YouTube-Promi Meyer Der Elektroschock-Scherzkeks

Alles nur Show? Seit Andrew Meyer bei einem Polit-Talk in Florida mit Elektroschocks traktiert wurde, ist er eine Internet-Berühmtheit. Die Vorgeschichte des US-Studenten legt den Schluss nahe: Er hat den schmerzhaften Vorfall in "Jackass"-Manier gezielt provoziert.


Hamburg - Die höchste Anforderung an einen im Zeitalter medialer Allgegenwärtigkeit aufgewachsenen jungen Menschen hat Andrew Meyer mit Bravour erfüllt. Der 21-jährige Amerikaner hatte seinen 15 Minuten währenden Fernseh- und Internetruhm - und zwar gleich auf großer internationaler Bühne.

Bei einer Podiumsdiskussion der Universität Florida nahm Meyer den Politiker und Ex-Präsidentschaftskandidaten John Kerry ins Kreuzverhör, wurde von Polizisten abgeführt und mit Elektroschocks schmerzlich traktiert. 24 Stunden später war der Vorfall in aller Munde, und Meyer durchlief die Kategorien, die eine Medienpersönlichkeit mit kurzer Halbwertszeit dieser Tage so absolviert: Er wurde Held bei YouTube, Protagonist bei CNN, Diskussionsgegenstand in Netz-Communities. Dort wurde er mal zum Helden hochgejazzt, als Opfer greinend bedauert, als Spinner und Angeber verunglimpft.

Sieht man sich den dreieinhalbminütigen Videomitschnitt aus dem Hörsaal, in dem sich Meyer am vergangenen Montag erst mit Kerry, dann mit den Polizisten anlegte, genauer an - dann ist seine Masche schnell entlarvt: Meyer ist ein "Prankster", ein Scherzkeks in "Jackass"-Manier, der medienträchtige Zwischenfälle gezielt inszeniert.

So auch am Montag in Gainesville: Mit der Grandezza eines sturmerprobten Standup-Comedian ergreift Meyer das Mikro und nimmt Senator Kerry in ein höhnisches Verhör. Meyer fuchtelt mit einem Buch des Journalisten Greg Palast, "Armed Madhouse", herum - es trifft sich gut, dass dieses telegen mit quietschegelbem Cover versehen ist. In "Madhouse" behauptet Palast, der Wahlausgang 2004 sei auf hanebüchene Weise manipuliert worden, Kerry sei aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen George W. Bush als Sieger hervorgegangen.

"Mensch, Sie haben die Wahl 2004 gewonnen! Ist das nicht irre?", feixt Meyer in Richtung Kerry. Ja, er habe das Buch auch gelesen, murmelt Kerry - und wird von Meyers verbaler Woge überrollt.

Warum, blafft Meyer den Senator an, habe er den Wahlausgang nie in Frage gestellt, obwohl viele Indizien auf Manipulation hindeuteten? Schwarze seien in Ohio nicht zur Wahl zugelassen worden, Wahlautomaten hätten falsch ausgezählt.

"Bei Clinton ging das auch, wegen eines Blowjobs!"

Eine Ordnerin versucht nun, Meyer vom Mikrofon wegzuzerren. "Der hat zwei Stunden lang geredet, da kann ich wohl zwei Minuten haben", pampt Meyer die Frau an - und redet weiter. Kerry geht's jetzt richtig an den Kragen. "Warum leiten Sie kein Amtsenthebungsverfahren gegen Bush ein?", will Meyer wissen. "Warum nicht jetzt ... bevor Bush in Iran einmarschiert? Warum leiten wir kein Verfahren ein? Bei Clinton ging das doch auch, wegen eines Blowjobs!"Dann verlangt Meyer eine Antwort auf die Frage, ob Kerry derselben obskuren Burschenschaft wie Bush angehört habe, der "Skull and Bones Society" an der Universität Yale. Offenbar will Meyer den Senator als Bush-gesteuerte Marionette düpieren.

Doch jetzt langt mit voller Wucht der Arm des Gesetzes zu. Zwei Polizisten ergreifen Meyer und führen ihn ab. "Ey, warum nehmen Sie mich fest?", ruft Meyer empört und fragt dann - reichlich scheinheilig, da er selbst einer Studentin zuvor eine Kamera in die Hand drückte und sie bat, seinen Auftritt zu filmen - "Is anybody watching this? - Guckt ihr auch zu?"

"Loslassen, loslassen", schreit Meyer und reckt sein gelbes Buch in die Höhe - Greg Palast darf sich über kostenfreie PR freuen - und wird unter Gejohle der Studenten von einem bulligen Sergeant mit Basketballer-Gardemaß Richtung Ausgang geschleppt, laut um Hilfe schreiend. Acht Polizisten sind mittlerweile an der Aktion beteiligt - die entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, weil Meyer seine Rolle als wehrloses Opfer brutaler Polizeiwillkür burlesk überdreht.

"Don't tase me, bro!"

Dann geht Meyer zu Boden, umringt von acht schwarzgekleideten Beamten, die ihn niederdrücken. Meyer wimmert und fleht - "Ich hab doch gar nichts getan" - weil die Polizisten nun offenbar den Taser gezückt haben, das Elektroschockgerät, das Stromstöße von 50.000 Volt in den Körper des Getroffenen leitet.

Tumult, lautes Schreien von Meyer, im Hintergrund Kerrys deeskalierendes Gebrabbel, dann das knatternde Geräusch des Tasers, und Meyer schreit "Aua, Aua, Aua". Meyers flehentliches "Don't tase me, bro" (etwa: "Tu's nicht, Kumpel), machte mittlerweile als geflügeltes Wort Karriere.

Meyer wurde festgenommen - wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte - ein Straftatbestand - und Ruhestörung, eine Ordnungswidrigkeit. Er verbrachte eine Nacht in Untersuchungshaft und war am nächsten Morgen ein freier und berühmter Mann.

Im Polizeibericht heißt es, so berichtet CNN später, Meyers Verhalten habe sich "komplett geändert", sobald eine Kamera auf ihn gerichtet gewesen sei. "Ich bin nicht sauer auf euch Jungs, ich weiß ja, dass ihr nur euren Job macht", soll Meyer nach seiner Festnahme zu den Beamten gesagt haben. Meyer soll eine Visitenkarte bei sich gehabt haben, die für seine Website - Motto: "Ich sag meine Meinung" - warb, heißt es. Auf selbiger Site wurde alsbald verkündet, Meyer sei nun "eingekerkert".

Über Andrew Meyer ist bislang nicht mehr bekannt, als dass er im Stadtteil Weston in Fort Lauderdale lebt, Student sein soll mit Hauptfach Telekommunikation und mittlerweile natürlich durch einen Anwalt vertreten wird. Auf seiner Website kann man sich von Meyers Showtalenten und -ambitionen überzeugen. Er ist der Held kurzer schräger Videoclips und macht gern bei Veranstaltungen auf sich aufmerksam. So lief er zur Präsentation des jüngsten Harry-Potter-Bandes mit einem Schild durch die Straßen, auf dem "Harry ist tot" zu lesen ist. Auf der Site wird kritisiert, dass US-Medien nicht ausführlich genug über den Irak-Krieg berichten und die Amerikaner sich zu sehr für Promi-Geschichten interessieren.

"Gott schütze Andrew Meyer"

Der Presse stand Meyer nach seinem Kerry-Auftritt noch nicht zur Verfügung. Er ruhe sich aus, teilte sein Anwalt mit.

Nun ist abzuwarten, ob das Interesse an dem vorsätzlichen Ruhestörer lange genug anhält, um ihn in die großen nationalen Talkshows zu katapultieren - Leno, Letterman, Conan O'Brien.

Im Internet schießen - natürlich - Verschwörungstherorien ins Kraut. Die Polizisten seien bei der inszenierten Nummer mit im Bunde gewesen, heißt es in einem YouTube-Kommentar: Meyer habe ihnen per Handzeichen bedeutet, wann sie seinen Monolog unterbrechen und ihn abführen sollen.

An anderer Stelle wird dem redefreudigen Meyer als Held gehuldigt. Meyer habe für etwas gekämpft, wofür schon die Gründerväter der Vereingten Staaten eingetreten seien, heißt es im Forum der Seite "Democratic Underground": Redefreiheit, Meinungsfreiheit. "Gott schütze Andrew Meyer, einen wahren amerikanischen Patrioten."

Recht so, höhnt ein anderer, nichts sei schließlich amerikanischer, als sich seine 15-Medien-Minuten selbst zu inszenieren.

pad



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.