hier sind." In der 122.000-Einwohner-Stadt Cairns und in Townsville weiter südlich machten selbst Krankenhäuser dicht.
Zuvor waren Hunderte Patienten mit Militärmaschinen ausgeflogen worden. Zahlreiche Menschen versuchten, in letzter Minute noch einen der wenigen Flüge aus der Region zu erwischen. Andere suchten Zuflucht in Einkaufszentren, die zu Notlagern umfunktioniert wurden. Allein in Townsville wurden 4000 Soldaten in Alarmbereitschaft versetzt, um der Bevölkerung auch mit Schiffen und Hubschraubern zu helfen.
Ein ähnlich starker Sturm habe Queensland zuletzt 1918 heimgesucht, so Ministerpräsidentin Bligh. "Es ist ein so ein gewaltiger Sturm, es ist ein Monster, ein Killer-Sturm", sagte sie. "Seine Auswirkungen sind wahrscheinlich lebensbedrohlicher als alles andere in den letzten Generationen Dagewesene."
Ideale Bedingungen für einen Wirbelsturm
"Yasi" ist auch deshalb so gewaltig, weil die Wassertemperatur zurzeit besonders hoch ist. Vor der australischen Küste misst der Pazifik 30 Grad. "Das sind ideale Bedingungen für einen tropischen Wirbelsturm", DWD-Sprecher Trippler. Bei seinem Weg über das Wasser nehme der Sturm immer mehr Energie auf.
Auch das Klimaphänomen La Niña, das alle drei bis fünf Jahre im Pazifik auftritt und diesmal besonders intensiv ausfällt, hat die Entstehung des Sturms nach Einschätzung von Experten begünstigt.
Den Berechnungen zufolge stellt "Yasi" selbst "Tracy" in den Schatten, den bislang schlimmsten Zyklon in Australien. "Tracy" hatte Weihnachten 1974 die Stadt Darwin verwüstet und 71 Menschen in den Tod gerissen. Trifft der Sturm auf Land, werde er sich auf seinem Weg nach Südwesten deutlich abschwächen, weil ihm über Land der Feuchtigkeitsnachschub fehle, so die Prognosen der Meteorologen. Am Ende der Woche seien darum nur noch Spitzenböen von 75 Kilometern pro Stunde zu erwarten. Der Regen hingegen werde nur allmählich nachlassen.
Zuckerpreise schon jetzt auf Rekordniveau
In der betroffenen Region in Queensland schlossen Bergbauunternehmen vorsorglich mehrere Gruben, mehrere Zuckerfabriken stellten ihre Produktion ein. Spekulationen auf schwere Ernteschäden haben den Zuckerpreis unterdessen stark in die Höhe getrieben. So stieg der Preis für Rohzucker, der an der US-Terminbörse ICE gehandelt wird, um 2,8 Prozent. "Was in Australien passiert, bewegt die Preise weltweit", erklärte ein Zuckerhändler in Bangkok.
In der von "Yasi" bedrohten Region wird rund ein Drittel des australischen Zuckerrohrs angebaut. Wegen des Hochwassers war Australiens Zuckerernte im vergangenen Jahr ohnehin schon schlecht ausgefallen: Nur 27,3 Millionen Tonnen Zuckerrohr wurden geerntet - normalerweise liegt der Ertrag zwischen 32 und 35 Millionen Tonnen. Australien ist der drittgrößte Zucker-Exporteur weltweit.
sar/Reuters/dpa/AP/AFP
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