Zeitgeschichte Unbekannte Briefe zur "Weißen Rose" aufgetaucht

Sechzig Jahre nach der Zerschlagung der studentischen Widerstandsorganisation "Weiße Rose" sind bislang unbekannte Briefe an Sophie Scholl aufgetaucht. Die Schreiben stammen aus der Feder ihres Freundes, Fritz Hartnagel, der mit Hitlers Armee auf dem Marsch nach Stalingrad war.


Sophie Scholl
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Sophie Scholl

Die Biologiestudentin Sophie Scholl war am 18. Februar 1943 gemeinsam mit ihrem Bruder Hans beim Auslegen von Flugblättern gegen das Hitler-Regime in der Münchener Universität festgenommen worden. Der Gestapo gelang es rasch, die Gruppe aufzudecken. Neben den Geschwister Scholl wurden noch vier weitere Studenten und der Universitätsprofessor Kurt Huber zum Tode verurteilt und mit dem Fallbeil hingerichtet, andere erhielten zum Teil langjährige Haftstrafen.

Elisabeth Hartnagel, die 82-jährige Schwester von Sophie und Hans Scholl, hat nun 52 Schreiben dem SPIEGEL zur Einsichtnahme zur Verfügung gestellt. Bei den Papieren handelt es sich um Feldpostbriefe, die Fritz Hartnagel, der mit Sophie Scholl seit 1938 liiert war, seiner Freundin während des Vormarsches auf Stalingrad in der zweiten Jahreshälfte 1942 schrieb.

Der Offizier, der vier Jahre älter war als die 1921 geborene Sophie Scholl, schildert in den Briefen eindringlich die streckenweise Eintönigkeit seines Dienstes, aber auch das Grauen von Hitlers Vernichtungskrieg im Osten. Am 5. August 1942 notierte er ein Gespräch über den Holocaust, der als "Bevölkerungspolitik" kaum verbrämt wurde: "(Ich) habe mich vor einigen Tagen mit meinem Kommandeur und noch anderen in einen Streit über das Thema 'Bevölkerungspolitik' eingelassen. Aber der Horizont dieser Menschen reicht über materielle Dinge nicht hinaus. Das höchste Ziel ist nur die Macht, das Herr-Sein, woran sie sich mit engstirniger Borniertheit festbeißen, ohne sich darüber klar zu sein, warum und wozu diese Macht."

An der Distanz zum Regime ließ Hartnagel dabei keinen Zweifel. "Ich wurde heute zum Hauptmann befördert. Du wirst Dir denken können, mit welch zweifelhaften Gefühlen ich diese Nachricht aufnahm. Nun bin ich wieder eine Stufe weiter in ein System gedrängt, dem ich am liebsten den Rücken kehren möchte. Ich komme mir vor wie eine Puppe, die nach Außen etwas darstellt, was sie innerlich gar nicht ist", schrieb er am 1. August 1942.

Hartnagel kannte nicht die Details der Flugblattaktionen, mit denen seine Freundin die Deutschen zu Sabotage und passivem Widerstand aufrief. Er wusste allerdings, dass sie dem Nazi-Regime Widerstand leistet und unterstützt die mittellose Studentin darin mit größeren Geldbeträgen.

Hartnagel, so Silvester Lechner, Leiter des Ulmer Dokumentationszentrums zur NS-Zeit, "befand sich in einem Zwiespalt zwischen seinem Treueid als Wehrmachtssoldat und der Anschauung des verbrecherischen Krieges. Und dieser Konflikt wurde verschärft durch die Freundschaft mit Sophie Scholl, wie die Briefe zeigen." Hartnagel berichtet Sophie Scholl von der Ernährung der sechsten Armee aus dem Land auf Kosten der Zivilbevölkerung. Die Wehrmachtsführung hatte bei der Planung des Angriffs auf die Sowjetunion bewusst das Verhungern von Millionen Zivilisten einkalkuliert. Hartnagel schrieb am 18. August 1942: "Die Not der Bevölkerung in dieser unfruchtbaren Gegend ist furchtbar. Fast der ganze Viehbestand ist schon abgeschlachtet. Die wenigen Gemüsegärten sind ausgeplündert zur Ernährung der Soldaten."

Am 13. September besuchte der Offizier das von Hitlers Truppen weitgehend eroberte Stalingrad: "Dabei war ich gestern auch in Stalingrad, um die Möglichkeiten der Holzbeschaffung zu erkundigen. Es war wohl der erschütterndste Eindruck von Elend und Trostlosigkeit, den ich in diesem Feldzug gewonnen habe. Schon die ganze Straße vom Don nach Stalingrad ziehen Tausende von Flüchtlingen, Frauen und kleinen Kindern und alte Männer ohne eine Unterkunft, ohne etwas zu Essen, denn aus dem Lande gibt es nicht mehr zu holen. Da ist eine endlos öde Steppe, durch die der Weg in mehreren hundert Metern Breite wie ein wilder Fluss mit vielen Nebenarmen dahin zieht. Da saßen sie auf ihren paar Habseligkeiten im Regen und warteten sie, bis sie von einem deutschen Auto mitgenommen wurden, oder quälten sich mit einem Handkarren mühselig vorwärts. Ich habe auf dem Rückweg so viel ich unterbringen konnte - einen alten Mann, der kaum mehr gehen konnte, eine ältere und eine junge Frau - mitgenommen. (...) Von Stalingrad ist ein großer Teil abgebrannt und der Rest, der noch steht, wird von der deutschen Wehrmacht abgebrochen, um Holz zu gewinnen zum Bau von Truppenunterkünften. Leider bleibt uns nichts anderes übrig, als genauso zu handeln, da es in ganz Südrussland keinen Wald gibt."

Auch von Ermordung von Kriegsgefangenen berichtete Hartnagel nach München, von der Gefahr der Zensur offenkundig unbeeindruckt: "Vor einigen Tagen sah ich auf einer Strecke von etwa drei Kilometern fünfzehn bis zwanzig tote Russen neben der Straße liegen, die einige Tage früher noch nicht dalagen, als ich die selbe Strecke fuhr. Es kann sich also nur um Gefangene handeln, die, vor Erschöpfung und Hunger zusammengebrochen, von den Wachmannschaften vollends erschossen wurden." "Die Briefe werden Sophie", vermutet Experte Lechner, "in ihrem Widerstand noch verstärkt haben."

Fritz Hartnagel wurde auf Grund einer Verletzung aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen. Nach der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholls unterstützte er jahrelang die Familie. 1945 heiratet er Elisabeth Scholl, die ältere Schwester Sophies.

Die Schreiben werden in Ausschnitten am 22. Februar in Ulm im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg öffentlich verlesen werden.



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