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11.06.2007
 

Flucht von Alcatraz

Auf Regenmänteln Richtung Freiheit

Von Julia Eikmann

2. Teil: Unter der Decke sind Kanister mit Tränengas installiert

Auch die brutalsten Kriminellen bemühen sich in Alcatraz schnell, durch gute Führung ihre Haftbedingungen zu verbessern. In der Gefängnisverordnung von 1934 heißt es: "Sie haben Anspruch auf Verpflegung, Kleidung, Unterbringung und medizinische Versorgung. Alles andere sind Privilegien." Wer sich fügt darf Handball oder Hufeisenwerfen im Innenhof spielen, Bücher ausleihen oder Post empfangen. Bei besonders guter Führung ist sogar ein Fernstudium erlaubt. Spielkarten sind verboten – die Insassen spielen Bridge mit Dominosteinen.

"Wenn man Bridge spielt, denkt man nicht an Flucht", erklärt James Quillen die Duldung der Ersatzkarten durch die Gefängnisleitung. Um die Häftlinge ruhig zu halten, gibt es auf Alcatraz auch die beste Knastkantine der Vereinigten Staaten. Reichlich, reichhaltig und vor allem schön angerichtet soll das Essen sein – immerhin ist der Speisesaal der gefährlichste Ort auf der ganzen Insel: 200 Kriminelle, die für zwanzig Minuten mit Gabel, Löffel und Messer bewaffnet sind! Für den Fall eines Aufstands sind unter der Decke Kanister mit Tränengas angebracht.

Das Essen ist anständig, aber nicht zu viel. Die Gefangenen sollen nicht die Möglichkeit bekommen, sich eine wärmende Fettschicht anzufuttern. Denn die Gefängnisinsel ist von eiskaltem Wasser umgeben, die Strömungen sind extrem. Das Festland sieht verlockend nah aus, aber nur ein trainierter Schwimmer in bester körperlicher Verfassung und mit Neoprenanzug wäre im Stande, es zu erreichen.

Pro Nacht ein Millimeter pro Gitterstab

Im Mai 1962 haben es Morris und die Anglins endlich geschafft: Die Löcher sind groß genug, sie zwängen sich hindurch, gelangen in den hinter der Wand liegenden Versorgungsschacht. Einen weiteren Monat später sind die Eisenstreben vor dem Lüftungsschacht in der Decke aufgebogen, Millimeter für Millimeter, jede Nacht. Nur Allen West schafft es nicht. Er kann seine Schultern noch immer nicht durch das Loch schieben - seine Knastbrüder lassen ihn zurück.

Sie klettern auf das Dach des Zellenblocks, dann an einem Abflussrohr hinab, erreichen an der nordöstlichen Seite der Insel das Wasser. Allen dreien ist bewusst: Bisher ist es niemandem gelungen, das Festland lebend zu erreichen. Lautlos lassen sie das Gummiboot zu Wasser, das sie aus über fünfzig Regenmänteln, gestohlen oder gespendet von ihren Mithäftlingen, zusammengeschustert haben.

Alcatraz - so teuer wie alle US-Gefängnisse zusammen

1963 lässt Senator Robert F. Kennedy Alcatraz schließen. Der Unterhalt für die Gefängnisinsel ist zu hoch: Alles Lebensnotwendige muss per Boot gebracht, Abwasser und Abfälle aufwendig entsorgt werden. Die Bausubstanz ist durch die ewige Feuchtigkeit und das Salzwasser stark angegriffen. Angeblich kostet Alcatraz so viel, wie alle anderen Staatsgefängnisse zusammen.

In den 28 Jahren, in denen Alcatraz als Gefängnis genutzt wird, sitzen hier 1576 Häftlinge ein. Es gibt 14 Fluchtversuche von insgesamt 36 Insassen. 23 von ihnen werden erwischt, 6 erschossen, 2 ertrinken. 5 werden niemals gefunden. Unter ihnen Frank Morris, John und Clarence Anglin. Sie haben neun Stunden Vorsprung, als Wärter den Ausbruch bemerken. Bei der groß angelegten Fahndung entdeckt man am Festland zerfetzte Reste ihres Boots. Zwei ihrer Schwimmhilfen werden gefunden, eine innerhalb der Bucht, eine jenseits der Golden-Gate-Brücke im Pazifik. Und ein Bündel aus Briefen und Fotos der Gebrüder Anglin, sorgfältig in Wasser abweisendem Kunststoff verschnürt. Die drei Männer wurden nie wieder gesehen, aber auch ihre Leichen wurden nie gefunden. Die Ausbrecher vom 11. Juni 1962 gelten bis heute als flüchtig.

Offiziell ist niemandem die Flucht von Alcatraz je gelungen.

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