Zeitgeschichte Der Untergang der "Wilhelm Gustloff"

Es war die größte Katastrophe in der Geschichte der Seefahrt: Vor 60 Jahren kamen etwa 9000 Menschen in der eisigen Ostsee ums Leben - drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots hatten das deutsche Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" getroffen. An Bord waren vor allem Frauen und Kinder.


"Wilhelm Gustloff" auf hoher See: Trügerisches Gefühl von Sicherheit
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"Wilhelm Gustloff" auf hoher See: Trügerisches Gefühl von Sicherheit

Hamburg - Unaufhaltsam rückt die Rote Armee Ende Januar 1945 nach Westen vor, Richtung Königsberg, Richtung Danzig. Ein Volk flüchtet, zu Fuß, mit Pferdewagen, bei rund 20 Grad minus. Die Elenden fliehen über das zugefrorene Haff, gejagt von russischen Flugzeugen, die mit ihren Bordkanonen die Trecks angreifen. Die Piloten mähen sie nieder, die Frauen und die Kinder, die Greise und die schwer Verletzten. In ihren Augen sind es ja alles "Hitleristen", keine Menschen. Bald ist ganz Ostpreußen eingekesselt, Hunderttausende laufen, im Rücken die Rote Armee. Es bleibt für viele nur eine Hoffnung - und dorthin fliehen sie nun vor den Sowjetpanzern: nach Gotenhafen, zu den Schiffen.

Im Hafen liegt auch die "Wilhelm Gustloff", das für kurze Zeit größte Kreuzfahrtschiff der Welt, über 208 Meter lang, fast 24 Meter breit, mit Kino und Schwimmbad. Für Hitlers Freizeit-Organisation "Kraft durch Freude" brachte sie anderthalb Jahre lang Urlauber nach Norwegen oder Schweden. Dann ließen die Admiräle sie grau überstreichen. Den größten Teil des Krieges über lag die "Gustloff" in Gotenhafen als schwimmende Kaserne für die Kadetten der 2. U-Boot-Lehrdivision.

Am 21. Januar gibt Großadmiral Karl Dönitz den Befehl: Alle verfügbaren deutschen Schiffe sollen vor den Sowjets retten, was zu retten ist. Die "Operation Hannibal" wird die größte Evakuierung über See aller Zeiten. Mehr als zwei Millionen Menschen gelangen so gen Westen. Die Offiziere haben Order, vor allem die U-Boot-Kadetten in den Westen zu bringen - und deren Kriegsmaterial. In jeden dann noch freien Winkel ihrer Schiffe sollen sie Flüchtlinge stopfen, allerdings nur Frauen und Kinder. Männer müssen bleiben und bis zur letzten Patrone kämpfen.

Den Kapitän der "Gustloff", Friedrich Petersen, ist bereits 63 und hat seit Jahren kein Schiff mehr gefahren, schon gar nicht einen solchen Koloss. Petersen lässt sich zwei junge "Fahrkapitäne" zuteilen, die das Schiff manövrieren können. Dazu übernimmt Korvettenkapitän Wilhelm Zahn, Befehlshaber der angehenden U-Boot-Leute, das militärische Kommando. Vier Kapitäne auf einem umlackierten Musikdampfer - und draußen die Ostsee voller Minen und U-Boote.

Die Menschen, die sich an Bord der "Gustloff" drängen, fühlen sich zum ersten Mal seit langer Zeit sicher. Durch Gänge und Treppenhäuser des Schiffes laufen so viele Kinder auf Entdeckungstour, dass ein Suchdienst mit Hilfe der Bordlautsprecher ständig nach Müttern fahndet. Einer der Jungs ist Heinrich Korella, 13. Als er mit seiner Mutter an der gewaltigen Schlange auf der Pier vorbeigeht, fällt ihm auf, "dass alles so still war. Tausende Menschen standen da. Aber die Leute waren glücklich, es bis Gotenhafen geschafft zu haben, denn die 'Gustloff' war ja die Rettung."

Untergang der "Wilhelm Gustloff": Die Flucht übers Meer war für viele die letzte Hoffnung
DER SPIEGEL

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Am Anfang werden die Flüchtlinge noch gezählt. Zahlmeister-Aspirant Heinz Schön ist einer derjenigen, die im Schichtdienst die Namen in Kladden schreiben. Schwangere gehen vor, die "Gustloff" hat eine Entbindungsstation. Bald brechen die Dämme, alle wollen mit, um jeden Preis. Als 7956 Menschen an Bord sind, geht das Papier aus. Nun drängen die Flüchtlinge ungezählt an Bord, nach Schöns Schätzungen sind es noch über 2000.

Am 29. Januar ist die "Gustloff" klar zum Auslaufen. In der Nacht kommt eine gute Nachricht, ein Telegramm vom Führer der Unterseeboote Ost: "drei feindliche u-boote im seequadrat viktor toni 4923 - laufen aufgetaucht langsame fahrt kurs sw - sind erfasst und werden überwacht - mittlere und westliche ostsee frei von u-booten."

Diese drei U-Boote haben die Deutschen also im Griff, aber sie wissen nicht: Da draußen kreuzt noch ein viertes U-Boot, "S 13" unter Kapitän Alexander Marinesko. Marinesko hatte den Befehl zum Auslaufen ignoriert und war stattdessen im finnischen Stützpunkt Turku auf Sauftour gegangen. Mit mehreren Tagen Verspätung pirscht sich "S 13", allein, an die noch deutsche Küste heran.

Am 30. Januar um 12.20 Uhr ziehen vier Schlepper die "Gustloff" von der Pier weg. Das Schiff soll im Geleitzug fahren, zusammen mit dem Passagierschiff "Hansa", geschützt von drei kleineren Kriegsschiffen. Doch in der Danziger Bucht liegt die "Hansa" still vor Anker. Die Offiziere sehen Flaggensignale: "Maschinenschaden - Weiterlaufen verzögert sich." Kapitän Petersen und U-Boot-Ausbilder Zahn entscheiden sich, trotzdem auszulaufen. Statt der versprochenen drei Kriegsschiffe kommen aber nur zwei: das Torpedoboot "Löwe" und ein schwächliches Torpedofangboot. Der Wind wird nun ruppig, fünf bis sechs Beaufort, dazu setzt Schneetreiben ein. Die "Gustloff" bolzt gegen die kurzen harten Ostseewellen an, das Torpedofangboot muss schon bald abdrehen. Als Schutz bleibt nur die "Löwe".

Petersen und Zahn müssen zwei Entscheidungen treffen. Und sie machen zwei Fehler: Zahn, der erfahrene U-Boot-Mann, weiß, dass Geschwindigkeit sie retten kann. U-Boote sind langsam. Zahn will, dass Petersen die "Gustloff" volle Kraft voraus fährt, 15 Knoten. "Unmöglich", kontert Petersen. Er fürchtet, dass die lange vernachlässigte Maschine nicht durchhält. Außerdem wurde die "Gustloff" bei einem Bombenangriff leicht beschädigt. Die Stelle ist längst wieder geschweißt, doch Petersen traut den Nähten nicht. Mehr als zwölf Knoten lässt er nicht zu. Nur: Da können sowjetische U-Boote mithalten.

Querschnitt der "Gustloff": Kreuzfahrtschiff im Kriegseinsatz
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Einig sind sich die beiden beim Kurs: Weit draußen auf See führt eine freigeräumte Route durch die Minenfelder, der so genannte Zwangsweg 58. Und dann gibt es noch eine sehr schmale Gasse im flachen Wasser nahe der Küste. Mit ihren nur sieben Meter Tiefgang könnte die "Gustloff" dort noch fahren. U-Boote würden sich jedoch nicht dahin trauen. Sie könnten nicht abtauchen und wären einem Beschuss hilflos ausgeliefert. Doch die beiden Kapitäne fürchten sich vor Luftangriffen und Minen in der engen Schneise und wählen gegen den Rat eines erfahrenen Offiziers den Kurs über die hohe See.

Abgedunkelt kämpfen sich die "Gustloff" und die "Löwe" durch die finstere Nacht. Nur selten lassen fliegende Wolkenfetzen den Mond sehen. Gegen 18 Uhr stürmt ein Maat auf die Brücke. Er bringt einen Funkspruch. Ein Minensuchverband laufe der "Gustloff" entgegen, genau auf Kollisionskurs. Dieser Funkspruch ist bis heute ein Rätsel der "Gustloff"-Katastrophe. Denn: Es kommt kein Minensuchverband. Die Kapitäne befehlen, Positionslichter einzuschalten, wie im tiefsten Frieden. Das wird ihr letzter Fehler. "Wenn wir Entgegenkommer haben, werden wir die ohne Lichter auf die Hörner nehmen", weist Petersen einen protestierenden Offizier zurück.



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