WM-Jahr Wie Merkel die Herzen der Fußballfans erobern will

Pünktlich zum Beginn des WM-Jahres profiliert sich die Bundeskanzlerin als ausgewiesener Fußballfan. In einem Zeitungsinterview parierte Angela Merkel gekonnt Fragen nach den Abseitsregeln und "Schalke 05". Auch einen Auftritt in der Kabine der deutschen Kicker wird sie sich nicht nehmen lassen.


Berlin - Eigentlich hatte Gerhard Schröder (SPD) gehofft, dass die Begeisterung bei der Fußball-WM im Sommer 2006 ihn vielleicht auch ein drittes Mal ins Kanzleramt trägt. Doch es kam anders. Schröder brach die politische Spielzeit vorzeitig ab, die Union mit Merkel (CDU) an der Spitze gewann die Wahl-Partie im Herbst. Als neue Bundeskanzlerin ist nun Merkels Fußball-Sachkunde gefragt. Der "Bild am Sonntag" gab die Regierungschefin ein beachtenswertes Interview zum Thema Fußball.

Merkel bei ihrer Neujahrsansprache: "Kein Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können"
DDP

Merkel bei ihrer Neujahrsansprache: "Kein Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können"

Dabei zeigte sich Merkel durchaus kenntnisreich. So konnte sie sofort etwas mit dem Namen Carmen Thomas anfangen, jener ZDF-Moderatorin, die einst von "Schalke 05" sprach und damit ganzen Generationen von Männern ein Argument lieferte für die These, Frauen verstünden nichts vom Fußball. Abseits erklärte Merkel anhand einer Zeichnung. Ihr sei vor dem Interview eingefallen, "dass Sie das einen männlichen Kanzler wohl nicht fragen würden", sagte Merkel. Am Fußball fasziniere sie, "dass es spannend bis zur letzten Minute ist. Das fasziniert mich ja auch an der Politik", sagte Merkel.

Die Frage nach dem aktuellen Bundesliga-Spitzenreiter fand die Regierungschefin fast beleidigend. "Na, jetzt hören Sie aber auf! Das weiß ich schon. Mit beachtlichem Vorsprung die Bayern", beschied die CDU-Chefin die Interviewer. Schon in ihrer Neujahrsansprache hatte Merkel den Spieß umgedreht und süffisant auf die Frauenfußball-Nationalmannschaft verwiesen. Diese sei ja schon Fußballweltmeister, "und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen".

Die Kanzlerin sieht sich nicht als Expertin, aber als Fußball-Interessierte. Merkel, die Zweitligist Hansa Rostock die Daumen drückt und auch den FC Bayern mag, versucht, bei der Bundesliga den Überblick zu behalten. Sie verfolgt große Turniere intensiver. "Lebhaft" kann sich Merkel noch an den Sieg der DDR bei der WM 1974 über die Bundesrepublik erinnern. Über deren WM-Sieg hat sich Merkel gefreut, aber nach eigenen Worten daran gestört, dass dabei von Deutschland die Rede war: "Das hat die Gefühle vieler im Osten verletzt".

Merkel will Klinsmann kennen lernen

Für die Bebilderung ihres ersten Interviews im neuen Jahr ließ sich Merkel sogar dazu hinreißen, selbst gegen den Ball zu treten. Das Gespräch fand im Berliner Olympiastadion statt, im Anschluss ließ sich die Kanzlerin beim Kicken mit Nachwuchsspielern ablichten. Beim DFB-Verbandstag im Dezember hatte die Kanzlerin noch versprochen, nicht mit Schröder in fußballerische Konkurrenz treten und auf Tore schießen zu wollen. Man darf abwarten, ob Merkel diese Aussage in den Monaten bis zur WM wird einhalten können.

Auf einen deutschen WM-Sieg will Merkel jedoch nicht wetten. "Ich wette nur auf Dinge, die ich beeinflussen kann", sagte sie. Trotzdem sei sie optimistisch: Zum entscheidenden Zeitpunkt müsse man topfit sein. "Dann ist alles drin. Das gilt für den Fußball wie für die Politik." Bundestrainer Jürgen

Klinsmann will die CDU-Politikerin bald persönlich kennen lernen. "Ich habe kein Problem damit, dass er sich im Wahlkampf für Gerhard Schröder als Kanzler ausgesprochen hat", sagte die CDU-Politikerin. Und sie finde es gut, dass Klinsmann auch nach der verlorenen Wahl Schröders noch zu ihm halte.

Auf jeden Fall will sich Merkel bei der WM in der Kabine der deutschen Kicker sehen lassen. "Natürlich gehe ich da hin, zum geeigneten Zeitpunkt - übrigens auch, wenn wir Zweiter werden", sagte Merkel mit einem Lachen. Einen Nahestehenden konnte Merkel mit ihrer Fußball-Leidenschaft offenbar noch nicht anstecken. Ihr Mann Joachim Sauer sei hier "weniger enthusiastisch". Aber die 51-Jährige rechnet immerhin damit, dass sich ihr Mann "sicher" das WM-Endspiel anschauen wird, "im Stadion oder zu Hause".

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich gegen einen Ausschluss der iranischen Mannschaft von der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Jahr ausgesprochen.

Stefan Uhlmann, ddp



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