• Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.08.2006
 

Religion und Terror

Als der Turban seine Unschuld verlor

Von Marc Pitzke, New York

Mit dem Einsturz der Türme des World Trade Center änderte sich das Leben des New Yorker Anwalts Amardeep Singh schlagartig. Als Sikh glaubt er an Güte, Großzügigkeit, Gleichheit - und trägt Bart und Turban. Wie Bin Laden, fanden viele, und stempelten Amardeep zum Terroristen.

New York - Amardeep Singh hat sich längst daran gewöhnt. "Es gehört zu unserem Alltag", sagt der junge Rechtsanwalt lakonisch. "Wir hören es jeden Tag, wenn wir über die Straße gehen."

Terrorist! Mullah! Verschwinde dahin, wo du hergekommen bist!

Amardeep Singh: "Hart arbeiten, Kopf einziehen, Mund halten"
Zur Großansicht

Amardeep Singh: "Hart arbeiten, Kopf einziehen, Mund halten"

Nur eine ganz spezielle Schmähung, die geht ihm bis heute an die Nieren. Da stehen ihm die Nackenhaare zu Berge. Weil sie allem widerspricht, wofür er steht, als gebürtiger Amerikaner, als Jurist, als religiöser Mann. "Osama!"

"Seit dem 11. September 2001 habe ich das bestimmt schon 30, 40 Mal gehört", sagt Amardeep. "Osama!" Er spuckt den Namen verächtlich aus. "Dabei bin ich doch nur ein einfacher Mann, der sich hier durchschlägt wie jeder andere."

Amardeep Singh ist ein Sikh. Er trägt, wie es seine Religion gebietet, einen Bart und einen Turban. Damit erfüllt er, in einer von Angst, Wut, Vorurteilen und gelegentlich Idioten erfüllten Welt, einen Schlüsselreiz des neuen Terror-Zeitalters - obwohl er mit den Terroristen von al-Qaida kaum weniger gemeinsam haben könnte.

Sikhs glauben an Karma und Reinkarnation, ihre Lehre, die viertgrößte Religion der Welt, fußt auf Güte, Großzügigkeit und Gleichheit. Weltweit gibt es rund 23 Millionen Sikhs, die meisten von ihnen leben auf dem indischen Halbkontinent. Rund 40.000 leben in New York City. Und seit dem 11. September 2001 ist ihr Leben hier nicht gerade leichter geworden.

Typische US-Kindheit - im Turban

Amardeep ist von schmaler Statur und hat ein feines, friedliches Gesicht mit großen, braunen Augen. Er trägt ein schwarzes Hemd, Gabardinehose und spricht mit einer sanften Stimme, so dass man sich manchmal vorbeugen muss, um ihn zu verstehen. Sein Turban ist lavendelfarben und eng gewickelt.

Er begrüßt einen an seinem Schreibtisch in einem alten, Zwanzigerjahre-Bürohaus am Lower Broadway, an der kaum fassbaren Demarkationslinie zwischen dem Filmemacher-Kneipen-Gastronomieviertel Tribeca und Chinatown, das sich, in einer Art Metapher für die neue Globalmacht China, immer mehr nach Westen ausdehnt. Der Blick aus dem Fenster geht über die Höfe und Dächer zum verhangenen Horizont, wo sich die Skyline in der Dämmerung verliert. Amardeep teilt sich die Etage mit einem chinesischen Immobilienmakler, einem koreanischen Notar und der Mom Mom Wong Bright Trading Company, durch deren offene Tür eine runzlige Oma lugt, offenbar Mom Mom Wong Bright höchstselbst.

Amardeep ist ein waschechter New Yorker: Hier geboren und aufgewachsen, jenseits des Rivers in Richmond Hill im Stadtteil Queens, wo die meisten Sikhs New Yorks leben. Dort hatte er eine typisch amerikanische Kindheit: Seine Mutter war eine "Hausfrau und Soccer-Mom", sein Vater "ein knallharter Yankees-Fan", und er selbst spielte Baseball in der Little League.

Nur in einem unterschied sich Amardeep von seinen Klassenkameraden. Er trug einen Turban. Was jahrelang zu den üblichen Sticheleien in der Schule führte. Sticheleien, betont Amardeep, mehr nicht.

Altes Misstrauen

"Es war einfach so, man nahm es hin, wir kannten es ja nicht anders." Die Mitglieder der New Yorker Sikh-Gemeinde zogen die Stille vor, sie engagierten sich selten politisch und machten um sich selbst wenig Aufhebens. "Unser Motto war: hart arbeiten, den Kopf einziehen, den Mund halten. Dann passiert uns schon nichts." Die Terroranschläge von 2001 änderten alles - und sie änderten Amardeeps weiteren Lebensweg.

New York City ist die ethnisch und religiös am stärksten durchwirkte Stadt der Erde. "Mein Kiosk allein führt Zeitungen in 14 Sprachen", berichtet der Soziologe Tony Carnes in seinem Standardwerk "New York Glory: Religions in the City". Die Immigrationsbehörde bescheinigt im Jahr rund 200 verschiedenen Nationalitäten die Einreise. Hier leben mehr Katholiken, Muslime, Hindus, Griechisch-Orthodoxe, orthodoxe Juden, Rastafaris und Zeugen Jehovas als irgendwo sonst in einer Stadt.

Historisch hat das natürlich immer schon zu Konflikten geführt. Vor den Rassenunruhen der sechziger Jahre war Religion das brenzligste Reizthema der New Yorker Kommunalpolitik. Dann nahm das tiefe, oft zu handgreiflichem Hass eskalierende Misstrauen zwischen Schwarz und Weiß alle Energie in Anspruch. Bis zum 11. September 2001.

Mit dem Baseballschläger verprügelt

Die Anschläge rissen alte, gesellschaftliche Nähte neu auf und verschoben den sozialen Brennpunkt New Yorks - von Rasse zurück zu Religion. In den Wochen nach den Anschlägen wurden der New York Commission of Human Rights 1224 Vorfälle religiöser Diskriminierung und Belästigung von Muslimen, Arabern und Asiaten gemeldet. Eine der am schwersten betroffenen Gruppen waren die Sikhs.

Amardeep Singh war am 11. September 2001 in Washington. Noch am selben Vormittag fuhr er nach New York zurück, am frühen Abend kam er in der blutenden Stadt an. "Ich wollte bei meiner Familie sein", sagt er. "Ich fühlte mich alleine nicht sicher."

Denn er ahnte, was auf sie zukommen würde. Die Stimmung in der City war aufgeheizt. "Überall im Fernsehen liefen Bilder von den Taliban, von Osama Bin Laden, von Terroristen mit Bärten und Turbanen. Wir wussten, das würde sich schnell gegen uns richten." Dabei verbietet die Religion der Sikhs jegliche Art von Gewalt. "Wir haben drei Glaubensprinzipen: Sei dir bei allem, was du tust, Gottes bewusst. Gebe ab, was du übrig hast. Arbeite hart und ehrlich."

Doch manche New Yorker machten damals solche feinen Unterschiede nicht. Bart war für sie Bart, Turban war Turban. "Irgendwie verstehe ich es ja", seufzt Amardeep. "Der Schmerz, der Schock. Die Angst vor dem Fremden, Unbekannten."

Noch am Tag der Anschläge wurde in Richmond Hill ein 66-jähriger Sikh, ein Einwanderer aus dem Punjab, von Unbekannten so brutal mit einem Baseballschläger verprügelt, dass er ins Krankenhaus musste; der Mann war auf dem Heimweg von einer Gebetsstunde für die Opfer der Anschläge vom 11. September. Zwei weitere Sikhs wurden mit einer Paintball-Pistole beschossen. Der Angreifer, ein Teenager, wurde erst im Sommer 2005 geschnappt, als er einem Schwarzen in Howard Beach den Schädel einschlug.

  • 1. Teil: Als der Turban seine Unschuld verlor
  • 2. Teil

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Zeitgeschichte

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP