Wissenschaftlicher Kollateralschaden Warum ein Nazi-Massenmörder rehabilitiert wurde

Wie weit darf ein Historiker bei der Jagd nach Akten gehen? Ein Dresdner Forscher stellte dazu einen Rehabilitierungsantrag für den Nazi-Massenmörder Hans Heinze. Peinliche Folge: "Euthanasie"-Heinze, der im zweiten Weltkrieg Hunderte Kinder und Jugendliche in den Tod schickte, wurde von seinen Verbrechen freigesprochen.

Von


Klaus-Dieter Müller will reden. Fast sieben Jahre hat der Historiker geschwiegen, aber jetzt will er reden, über Hans Heinze, will begründen, will erklären, wenn es sein muss stundenlang, denn "man darf das nicht verkürzen". Immer wieder sagt Müller das, man solle das alles bitte nicht verkürzen - nämlich auf jenen kurzen Satz, vor dem ihm so graut: Öffentlich besoldeter Historiker lässt Nazi-Massenmörder rehabilitieren. Müller hat nur ein Problem: dass es die Wahrheit ist. Zwar nicht die ganze, aber Müller, 49, angestellt bei der vom Land gegründeten Stiftung Sächsischer Gedenkstätten in Dresden, weiß natürlich um die Kraft des ersten Eindrucks, die Macht des ersten Blicks. Und um das Erschrecken, das er auslöst. Hätte er sonst sein Geheimnis jahrelang gehütet?

Dieser erste Blick fällt auf ein Schreiben der Deutschen Botschaft in Moskau, abgeschickt an Müller im Februar 1998. Ein Formbrief, wie ihn die Konsularbeamten damals schon oft verschickt haben - seit nämlich die Russen 1992 damit begonnen haben, Fehlurteile ihrer Militärgerichte in Deutschland nach 1945 aufzuheben. Die Deutsche Botschaft meldet dann das Ergebnis in die Heimat.

Nazi-Arzt Heinze: Behinderte Kinder auf Bestellung getötet, weil andere Nazi-Forscher ihre Hirne sezieren wollten

Nazi-Arzt Heinze: Behinderte Kinder auf Bestellung getötet, weil andere Nazi-Forscher ihre Hirne sezieren wollten

Diesmal aber steht unter dem deutschen Bundesadler ein Satz, der unter einem deutschen Bundesadler niemals hätte stehen dürfen: "Ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass die Militärhauptstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation in Moskau Hans Heinze ... rehabilitiert hat."

Freuen? Über die Rehabilitierung von Hans Heinze? "Euthanasie"-Heinze, der im zweiten Weltkrieg Hunderte Kinder und Jugendliche in den Tod selektierte, als einer von drei Gutachtern des Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden?

Der Heinze, der als Leiter der Landesklinik Görden in Brandenburg behinderte Kinder auf Bestellung umbringen ließ, weil andere Nazi-Forscher ihre Hirne sezieren wollten? Dieser Hans Heinze gilt nun also zumindest formal als rehabilitiert, und der Mann, der 1997 bei den Russen den Antrag gestellt hatte, um in Heinzes russische Gerichtsakte sehen zu dürfen, war Müller.

Seitdem hat der Dresdener Forscher nur mit einigen Fachkollegen darüber gesprochen - sie sollten es für sich behalten, und jahrelang hielt der Schwur. Nun aber bricht die Berliner Wissenschaftlerin Annette Weinke, 41, das Schweigen und entfacht damit einen Streit, wie weit Historiker gehen dürfen, wenn sie, wie Müller, einer Akte hinterher jagen. Die Rehabilitierung des Nazi-Verbrechers Heinze als Kollateralschaden wissenschaftlicher Arbeit? Für Weinke steht fest, dass so etwas auf keinen Fall hinnehmbar ist, selbst wenn Müller heute argumentiert, nur auf diesem Weg habe er damals wichtige Hinweise aus russischen Archiven über Heinzes Nachkriegsprozess bekommen können.

Was der 1983 gestorbene Heinze im Krieg getan hatte, war auch Müller 1997 schon bekannt. Der Arzt Heinze sah sich in der Pflicht, "asoziale Persönlichkeiten" rücksichtslos "auszuscheiden" - ein Totmacher, nicht nur am Schreibtisch, als einer der Chefplaner der Euthanasie, sondern auch in seiner Klinik, dem Landeskrankenhaus im brandenburgischen Görden, das er in eine Kinderpsychiatrie umwandelte.

Was der SS-Mann auf der Selektionsrampe in Auschwitz, das war Heinze in Görden: Herr über Leben und Tod. 1264 Kinder starben von Herbst 1938 bis April 1945 in seiner Kinderfachabteilung; viele von ihnen hatte Heinze als "leere Menschenhülsen" ausgesondert und zur Tötung mit einer Überdosis des Schafmittels Luminal bestimmt. Die Gehirne mit den bizarrsten Anomalien schickte er nach Berlin, ins Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung, wo Heinze wegen seiner Kompetenz einen guten Namen hatte - und für Lieferungen auf Bestellung.

1945 fassten ihn die Russen, im März 1946 verurteilten sie ihn zu sieben Jahren Lagerhaft, die er in mehreren Zuchthäusern, aber auch im Speziallager des russischen Geheimdienstes NKWD in Sachsenhausen bei Berlin absaß. Und deshalb rückte der Nazi Heinze nun fünf Jahrzehnte später ins Blickfeld des Historikers Müller. Der arbeitete 1997 noch beim Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden, galt aber schon damals als einer der führender deutscher Historiker für die russischen Militärtribunale und ihre Spruchpraxis. Heinze, der Todesarzt, war für Müller interessant. Müller wollte wissen, warum die Russen Kriegsverbrecher verurteilt hatten: tatsächlich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Oder nur als Nazi-Propagandisten?

Allerdings hatte Müller auch im Fall Heinze mal wieder sein notorisches Problem - die Akte. Die nämlich lag in russischen Geheimdienst-Archiven, und die Russen rückten Informationen über einen Ex-Häftling nur in einem Fall heraus: wenn Angehörige oder Wissenschaftler aus Deutschland einen Rehabilitationsantrag gestellt hatten. "Es gab damals keinen anderen Weg", beteuert Müller, der es wissen muss. Schließlich verdankte er seinen Aufstieg vor allem der Tatsache, dass er diesen Schleichpfad in russische Archive, den auch andere Wissenschaftler in Einzelfällen gingen, für sich zu einer Autobahn nach Moskau ausgebaut hatte: Müller stellte nicht nur einen Antrag, er stellte Hunderte. Nach seinen eigenen Schätzungen könnten es bis heute gut 2000 gewesen sein, auf jeden Fall so viele, dass sogar das Auswärtige Amt auf seiner Homepage Hinterbliebenen rät, sich gleich an Müller zu wenden, damit er für sie den Antrag stellt.

Hebt die russische Militärstaatsanwaltschaft dann nach ein paar Monaten ein Urteil tatsächlich auf, darf sich Müller mit einer Vollmacht der Angehörigen die ganze Akte ansehen. Bleibt es dagegen beim alten Spruch, bekommt er zumindest noch einige Informationen, warum die Russen damals einen Deutschen abgeurteilt hatten.

Am 20. Oktober 1997 stellt Müller seinen Antrag: Heinze, Hans, Geburtsdatum: 1895; Geburtsort: Elsterberg/Sachsen; Verhaftungsgrund, falls bekannt: NSDAP-Mitglied, Arzt. Von Euthanasie schreibt Müller nichts - um jede "Präjudizierung" zu vermeiden, sagt er heute.

Dabei hätte Müller gewarnt sein müssen, dass der Fall Heinze sensibel ist, äußerst sensibel: Nur ein Jahr zuvor hatte es einen Eklat in der Gedenkstätte Sachsenhausen gegeben. Ein Mitglied der "Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950" hatte eine Gedenkfeier für den "großen Arzt" Hans Heinze ausrichten wollen, weil Heinze im NKWD-Lager mit primitivsten Mitteln vielen Mithäftlingen das Leben gerettet hatte. Als die Geschichte in der "taz" stand, musste die Feierstunde für den Menschenfreund und Massenmörder abgesagt werden.

Wie heikel der Fall Heinze für ihn wird, dämmerte Müller dagegen erst am 26. Februar 1998: Die Russen hatten den Kindermörder Heinze tatsächlich rehabilitiert. "Das war auch für mich überraschend", sagt Müller, und dass er so etwas auf keinen Fall beabsichtigt habe. Dafür spricht immerhin, dass er sich gar nicht erst eine Vollmacht der noch lebenden Heinze-Kinder besorgt hatte. Aber hätte er sich nicht zumindest denken können, dass die Russen zu einem Freispruch kommen könnten? Schließlich wusste er, dass sie auch diesmal nur tun würden, was sie immer taten - nämlich die alte Gerichtsakte prüfen.

Historikerin Weinke: Kollateralschaden wissenschaftlicher Arbeit
DER SPIEGEL

Historikerin Weinke: Kollateralschaden wissenschaftlicher Arbeit

So kamen die Militärstaatsanwälte zu dem Schluss, dass die rote Siegermacht Heinze wie vielen anderen nach dem Krieg keinen sauberen Prozess gemacht hatte. Und dass für den einzigen angeklagten Fall von Euthanasie - Heinze soll wissentlich 200 Geisteskranke auf einen Todestransport geschickt haben - die Beweise nicht ausreichten. Von den übrigen Taten des Doktor Tod hatten die Russen 1946 keine Ahnung, vielleicht interessierten sie sich auch nicht dafür.

Müller, der 1999 zur Stiftung sächsischer Gedenkstätten wechselte und dort die Dokumentationsstelle leitet, hätte nun einen aufklärenden Brief schreiben können, an die Russen, schon aus hygienischen Gründen.

So hätte wenigstens nicht der Eindruck stehen bleiben können, der nach russischem Rehabilitationsgesetz aus einem Positiv-Bescheid folgen soll: dass "der Makel, ein Verbrecher zu sein", damit von dem Verurteilten "genommen wird", wie Müller es formuliert. Müller aber schrieb nicht - "das hätte keinen Sinn gemacht, der Fall war für die Russen abgeschlossen" - und er sagte auch nichts: "Man hätte die Rehabilitierung als scheinbaren Beleg insgesamt für die Schuldlosigkeit Heinzes ansehen können", mehr noch: "Das Verfahren der Rehabilitierung hätte im Ganzen in Zweifel gezogen werden können." Die deutsch-russischen Beziehungen drohten also belastet zu werden. Und Müllers Quelle drohte zu versiegen.

"Die Verantwortung des Historikers liegt nicht so sehr darin, ob er einen formellen Rechtsakt einleitet, die Verantwortung liegt im Umgang mit den erhaltenen Informationen", verteidigt sich Müller. Oder habe er je bestritten, dass Heinze ein Euthanasie-Mörder war? Das hat er in keiner Arbeit getan, im Gegenteil. Und habe er die Rehabilitierung nicht auch vor den Kindern Heinzes sorgsam geheim gehalten? Sohn Hans, 80, der in Niedersachsen lebt, erfuhr davon nach eigenen Angaben tatsächlich nichts, und Müller verzichtete damit sogar auf jene Vollmacht, die er für den Blick in die ganze Heinze-Akte gebraucht hätte. Er begnügte sich stattdessen mit einigen Informationen aus einem grauen Kanal, den er sich in Moskau mit dem Rehabilitierungsantrag eröffnet hatte.

Doch für die NS-Forscherin Weinke, die im Auftrag des Historischen Instituts der Universität Potsdam Heinzes Leben untersucht, ist das nicht genug, geht es um mehr, ums Grundsätzliche. "Müller hat eine Grenze überschritten, die ein Wissenschaftler nicht überschreiten darf", sagt sie, und sie ist nicht die einzige Kritikerin: "Jetzt kann man ja wieder eine Straße nach Heinze benennen", ätzt der Historiker und Journalist Götz Aly, Spezialist für NS-Verbrechen - "ich würde in solch einem Fall keinen Antrag stellen." Auch Mike Schmeitzner, Zeitgeschichtler am Hannah-Arendt-Institut, hält den Rehabilitationsantrag im Fall Heinze für problematisch: "Das ist uns eine Lehre gewesen, das kann man nicht noch mal machen." Und der Leiter einer sächsischen Gedenkstätte, der nicht genannt werden will, empört sich: "Für meinen Geschmack ist Müller in seinem Forscherdrang zu weit gegangen, und dann sollte das auch noch in der Schublade verschwinden."

Da bleibt es nun nicht mehr, und das zu einem für die Stiftung denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Erst zu Jahresbeginn hatte ihr der Zentralrat der Juden die Mitarbeit aufgekündigt - Begründung: Die Landesregierung verschiebe den Akzent der Gedenkstättenarbeit, weg von Nazi-Opfern, hin zu Insassen russischer Straflager in der Nachkriegszeit. Von "Waagschalen-Mentalität" war die Rede, von der Gefahr, dass das Land die Unterschiede zwischen den NS-Verbrechen und der kommunistischen Willkürherrschaft in Ostdeutschland "einebne". Die Rehabilitierung eines NS-Kriegsverbrechers macht sich da nicht gut.

In einem Aufsatz, der in Kürze erscheint, wird Müller sich deshalb erklären. Schon jetzt sagt er, dass dies ein Einzelfall geblieben sei, dass es in solchen Sonderfällen heute andere Mittel gebe, um in die russischen Archive zu schauen, Mittel ohne unerwünschte Nebenwirkungen wie bei Heinze. Und aus Sorge, dass daraus zu wenig Reue und zu viel Rechtfertigung sprechen könnte, schiebt die Stiftung noch einen Satz schriftlich nach: "Herr Dr. Müller und die Stiftung werden heute in vergleichbaren Fällen diesen Weg nicht mehr beschreiten."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.