Zeitgeschichte Wie die Stasi einen Mann zur Waise machte

Nur ein einziges Mal hat Michael Bradler im Stasi-Knast geweint. Damals, als er seinen Vater verlor, obwohl der nicht gestorben war.

Von Roman Heflik


Ehemaliges Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen: "Ich wollte doch nicht an der Mauer erschossen werden"
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Ehemaliges Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen: "Ich wollte doch nicht an der Mauer erschossen werden"

Bradlers Geschichte beginnt im Januar 1982, im Ost-Teil Berlins. Der Kalte Krieg ist in vollem Gange. Michael Bradler hat nicht mehr viel Zeit. Bald wird er wohl zur Nationalen Volksarmee eingezogen. Das wird häufig gemacht bei ausreisewilligen jungen Männern wie Bradler. Sieben Anträge hat der 20-Jährige innerhalb eines halben Jahres gestellt, siebenmal wird dem gelernten Feinmechaniker die Ausreise verweigert.

Bradler will zu seinen Großeltern nach West-Berlin. Fünf Jahre zuvor durften sie als Rentner in den Westen ausreisen. Bradler, der seine Mutter früh verloren hat, ist zum Teil bei ihnen aufgewachsen. Bei ihrem Abschied musste der Enkel versprechen, sobald wie möglich nachzukommen.

Jetzt wird die Zeit knapp: Steckt Bradler erst einmal in der Uniform der NVA, fällt er unter das strenge Militärstrafrecht. An eine legale Ausreise ist dann nicht mehr zu denken. "Ich wollte aber auch nicht fliehen", so Bradler heute. "Das war mir zu gefährlich, ich wollte doch nicht an der Mauer erschossen werden!" Bradler drückt entschlossen seine filterlose Zigarette, Marke Rothändle, aus.

Also entscheidet sich der Jugendliche 1982, die Flucht auf andere Weise zu versuchen: Er will sich verhaften und anschließend von der Bundesrepublik freikaufen lassen. Es ist bekannt, dass die DDR unliebsame Häftlinge gegen harte West-Devisen abschiebt; alles ganz einfach also, denkt Bradler. An einem Januartag verlässt er gegen 17 Uhr seine Wohnung in Treptow und geht zum nächstgelegenen Grenzübergang in der Sonnenallee. Dem verdutzten Grenzposten zeigt er seinen DDR-Pass und erklärt: "Ich will ausreisen." Zwei Stunden später sitzt Bradler in Stasi-Untersuchungshaft.

Das erste Verhör ist noch relativ kurz - und dauert von neun Uhr abends bis vier Uhr morgens. Als Bradler sich immer noch weigert, seinen Ausreise-Antrag zurückzuziehen, wird er mit einem als Wäsche-Lieferwagen getarnten Gefangenen-Transporter an einen geheimen Ort gebracht. Erst 16 Jahre später wird Michael Bradler durch einen Zufall erfahren, dass dieser Ort das Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen gewesen ist.

Mehr als 20 Jahre sind inzwischen seit der Verhaftung vergangen. Bradler ist wieder zurückgekehrt nach Hohenschönhausen. Als ehemaliger Insasse führt er heute Touristengruppen durch den einst so geheimen Gebäudekomplex im Nordosten Berlins. Seit 1994 ist die ehemalige Haftanstalt für Besucher geöffnet. 1995 wurde das Gelände offiziell zur Gedenkstätte, als Erinnerung an die zweite Diktatur auf deutschem Boden.

Bradler zündet sich eine neue Zigarette an, dreht sich um und schaut kurz aus dem Fenster der Cafeteria. Sein Blick schweift über einen Innenhof, erfasst kleine, gedrungene Wachtürme auf schmutziggrauen Mauern und ein großes Eisentor.

Bradler will seinen Teil zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte beitragen, "sachlich, ohne zu beschimpfen". Denn Bradler ist ein nüchterner Mensch. Was soll er schon sagen? "Soweit ich weiß, habe ich in der Haft jedenfalls keinen Knacks bekommen." Viele seiner Mithäftlinge sind bis heute nicht über die Zeit im Knast hinweggekommen, werden therapiert oder therapieren sich selbst, mit Alkohol.

Aber Bradler ist zäh. Wenn er sich an seine Verhaftung erinnert, zieht er einen Mundwinkel zu einem halben Haifisch-Grinsen hoch. "Ich hatte gedacht, die schleppen mich in irgendeinen Keller und schlagen mir in die Fresse, bis ich zurückziehe."

Aber die Zeiten hatten sich geändert. 1982 ist Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit längst zu subtileren Methoden übergegangen. Im Gegensatz zu früheren Jahren wird physische Folter kaum noch angewendet. Vor allem durch Psychoterror sollen die Häftlinge mürbe gemacht werden, bis sie gestehen, widerrufen oder denunzieren.

Bei seiner Ankunft im Gefängnis wird Bradler sofort in einen kahlen kleinen Raum gebracht, wo er sich nackt ausziehen muss und seine Gefängniskleidung erhält. Als er zurück in den Korridor tritt, ist er nur noch Insasse Nummer 119-1. Er wird in seine Zelle geführt: rechts hinten eine Holzpritsche mit Bettbezug, links davon ein winziger Tisch mit Hocker, davor ein Waschbecken und eine Kloschüssel. Fenster gibt es keine, nur Glasbausteine, durch die ein diffuses Licht fällt. Einen Blick nach draußen erlauben sie dem desorientierten Häftling nicht.

Fast fünf Monate lang wird er in Einzelhaft gehalten. In dieser Zeit bekommt 119-1 niemanden zu Gesicht außer den schweigenden, namenlosen Wärtern und seinen beiden Vernehmern. Nach einiger Zeit freut er sich fast darauf, wenn er wieder zu den stundenlangen Verhören gebracht wird. Die beiden Stasi-Offiziere stellen sich ihm nur als "Leutnant 1 und Leutnant 2" vor. Sie zeigen ihm den Haftbefehl: Weil er einem Freund in West-Berlin von seinen Ausreiseplänen erzählt hat, wird gegen 119-1 wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" ermittelt. Der Strafrahmen dafür liege zwischen zwei und zwölf Jahren. "Aber wenn Sie ihren Ausreiseantrag zurückziehen, sind Sie in 24 Stunden frei", lockt einer der Vernehmer.

Bradler schwankt, doch er bleibt bei seinem Plan. "Das war meine einzige Chance", sagt er heute. In den kommenden Monaten muss er immer wieder die Schikanen der Bewacher über sich ergehen lassen, wird nachts aus dem Schlaf gerissen und zum Verhör gebracht. Schon nach wenigen Wochen verliert er das Zeitgefühl.

Doch die Stasi-Vernehmer können ihn nicht beugen. Schließlich bringen sie 119-1 in eine andere Haftanstalt und führen ihn in einen Raum, in dem sein Vater wartet. Rudolf Bradler ist überzeugter Sozialist und hat sich im Ministerium für Technik und Forschung auf den Posten eines stellvertretenden Direktors hochgearbeitet. Erst Jahre später wird Michael aus seiner Stasi-Akte erfahren, dass es sein Vater war, der beim Wehrkreiskommando forderte, seinen widerspenstigen Sohn möglichst schnell zur Armee einzuziehen.

Jetzt, im Vernehmungszimmer, schiebt sein Vater ihm einen Zettel und einen Bleistift über den Tisch und sagt die Worte, die Michael Bradler sein Leben lang nicht mehr vergessen wird: "Du ziehst jetzt deinen Ausreiseantrag zurück, oder ich bin nicht mehr länger dein Vater." Der Sohn weint, aber er zieht nicht zurück. Michael Bradler steht auf und lässt sich in seine Zelle zurückbringen. Er wird seinen Vater nie wieder sehen.

"Das war für mich eine innerliche Lossagung. Danach war mein Wille auszureisen nur gestärkt." Dabei sei bis zu diesem Tag sein Verhältnis zum Vater "sehr gut, sehr intensiv" gewesen, berichtet Bradler 22 Jahre später. Der ehemalige Häftling Nummer 119-1 blickt wie abwesend in den Gefängnishof, als durchdenke er seine Entscheidung von damals.

Schließlich gibt die Stasi klein bei. Endlich wird ein Anwalt eingeschaltet, der mit dem Westen Verhandlungen über einen Freikauf führt. Nach fünf Monaten U-Haft wird Bradler wegen "landesverräterischer Agententätigkeit" zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Aber schon im Oktober 1982 hört er den ersehnten Satz: "Strafgefangener Bradler, Sachen packen und raustreten!" Da weiß er, dass er zu seinen Großeltern in den Westen darf.

Mit der DDR habe er nach seiner Ausbürgerung abgeschlossen, sagt Bradler heute sachlich. "Nur dass ich nie wieder mit meinem Vater sprechen konnte, das habe ich dem System übel genommen." 1986 "oder so" sei sein Vater gestorben, erzählt Bradler wie beiläufig. Er wird niemals erfahren, ob sein Vater damals unter Druck gesetzt worden war oder seinen Sohn freiwillig verstieß. Doch in Rudolf Bradlers Testament findet sich der Satz: "Kinder im nicht-sozialistischen Ausland sind von jedem Erbe ausgeschlossen."



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