Mit diesem Kampfmittel machen sie sich, so unwahrscheinlich es klingen mag, zu den eigentlichen Herren des Verfahrens. Vor die Schranken dieses Weltgerichts zitieren sie (vermittels ihrer schneidi-gen Anwälte) mal den Bundeskanzler und Innenminister, die das Verfahren angeblich nur für den "Bundestagswahlkampf" inszenieren; und mal den ehemaligen Präsidenten der USA samt seinem Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber. Diese sollen die "totale Verfügbarkeit dieses Staates (der Bundesrepublik) ... für die Weltinnenpolitik des Hegemonialen, des US-Kapitals" bezeugen, insbesondere im Fall Vietnams oder Palästinas. Daraus sollten sich, wie Rechtsanwalt Otto Schily zur Begründung sagte, die Anschläge der RAF gegen US-Einrichtungen in Frankfurt und Heidelberg 1972 als Ausübung eines "Nothilferechts" begründen. Eine Argumentation, die heute aus dem Munde von Verteidigern islamistischer Kofferbomber und anderer Attentäter, würden sie etwa mit Blick auf den Irak-Krieg ein "Nothilferecht" reklamieren, einen Sturm der Empörung hervorriefe und für den Anwalt selbst drastische Konsequenzen hätte.
Stürme der Empörung gab es auch damals, in der einen wie in der anderen Richtung. "Stammheim" steht ganz sicher als ein zentrales, noch immer weithin unausgedeutetes Monument in der Geschichtslandschaft der Bundesrepublik. Der fragile Rechtsstaat wurde an seine äußersten Grenzen getrieben - aber von welcher Seite und auf welche Weise, das wird noch heute in vollkommen polaren Gegensätzen diskutiert. Mythen sind (nicht nur in diesem Fall) stärker als alle Realien. Wir können kaum anders, als diese "Voices of Stammheim" wie mythische Stimmen aus dem Jenseits zu hören. Und wir tun uns auch heute schwer damit, die tonlos kreisenden Wortnebel auf diesen Bändern mit der Realität dieses Prozesses und der Situation der Gefangenen nüchtern zusammenzubringen.
Ulrike Meinhof wird ausgeschlossen
Die Gudrun Ensslin, die hier spricht, ist nicht mehr die leicht schwäbelnde Sirene ihrer Prozesserklärung von 1968, während des Frankfurter Brandstifterprozesses. Sondern hier spricht in lispelndem Hochdeutsch "das Sekretariat", als das sie in der Kommandostruktur der RAF firmierte, die Stimme ihres Herrn. Sie verliest eine Art Presseerklärung namens dieses Oberkommandos, das die "Verantwortung übernimmt", auch für Aktionen wie den Anschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg, "deren Konzeption wir nicht zustimmen". Ein herrschaftliches "Wir", das Ulrike Meinhof ausschloss, die diesen Anschlag mit großer Sicherheit ausgeführt hatte - und die Tage später Selbstmord beging.
Auch die zerstörte, unkonzentriert hinstolpernde Stimme von Ulrike Meinhof selbst hat mit der im hohen Ton moralischer Empörung singenden Stimme der glänzenden Journalistin, die sie einmal war, nur noch schemenhafte Ähnlichkeit. Auch sie macht sich zur Hohenpriesterin jenes Andreas, um dessen "Kopf" es immer wieder geht, dem sie sich in ihren posthum lancierten "briefen an a." selbstquälerisch ausliefert und hingegeben hat, und an dessen Liebesentzug sie stirbt. Sie, deren drohende "Zwangspsychiatrisierung" ständig als Vorwurf und zugleich auch als Stigma im Raum steht, verkörpert am klarsten die Situation der Gefangenen, die aus ihrer eigenen Legende nicht mehr heraus können, weil ihnen sonst (frei nach einem Satz Bertolt Brechts) "als letzter Gesellschafter am Tisch das Nichts gegenübersitzt".
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