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Sturm auf die "Landshut" Die Nacht des Helden

2. Teil: Der Ernstfall ist da

Das Flugzeug mit den Männern, die schon wenig später die "Helden von Mogadischu" werden sollen, macht Stopp auf Kreta. Doch die "Neuner" dürfen den Jet nicht verlassen. Es ist eine sternenklare Nacht, Horstmüller, der vor Aufregung nicht schlafen kann, schaut aus dem Flugzeugfenster in den Himmel. "Und tatsächlich, und das ist nicht später hinzugedichtet, ich habe eine Sternschnuppe gesehen." Da habe er sich gewünscht, dass die Geiselnahme gut ausgeht. An einen Einsatz jedoch habe er auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht geglaubt.

Doch der Ernstfall rückt näher. Die GSG 9 fliegt weiter und landet gegen 19 Uhr deutscher Zeit in Mogadischu. Im Schutze der Dunkelheit trainieren die Männer noch anderthalb Stunden lang am eigenen Flugzeug den Zugriff.

Die vier Entführer der "Landshut" wähnen sich derweil am Ziel. Die Unterhändler haben sie glauben gemacht, ihren Forderungen werde entsprochen. Die Vorhut der Sturmtruppe bezieht Position, zu ihr gehört Horstmüller. "Weil ich einer der jüngsten Kameraden war, wenn nicht sogar der jüngste, wurde ich als Präzisionsschütze eingeteilt. Ich war etwas enttäuscht, weil ich unbedingt zu denen gehören wollte, die in die Maschine stürmen."

Links von dem Flieger, etwa hundert Meter entfernt, auf Höhe des Cockpits graben sich Horstmüller und ein weiterer GSG-9-Mann in eine Sanddüne. Beide sind mit Präzisionsschützengewehren des Typs G3-SG-1 ausgerüstet. Der Auftrag des Teams: aufklären, was sich in der Kanzel der "Landshut" tut, und schießen, sobald Kameraden oder Geiseln Gefahr droht.

"Durch das Zielfernrohr konnte ich beobachten, wie in dieser ungewöhnlich hellen Nacht die Sturmtrupps - sechs Teams mit je fünf Mann - an die Maschine heranschlichen." Erst jetzt wird dem 21-Jährigen klar: "Es gibt kein Zurück mehr." Horstmüller erkennt den Anführer der Terroristen im Cockpit der "Landshut" und macht Meldung. Die Kameraden vom britischen "Special Air Service" zünden außerhalb der Maschine ihre "Stun Grenades". Sie tauchen das Flugzeug in grelles Licht. "Operation Feuerzauber! Go!", befiehlt Kommandeur Ulrich Wegener per Funk.

Um 0.05 Uhr stürmen die Trupps durch die Eingänge in die Maschine. Sie brüllen "Köpfe runter" und feuern auf die Terroristen.

Drei der Flugzeugentführer sterben. Die vierte Luftpiratin, Suhaila Andrawes, überlebt schwer verletzt. "Ich konnte nicht sehen, was sich im Flugzeug abspielte", erinnert sich Horstmüller. "Es klang wie ein Feuerwerk, so dumpf waren die Schüsse."

Drei oder vier Minuten später schnarrt es aus den Funkgeräten: "Wir haben die Kontrolle über die Maschine!" Und dann: "Keine Opfer, keine Opfer, keine Opfer! Alle Geiseln sind befreit, befreit!"

Horstmüller stürmt zum Flugzeug. Bestialischer Gestank, an den er sich noch heute erinnert, schlägt ihm entgegen. Und glückliche Menschen taumeln in die Nacht.

"Ich habe mich nie als Held gefühlt und mich nie feiern lassen", sagt er. "Dennoch hat mir der Einsatz gezeigt, was für mich der Sinn des Lebens ist: mich für andere, gerade Schwächere, einzusetzen und ihnen zu helfen." Im Flieger nach Deutschland, wenige Stunden später, stößt Horstmüller mit Mineralwasser an. Seine Kameraden trinken Bier.

Auf dem Flughafen Köln/Bonn spielt eine Kapelle. Die "Helden von Mogadischu" werden mit militärischen Ehren begrüßt, und Horstmüller, der als einer der ersten die Gangway hinunter muss, ist zum ersten Mal während des Einsatzes nicht wohl. "Darauf waren wir nicht vorbereitet", sagt er.

Heute, 30 Jahre nach der Nacht, in der er zum Helden wurde, schiebt Horstmüller in einer hessischen Bundespolizeiinspektion Dienst. Er kontrolliert Reisende am Flughafen, er patrouilliert am Bahnhof, er schreibt Anzeigen und überprüft Pässe. Er lebt so "wie viele Millionen Menschen in diesem Land".

Der Abschied von der Eliteeinheit ist ihm schwer gefallen. Das gibt er unumwunden zu. Heute mache er als normaler Polizist einfach seinen Job, sagt er.

Wie früher.

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