Wolfgang Thierse im Interview: "Wer demütig ist, spricht nicht darüber"

Mit "Demut" reagieren Politiker auf Wahlniederlagen, "demütig" geben sie Fehler zu. Gesten der Arroganz, meint Wolfgang Thierse. Im Interview spricht der Bundestagsvizepräsident über Abgeordnete ohne Haltung und seinen Weg zur Demut.

Wertgefühl: Was gilt Demut heute? Fotos
DPA

Neben der Tür zu seinem Büro hängt eine Titelseite der "Tageszeitung": "Ober-Ossi fordert West-Soli". Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Bundestags, sagt, was er denkt, und er genießt große Anerkennung, weil sein Denken und Reden eine Haltung demonstrieren. Ihn und Bundespräsident Joachim Gauck eint, dass diese Haltung auf einem Gedanken fußt: Demut vor der Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Thierse, Politiker bemühen gern das Wort Demut, wenn sie Niederlagen zu erklären haben. Was sagt ein katholischer Intellektueller dazu, der selbst Teil des Politikbetriebs ist?

Thierse: Man muss misstrauisch werden, wenn Politiker zu oft das Wort Demut gebrauchen. Demütig muss man sein, und wer es ist, spricht im Normalfall nicht darüber.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Genosse Sigmar Gabriel sagte nach der Wahlniederlage 2009, die SPD brauche erst mal Demut, "diese innere und ehrliche Haltung ist jetzt das Wichtigste und nicht schnelle und laute Reden".

Thierse: Nichts ist schlimmer, als Stellungnahmen nach Wahlen. Ich gehe deshalb nie ins Willy-Brandt-Haus an Wahlabenden: Wenn man verliert, muss man die Niederlage so umdrehen, dass sie nicht ganz so furchtbar erscheint. Ich fand es ganz sympathisch von Gabriel zu sagen, man müsse diese Niederlage mit gesenktem Haupt ertragen. Etwas anderes ist es, wenn jemand wie Karl-Theodor zu Guttenberg das Wort Demut in den Mund nimmt nach der Aufdeckung des Plagiats, das war eher eine Geste der Arroganz.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt es denn, demütig zu sein?

Thierse: Demut ist das Bewusstsein von der Erbarmungswürdigkeit des Menschen. Das Bewusstsein, dass man Fehler und Irrtümer begeht und darauf angewiesen ist, dass einem andere verzeihen und vergeben und man selbst dazu bereit ist. Eine tiefere Einsicht in die Fehlbarkeit der eigenen Person. Und das Gefühl der Dankbarkeit für das, was gelingt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat diese Haltung für Sie?

Thierse: Meine Mutter war Zeit meines Lebens schwer krank, sie hatte Multiple Sklerose. Ich habe von Kindesbeinen an gesehen, wie sich ihr Zustand nach und nach verschlechterte, und ich konnte nichts dagegen tun. Ich musste lernen, dass es etwas gibt, das man nicht ändern kann und aushalten muss. Das Akzeptieren der Einsicht, dass nicht alles machbar ist, kann man durchaus Demut nennen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in der DDR aufgewachsen, in einer unfreien Gesellschaft. Sie haben auch deshalb früh erfahren, dass nicht alles machbar ist.

Thierse: Nach der Wende merkte ich, dass Freiheit für viele im Westen selbstverständlich ist, bis zur Geringschätzung. Westlichen Politikern fehlt unsere Erfahrung, das merkt man manchmal. Ich bin in einem kleinen Ort aufgewachsen, von dem die West-Grenze einen Kilometer entfernt war. Die Unfreiheit war mir ständig gegenwärtig. Das ist eine Erfahrung von Benachteiligung, an der ich laboriert habe. Ich bin aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass man als Einzelner an dieser Situation nichts ändern kann. So wurde das Leben eines politisch frei denkenden Menschen in der DDR zur Einstellungsfrage: Ist man bereit, gegen die Resignation anzukämpfen? Aus dieser Erfahrung erwächst eine demütige Haltung gegenüber der Freiheit: Das Bewusstsein von der Pflicht, mit dem eigenen Handeln diesem Geschenk zu dienen, das so kostbar, weil nicht selbstverständlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Diese Grundhaltung eint Sie mit Joachim Gauck, der wie Sie im Neuen Forum aktiv war.

Thierse: Ja, zugleich war für mich in der DDR aber auch wichtig, mir mein Karrierestreben abzutrainieren. Ich wollte den Preis nicht bezahlen, den ich hätte zahlen müssen: Anpassung, Unterwerfung.

SPIEGEL ONLINE: Der Preis für eine politische Karriere in der Bundesrepublik, so hat man manchmal den Eindruck, ist die Aufgabe der eigenen Freiheit und der persönlichen Haltung.

Thierse: Meine Lieblingsstelle in der Bibel ist der Teil der Bergpredigt mit den Vögeln und den Lilien, die nicht arbeiten, "und euer himmlischer Vater ernährt sie doch". Eine wunderbare Absage an Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung, jene Gefährdungen der Politiker: Zu meinen, dass man alles kann und alles muss und deshalb Erwartungen nie gerecht wird, was in Zynismus oder Alkohol mündet. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt: Das Evangelium, das Neue Testament, ist eine wunderbare Einladung zu einem gelassenen, entspannten Selbstbewusstsein, das Demut enthält.

SPIEGEL ONLINE: Politiker, die wie Sie und Gauck aus der Erfahrung der Unfreiheit eine Haltung entwickelt haben, wird es in Deutschland mittelfristig nicht mehr geben. Was bedeutet das für den politischen Betrieb?

Thierse: Ich habe den Eindruck, dass den Prototypen des modernen Politikers keine starke Überzeugung an irgendetwas hindert. Er hat keine. Wer eine starke Überzeugung hat, macht auch Fehler, weil er sagt: Das will ich auf keinen Fall oder jenes unbedingt. Dass starke Überzeugungen abgeschliffen sind, liegt sicher auch an den Medien, die auf jede scharfe Äußerung hysterisch reagieren. Keiner will sich angreifbar machen. Demut, Bescheidenheit, Mäßigung sind auch keine Politiker-Eigenschaften, die von den Medien gewürdigt würden, im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde hat schon vor über 30 Jahren den berühmten Satz geschrieben: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."

Thierse: Er hat erkannt, was heute zum realpolitischen Problem werden kann: In Religionen ist ein Bewusstsein festgehalten, dass politische Macht und Gestaltbarkeit des Menschen nicht alles ist. Die DDR war eine ideologische Selbstvergötterung von Macht. Es gab keine Relativierungen mehr. Dem politischen Ziel hatte alles zu dienen, demgegenüber wurden Menschen zum Material gemacht. Dagegen ist Religion ein unmittelbarer Einspruch. Das Christentum, indem es auf den Wert jedes Einzelnen besteht. Diese Art des Einspruchs gegen die Politik ist wichtig, gerade heute, da die Politik die Dominanz gegenüber Marktprozessen verloren hat. Je weniger ein Bewusstsein von der Verbindlichkeit der Werte da ist, je weniger sie tradiert und lebendig gehalten wird, umso mehr wachsen die Gefahren. Das hat ja auch Jürgen Habermas angemerkt.

SPIEGEL ONLINE: Der unter dem Eindruck des 11. September Politikern religiöse Begründungsmuster zugestand, was er vorher ausgeschlossen hatte. Darf ein Politiker religiös argumentieren?

Thierse: Nein, als Politiker sollte man das, was man aus seinen eigenen Grundüberzeugungen ableitet, in eine allgemeingültige Sprache übersetzen. So bekommen Argumente eine größere Reichweite und Anschlussfähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für die repräsentative Demokratie, wenn eine Partei wie die Piraten, bei denen eine fehlende Haltung zum Programm zu gehören scheint, viel Zuspruch erfährt?

Thierse: Sie machen Unverbindlichkeit zum Prinzip. Aber ihren Erfolg kann man auch positiv interpretieren. Das ist die Mitwirkungslust möglichst vieler, sie sagen: In dieser repräsentativen Demokratie habe ich keine Chance, etwas mitzugestalten. Bei den Piraten kann ich mitwirken von zu Hause aus und zugleich frei und unverbindlich bleiben. Ich bin sehr neugierig, ob sie sich stabilisieren können. Allerdings gibt es keine demokratische Politik ohne ein gewisses Maß an Verbindlichkeit und erkennbarer persönlicher Verantwortung. In einer Talkshow geht es darum, wer die bessere Pointe hat, wer schneller denkt. Im Bundestag aber muss ich Entscheidungen treffen und für sie einstehen. Das gebietet die Demut vor den Pflichten des Amtes, und die sollte jeder Parlamentarier haben.

Das Interview führte Birger Menke


Dies ist das erste Interview einer Gesprächsreihe über die Demut.

Es folgen: Matthias Sammer, Konstantin Wecker und Bischof Franz-Josef Bode. Lesen Sie hier den Aufttakttext: Die Wiederkehr der Demut.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Attitüde
box-horn 04.05.2012
Zitat von sysopMit "Demut" reagieren Politiker auf Wahlniederlagen, "demütig" geben sie Fehler zu. Gesten der Arroganz, meint Wolfgang Thierse. Im Interview spricht der Bundestagsvizepräsident über Abgeordnete ohne Haltung und seinen Weg zur Demut. Wolfgang Thierse zum Thema Demut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829463,00.html)
Thierse ist nicht demütig sondern durch und durch eitel, eingebildet und rechthaberisch. Demut ist bei ihm Attitüde.
2.
stedaros 04.05.2012
Ich möchte mehr davon. Und all die Politiker, die nichts als Gewäsch sagen und Fragen mit nichtsagenden Plattitüden beantworten, empfehle ich das Interview als Pflichtlektüre.
3. optional
rheinläufer 04.05.2012
Es tut gut zu lesen, dass sich jemand auf die Demut besinnt. In unserer Zeit mit all ihren "tollen" Siegertypen und Hoppla-jetzt-komm-ich-Menschen scheint diese Eigenschaft nicht "in" zu sein. Es täte dem Zusammenleben in der Gesellschaft gut, wenn es wieder mehr Demut und Achtung vor dem anderen gäbe.
4. Kanzeln im Bundestag und in den Kirchen
albert schulz 04.05.2012
Zitat von stedarosIch möchte mehr davon. Und all die Politiker, die nichts als Gewäsch sagen und Fragen mit nichtsagenden Plattitüden beantworten, empfehle ich das Interview als Pflichtlektüre.
Und dann wundern sich die Politiker, daß man ihrem weitgehend sinnfreien Gelaber nicht mehr zuhört, und daß die Piraten die Stimmen bekommen, die den Wähler davon überzeugt haben, daß sie nicht sinnvoll denken können und das auch gar nicht wollen. Beliebigkeit, schöne Worte um nichts.
5. Toller Artikel völlig sinnfrei
daskänguru 04.05.2012
Zitat von sysopMit "Demut" reagieren Politiker auf Wahlniederlagen, "demütig" geben sie Fehler zu. Gesten der Arroganz, meint Wolfgang Thierse. Im Interview spricht der Bundestagsvizepräsident über Abgeordnete ohne Haltung und seinen Weg zur Demut. Wolfgang Thierse zum Thema Demut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829463,00.html)
Selten so sinnfreie Artikel gelesen. "Wer demütig ist, spricht nicht darüber", warum macht er es dann. Außer der Guttenberg ist arogant und die Piraten sind unverbindlich hat er ja wirklich rein garnichts zusagen. Was soll so ein Interview, außer das er eine andere Begriffsdefinition von Demut hat. Er war als Bundestagspräsident eine Pfeife, das einzige was ich ihn zugute halten kann ist sein Auftreten bei Antineonazidemonstrationen. p.s. Demut Der Demütige erkennt und akzeptiert aus freien Stücken, dass es etwas für ihn Unerreichbares, Höheres gibt.
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    Wolfgang Thierse, 68, ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Von 1998 bis 2005 war er dessen Präsident. Thierse wuchs im thüringischen Eisfeld auf. Er studierte Germanistik und Kulturwissenschaft in Berlin und arbeitete später beim Kulturministerium der DDR. Als er sich weigerte, die Ausbürgerung des Lyrikers Wolf Biermann zu unterstützen, wurde er entlassen. Er kehrte zurück an die Universität. Kurz nach der Wende trat er der SPD bei und war bis 2009 Mitglied ihres Vorstands. Für seinen Einsatz gegen Intoleranz und für ein demokratisches Bewusstsein wurde er mehrfach ausgezeichnet.