Von Marc Pitzke, New York
Amardeep und seine Freunde - darunter Banker, Berater und PR-Manager - merkten, dass sie handeln mussten, damit die Dinge nicht eskalierten. "Wir fühlten uns doppelt angegriffen", sagt Amardeep. "Einmal von den Terroristen in unserem Land, und dann ein zweites Mal von unseren Landsleuten."
Über Nacht verfassten sie eine öffentliche Erklärung, in der sie die New Yorker Polizei um Schutz baten, ihre bisher im Stillen lebenden Glaubensgefährten zu Wachsamkeit "mobilisierten" und die Missverständnisse und Vorurteile über Sikhs vor allem auch in den US-Medien zurechtzurücken versuchten. Gleichzeitig richteten sie eine zentrale Website ein, auf der Sikhs Diskriminierungs- und Gewaltfälle melden konnten. Allein im ersten Monat gab es 140 Eintragungen.
Amardeep und seine Freunde gaben sich einen Namen: Sikh Coalition. Und so war der 11. September 2001 zugleich auch die Geburtsstunde der ersten politischen Lobbygruppe in der Geschichte New York Citys für die sonst so zurückhaltenden Sikhs.
Am zweiten Jahrestag der Anschläge stellten sie ihre erste feste Arbeitskraft ein. Heute sind es vier, und die Sikh Coalition hat Dutzende Dependancen in den USA. Mitbegründer Amardeep fungiert im Hauptbüro am Lower Broadway weiter als kommissarischer Leiter.
Turban in den Subway-Farben
Die Website zur Registrierung von Angriffen gibt es noch. Sie zählt inzwischen 436 Eintragungen, davon bisher 31 in diesem Jahr. Ihre Zahl hat seit 2001 zwar spürbar nachgelassen. Was dabei aber auffällt: Jedes Mal, wenn es einen neuen Terror-Alarm gibt, wenn ein Jahrestag ansteht oder wenn Terroristen in den Schlagzeilen sind, häufen sich die Übergriffe.
Denn bis heute liegen die Nerven blank. Bei einer Befragung von Muslimen und Arabern in New York gaben neulich 79 Prozent der Befragten an, sie fürchteten sich mehr um ihr Wohlergehen als früher, vermieden den Kontakt mit der Öffentlichkeit und hängten ihren Glauben nicht mehr an die große Glocke. Eine Frau aus Pakistan wurde mit den Worten zitiert: "Ich lebe in Angst im Land der Freiheit."
"Die Zahl der direkten körperlichen Angriffe ist seit dem 11. September zurückgegangen", sagt Amardeep. "Die subtile Diskriminierung dagegen, die ist stärker geworden. Vor allem am Arbeitsplatz."
Sathari Singh kann davon ein Lied singen. Der U-Bahn-Fahrer aus der Bronx, ein hochgewachsener Mann mit dünnem, weißem Bart, ist ein konvertierter Sikh: Er stammt eigentlich aus einer irisch-katholischen Einwandererfamilie, seine Eltern kamen aus Kerry und Cork, seine Großeltern sprachen noch Gälisch und sein Geburtsname ist Kevin Harrington. Den Sikh-Glauben nahm er in den sechziger Jahren an, auf der Suche nach "innerem, spirituellem Leben".
Seit 1981 arbeitet Sathari, 54, für die New Yorker Verkehrsgesellschaft MTA, erst als Reinigungsmann für Busse, dann seit 1984 als U-Bahn-Fahrer. Im Dienst hat er immer schon einen Turban getragen, selbst bei seinem allerersten Einstellungsgespräch. Er hat den Turban sogar blau eingefärbt, in der Kennfarbe der MTA. Gestört hat sich daran lange niemand.
Degradierung für den Helden des 11. September
Den 11. September 2001 erlebte Sathari buchstäblich hautnah. An jenem Vormittag steuerte er seinen Zug, den aus Brooklyn kommenden Number 4 Train, gerade in die Fulton Street Station, als plötzlich ein "mächtiger Luftstoß" durch den Bahnhof unweit des World Trade Centers ging und sich alles mit Rauch und Trümmern zu füllen begann.
Kurzentschlossen legte Sathari den Rückwärtsgang ein und ruckelte - ohne sichtbare Signalsteuerung und mit automatisch alle paar Sekunden anspringenden Notbremsen - zurück zum vorherigen Bahnhof, der Wall Street Station. Dort half er persönlich, noch während der zweite WTC-Tower einstürzte, Hunderte Fahrgäste in Sicherheit zu bringen.
Das MTA-Mitarbeitermagazin "Running Times" porträtierte ihn später als einen der "stillen Heldinnen und Helden" des 11. September. Am ersten Jahrestag der Anschläge wurde er auf einer feierlichen Zeremonie geehrt und bekam eine nette Andenkenplakette. MTA-Präsident Lawrence Reuter bekundete "Dank und Bewunderung". Man sang "God Bless America".
Doch der Dank währte nicht lange. Im Juni 2004 wurde Sathari ohne Vorwarnung aus dem Liniendienst abgezogen und auf einen Wartungsjob in einem entlegenen Gleisbahnhof versetzt - eine De-facto-Degradierung. Begründung: Sein Turban verstoße gegen die MTA-Uniformvorschrift; er müsse eine MTA-Kappe tragen, andernfalls dürfe er ab sofort keine U-Bahnen mehr fahren.
Sathari wandte sich über seine Gewerkschaft ans US-Justizministerium. Das stellte sich ihm zur Seite und verklagte die MTA wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz. Der Fall ist bis heute anhängig. Einstweilen hat sich Sathari - "unter schwerem Protest!" - bereit erklärt, einen städtischen Behelfsturban zu tragen, der vorne das MTA-Abzeichen trägt; die MTA lässt ihn damit weiterfahren. Vorerst.
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