Ukrainischer Wunderarzt: Die Toten des Doktor Pi

Von Anastasia Offenberg, Moskau

Angehörige von Kranken fielen vor ihm auf die Knie, zwei Präsidenten förderten ihn: Andrej Sljusartschuk galt in der Ukraine als begnadeter Hirnchirurg. Bis eine Journalistin enthüllte, dass seine Diplome gefälscht waren - und viele seiner Patienten starben.

Ukrainischer Wunderarzt: Ein Hochstapler namens Pi Fotos
Expres/ Jaroslaw Stantschak

Millionen Fernsehzuschauern und Zeitungslesern in der Ukraine ist Andrej Sljusartschuk ein Begriff. Seit Jahren verblüffte der 41-Jährige sein Publikum mit unglaublichen Kunststücken: Scheinbar mühelos schien er sich Zahlen mit Millionen Ziffern merken zu können, Partien gegen Schachcomputer gewann er auch mit verbundenen Augen.

An einem Tag im September des vergangenen Jahres aber verliert das sonst so souveräne Genie unvermittelt die Fassung. "Ich werde mit Ihrem Blut die Wände beschmieren", brüllt Sljusartschuk in den Telefonhöhrer.

Am anderen Ende der Leitung lauscht Switlana Martinets der Tirade. Die Reporterin der Zeitung "Expres" wollte eigentlich ein Porträt über Sljusartschuk schreiben. Man traf sich in einem Café, sie verabredeten sich wieder. Aber nachdem die Reporterin Martinets Sljusartschuk nach seiner Kindheit und Jugendfreunden befragt hat, gerät der Tausendsassa in Rage. "Ich werde Ihr Gehirn gegen die Wand schleudern", schreit Sljusartschuk.

Der Mann, der Martinets da am Telefon droht, hat in der Ukraine einen Ruf wie Donnerhall. Sljusartschuk gilt als angesehener Hirnchirurg und verfügt über beste Beziehungen in die ukrainische Politik. Präsident Wiktor Janukowitsch ließ sich laut "Expres"-Informationen auf Auslandsreisen gern von dem Mediziner begleiten und verlieh ihm 2011 einen mit 14.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis. Janukowitschs Amtsvorgänger Wiktor Juschtschenko wollte ihm zu Ehren gar eigens ein "Institut für Gehirnforschungen" gründen.

Die Reporterin wird beschattet

Sljusartschuk gefiel sich in der Rolle des Genies: Journalisten erzählt er vom frühen Unfalltod der Eltern, wie er im Alter von nur zwölf Jahren in Moskau das Medizinstudium aufnahm, um mit 21 Jahren zu promovieren.

2004 wird er zum Medienstar: Im Fernsehen inszeniert er sich als Gedächtniskünstler, der Tausende Bücher auswendig kennt und Millionen Nachkommastellen der Kreiszahl Pi. Als "genial, legendär und phänomenal" preisen ihn Lokalzeitungen - und verpassen ihm den Spitznamen "Doktor Pi".

Der Ruhm ist gut für das Geschäft. Schwerkranke Patienten und ihre Verwandten aus dem ganzen Land flehen ihn um Behandlungen an. Sljusartschuk lässt sie sich mit Dollar vergüten. Die Kollegen in den Kreiskrankenhäusern, in die er gerufen wird, wundern sich zwar über den unkonventionellen Auftritt des Star-Chirurgen, dem medizinische Fachbegriffe kaum geläufig sind. "Aber das Fernsehen hat ihn doch fast jeden Tag gezeigt, manchmal sogar neben dem Präsidenten", werden sie später entschuldigend der Reporterin Martinets berichten.

Die Journalistin gerät nach Sljusartschuks Telefontirade in Schwierigkeiten. Martinets wird beschattet, Fremde lauern ihr auf und schießen Fotos. Hochrangige Politiker schwärzen sie beim Chefredakteur der Zeitung "Expres" an: die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments in Kiew etwa, und der Chef der Parlamentskommission für journalistische Ethik. Sie verteidigen den Professor, der "nach dem Gespräch mit Frau Martinets sehr aufgeregt war".

Todesfälle statt zufriedener Patienten

Dazu hat er allen Grund. Sljusartschuks Einschüchterungsversuche spornen die Redaktion des "Expres" zu weiteren Recherchen an, der Chefredakteur stärkt seiner Reporterin den Rücken.

Martinets beginnt eine Spurensuche. Dabei stößt sie statt auf "Tausende zufriedener Patienten", mit denen sich Sljusartschuk brüstet, auf eine Serie von Todesfällen.

Da ist die elfjährige Switlana Wizentowitsch. Als das Mädchen 2008 vom Fahrrad stürzt und ins Koma fällt, drängen Bekannte Switlanas Vater, den berühmten Arzt zu rufen. Als Sljusartschuk in dem Provinzkrankenhaus eintrifft, denkt niemand daran, sich genauer nach seiner Qualifikation für die komplizierte Operation zu erkundigen. Einen Tag nach dem Eingriff am Gehirn stirbt Switlana.

Da ist Wasil Krinitzkij, dessen Ehefrau auf die Knie fällt, als Sljusartschuk sich ihr nähert. Sie fleht ihn an, ihren Mann zu operieren. Krinitzkij ist in einen Kanalisationsschacht gestürzt, auch er liegt seither im Koma. Andrej Sljusartschuk betritt den sterilisierten Operationsaal in kurzen Hosen und Sportschuhen. Die assistierenden Ärzte wagen jedoch nicht, den berühmten Kollegen aus der Hauptstadt Kiew zu kritisieren. Dafür berichten sie später von Blutströmen, die der Pseudo-Chirurg nicht zu stoppen vermochte.

Vier Tage nach der Operation stirbt Wasil Krinitzkij. Als Sljusartschuk der Ehefrau kondoliert, sagt er: "Auch ich bin eben kein Gott."

Happy End für die Reporterin

Vor allen Dingen ist er noch nicht einmal ein richtiger Arzt, wie die Reporterin Martinets bald erfährt. Die "Expres"-Recherchen fördern zutage, dass sämtliche Diplome und Doktortitel gefälscht sind. Sljusartschuk hat nie Medizin studiert. Der Mann, den das ganze Land als eine Art Wunderheiler verehrte und den zwei Staatspräsidenten protegierten, entpuppt sich als Hochstapler, der mindestens zwölf Menschenleben auf dem Gewissen hat. Sljusartschuk habe "seine Patienten buchstäblich zu Tode operiert", berichten Assistenzärzte der "Expres"-Journalistin Martinets.

Selbst die Geschichte vom frühen Unfalltod der Eltern ist erfunden. In Wahrheit leben Sljusartschuks Eltern noch. Er ist das dritte uneheliche Kind einer damals 21-jährigen Mutter, die ihn direkt nach der Geburt in ein staatliches Heim abschob. Andrej Sljusartschuk absolvierte eine Ausbildung zum Näher, in eine Aktentasche aber schleppte der Lehrling stets ein Stethoskop und einen weißen Kittel mit sich herum.

Später tingelte er als Hypnothiseur durch Studentenwohnheime. Damals, so glaubt Reporterin Martinets, machte er wohl auch die Bekanntschaft neuer Freunde, die ihm halfen, Diplome zu kaufen und aus dem Näher Andrej den Wunderarzt "Doktor Pi" zu machen.

Erst nach den Recherchen von "Expres" haben auch die Behörden in der Ukraine Sljusartschuk genauer unter die Lupe genommen. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Die Regierung von Präsident Wiktor Janukowitsch, der den Betrüger einst selbst mit auf Reisen nahm und ihm einen Preis verlieh, hat angekündigt, nun Switlana Martinets und ihrer Redaktion einen Orden zu verleihen - für ihre Verdienste um "die Festigung von Gesetz und Ordnung".

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insgesamt 24 Beiträge
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1. xxx
mulcahy@gmx.at 05.04.2012
Zitat von sysopExpres/ Jaroslaw StantschakAngehörige von Kranken fielen vor ihm auf die Knie, zwei Präsidenten förderten ihn: Andrej Sljusartschuk galt in der Ukraine als begnadeter Hirnchirurg. Bis eine Journalistin enthüllte, dass seine Diplome gefälscht waren - und viele seiner Patienten starben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,825466,00.html
leider ist das nicht der einzige fall von gekauften diplomen. ich kenne mindestens vier kollegen, die sich ihre krankenpflegediplome gekauft haben, da sie aber gute beziehungen zu einer regierungstragenden partei haben, dürfen sie weitermachen. gilt in der ukraine die todesstrafe?
2. Gekaufte Diplome oder
friedenspfeife 05.04.2012
Zitat von sysopExpres/ Jaroslaw StantschakAngehörige von Kranken fielen vor ihm auf die Knie, zwei Präsidenten förderten ihn: Andrej Sljusartschuk galt in der Ukraine als begnadeter Hirnchirurg. Bis eine Journalistin enthüllte, dass seine Diplome gefälscht waren - und viele seiner Patienten starben. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,825466,00.html
gekaufte/ erschlichende Dr.Titel, wo ist der Unterschied zwischen D und der Ukraine? OK, Guttenberg hat nicht operiert, aber im Prinzip ist es das gleiche.
3. gekaufte Diplome
grundyman80 05.04.2012
Zitat von mulcahy@gmx.atleider ist das nicht der einzige fall von gekauften diplomen. ich kenne mindestens vier kollegen, die sich ihre krankenpflegediplome gekauft haben, da sie aber gute beziehungen zu einer regierungstragenden partei haben, dürfen sie weitermachen. gilt in der ukraine die todesstrafe?
Wenn Sie, wie Sie sagen, mindest. vier Kollegen kennen die ihr Diplom erkauft haben, ist es nicht von Ihrer Seite unverantwortlich dieses dann so zu akzeptieren und tolerieren?? Warum werden diese Kollegen nicht angezeigt??
4.
Obi-Wan-Kenobi 05.04.2012
Zitat von friedenspfeifegekaufte/ erschlichende Dr.Titel, wo ist der Unterschied zwischen D und der Ukraine? OK, Guttenberg hat nicht operiert, aber im Prinzip ist es das gleiche.
Nein, auch im Prinzip ist es nicht das gleiche. Ein Diplom zu erschleichen ist nochmals eine andere Hausnummer als einen Dr. Immerhin hat seine Gegeltheit sein Studium absolviert und dürfte somit auch Fachkenntnis besitzen, nur beim Dr. hat er den bequemen Weg gewählt. :-) Dr. Pi war, wie der Artikel vermuten lässt, nur Näher und hat mit den Kenntnissen eines Näher operiert. In einem haben Sie allerdings recht. In Deutschland ist dies auch möglich Google (http://www.google.de/#hl=de&sugexp=frgbld&gs_nf=1&cp=13&gs_id=1e&xhr=t&q=falscher+arzt&pf=p&sclient=psy-ab&oq=falscher+arzt&aq=0&aqi=g4&aql=&gs_l=&pbx=1&bav=on.2,or.r_gc.r_pw.r_qf.,cf.osb&fp=ab08b176ee4d6e1c&biw=1680&bih=942)
5.
wb99 05.04.2012
Zitat von friedenspfeifegekaufte/ erschlichende Dr.Titel, wo ist der Unterschied zwischen D und der Ukraine? OK, Guttenberg hat nicht operiert, aber im Prinzip ist es das gleiche.
Im Prinzip ist alles das gleiche.
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