Hamburg - Schlechtes Wetter hat am Wochenende die Suche nach weiteren Vermissten und die Arbeiten zum Abpumpen des Treibstoffes behindert. Am Sonntagmorgen mussten die Taucher nach Angaben des italienischen Zivilschutzes erneut abgezogen werden, nachdem sich das Wrack in der Nacht wegen starken Windes und hohen Wellengangs verschoben hatte.
Kontrollinstrumente hätten gezeigt, dass sich das vor der italienischen Insel Giglio havarierte Kreuzfahrtschiff innerhalb von sechs Stunden um vier Zentimeter bewegt habe, teilte der Krisenstab mit. Eine Expertengruppe wollte daraufhin das weitere Vorgehen beraten.
Bereits am Samstag mussten die Vorbereitungen zum Abpumpen des Treibstoffs der "Costa Concordia" unterbrochen werden. Die Techniker der niederländischen Bergungsfirma Smit und des italienischen Unternehmens Neri stellten ihre Arbeit wegen hohen Wellengangs ein und kehrten in den Hafen der Insel Giglio zurück. Die Arbeitsplattform, die Smit am Rumpf der "Costa Concordia" festgemacht hatte, löste sich durch den Wellengang bereits teilweise von dem Wrack. Man ließ sie in den Hafen schleppen, wo sie bleiben soll, bis das Wetter besser wird. Das wird jedoch frühestens für Dienstag erwartet.
Aus dem Wrack der "Costa Concordia" trat bislang noch keine größere Menge Öl aus. Trotzdem ist das Abpumpen des Treibstoffs eines der dringendsten Anliegen. Taucher des Bergungsunternehmens trafen in den vergangenen Tagen die für das Abpumpen notwendigen Vorbereitungen. Sie brachten Ventile an sechs der 23 Tanks an, um das Beseitigen des Treibstoffs zu ermöglichen.
Schutz der Bergungskräfte
Mit dem Abpumpen selbst hätte eigentlich am Samstag begonnen werden sollen. An Bord des Wracks befinden sich noch rund 2400 Tonnen Treibstoff, die das Meeresschutzgebiet rund um die Insel zu verseuchen drohen. Um die sechs ersten Tanks zu leeren, in denen sich rund die Hälfte des Treibstoffs befindet, brauchen die Firmen nach eigenen Angaben rund zwei Wochen.
Um das ganze Wrack zu beseitigen, wird man laut Krisenstabsleiter Gabrielli sieben bis zehn Monate benötigen, wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtet. "Erst ging es darum, Leben zu retten, jetzt bleibt uns das Ziel, einen Umweltnotstand zu verhindern", sagte Gabrielli am Sonntag auf der Insel Giglio.
Der Verantwortliche für die Bergungsaktion machte auch einen klaren Unterschied zwischen der Suche nach Lebenden oder nach Toten. Wenn er hinter einer verschlossenen Tür einen lebenden Menschen vermute, treibe er zu einem Vorgehen bis an die Grenzen an. Es gehe aber auch darum, an das Leben der Bergungskräfte zu denken. Vermute er hinter der Tür einen Toten, schütze er im Zweifelsfall den Helfer.
Gut zwei Wochen nach dem Unglück beginnen die Bewohner der Insel Giglio sich auch um ihre Haupteinnahmequelle, den Tourismus, zu sorgen. Anwohner lassen derzeit Unterschriftenlisten herumgehen, sie verlangen von den Behörden mehr Informationen darüber, wie eine großangelegte Bergungsaktion mit dem Touristengeschäft vereinbar ist.
Derzeit ist der Hafen für alle privaten Boote gesperrt und es wurde eine Sperrzone von einer Meile (1,6 Kilometer) rund um das Wrack eingerichtet. "Es tut uns wirklich leid. Aber nun kommen andere Notwendigkeiten und Probleme hoch", sagt Franca Melils, Besitzerin eines Geschäfts auf Giglio und Unterstützerin der Petition. "Nun geht es um uns, die wir im Tourismus arbeiten und vollständig davon leben. Wir haben keine Fabriken, wir haben nichts anderes", sagte sie.
Fünf Deutsche unter den identifizierten Leichen
Die "Costa Concordia" war am Abend des 13. Januar mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der toskanischen Insel Giglio auf Grund gelaufen, leckgeschlagen und gekentert. Bislang wurden 17 Tote geborgen. Bei den bislang bekannten Toten handelt es sich nach Angaben der Präfektur der Stadt Grosseto um fünf Deutsche, vier Franzosen, drei Italiener, zwei Peruaner, einen Ungarn und einen Spanier.
Am Samstag wurden die Leichen eines peruanischen Besatzungsmitglieds und einer deutschen Urlauberin identifiziert. Es handelt sich um eine Frau aus Baden-Württemberg, wie das Landeskriminalamt am Sonntag bestätigte. Außerdem sind bislang deutsche Opfer aus Bayern, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Hessen identifiziert.
16 weitere Insassen werden laut einer auf der Internetseite der Präfektur veröffentlichten Liste noch vermisst, darunter sieben Deutsche. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin bestätigte die Zahl von fünf identifizierten deutschen Todesopfern und sieben deutschen Vermissten.
"Lächerliche" Entschädigung
Gut zwei Wochen nach der Havarie haben Passagiere erste juristische Schritte gegen die Reederei Costa sowie die US-amerikanische Eignerfirma Carnival eingeleitet. Die große italienische Verbraucherorganisation Codacons teilte am Samstag mit, in Miami gemeinsam mit zwei US-Kanzleien eine Sammelklage eingereicht zu haben. Für die ersten sechs dort vertretenen Passagiere gehe es um Entschädigungsforderungen von insgesamt 460 Millionen US-Dollar.
Auch ausländische Passagiere der "Costa Concordia" könnten sich der Sammelklage anschließen. Codacons hatte die von der Reederei Costa Crociere angebotene Basisentschädigung von 11.000 Euro als "Almosen" abgetan. Ein Komitee geschädigter sizilianischer "Concordia"-Passagiere nannte die angebotene Summe "lächerlich".
jus/AFP/dpa/dapd
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