Kaum ein anderes Thema in der jüngeren deutschen Zeitgeschichte ist von einer derartigen Nervosität geprägt wie das Kapitel RAF. Ein ums andere Mal schlagen die Wellen hoch, wenn es um Baader-Meinhof und die Folgen geht. Sämtliche Irritationen, die aus der 28 Jahre währenden Gewaltgeschichte der "Rote Armee Fraktion" übrig geblieben sind, münden in die beklemmende Erinnerung an die Entführung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer vor 30 Jahren, die nach 44 Tage blutig zu Ende ging.
Doch kaum jemand kann plausibel erklären, wo eigentlich der Auslöser für die ganze Aufregung sitzt. Daran, dass einige mehr als anderthalb Jahrzehnte zurückliegende Mordanschläge bis heute ungeklärt sind, wird es wohl nicht liegen, an der Uneinsichtigkeit einiger Ehemaliger noch weniger und an der Frage einer vorzeitigen Haftentlassung von Christian Klar oder Birgit Hogefeld ganz gewiss auch nicht.
Politisch mausetot, kulturell quicklebendig
Ebenfalls in die Irre geht es, die Emotionalisierung von Teilen der Öffentlichkeit auf den vermeintlichen Stellenwert der RAF für heutige Militante zurückführen zu wollen - jüngst wurde dies angesichts spektakulärer Bilder von Protesten gegen das G-8-Treffen in Heiligendamm mehrfach versucht. Vermutungen über RAF-Nachfolgeorganisationen sind nichts anderes als Gerede geblieben. Eine vergleichbare Gefahr scheint jedenfalls weder von ehemaligen Mitgliedern noch von jüngeren Bewunderern der RAF auszugehen.
Kein Zweifel, politisch ist die RAF längst mausetot. Sie war es im Übrigen schon, als sie im Frühjahr 1998 ihre bombastisch anmutende Auflösungserklärung veröffentliche. Kulturell jedoch feiert die RAF immer wieder aufs Neue Urständ. In Filmen wie Christopher Roths "Baader", in Theaterstücken wie Elfriede Jelineks "Ulrike Marie Stuart" oder in Sequenzen wie Gerhard Richters "Stammheim"-Bilderzyklus entsteigen ihre Zentralfiguren noch einmal der Gruft, um das Publikum ein wenig zu erschrecken - diesmal allerdings in meist gut gepolsterten Sesseln oder aus sicherem Abstand. Auf der Bühne, vor der Kamera und in den Museen sind die RAF-Toten nicht wirklich tot. Das erzeugt ein merkwürdiges Klima.
Doch die RAF war zu ihrer Zeit kein kulturelles Projekt. Sie war, bei aller unfreiwilligen Theatralik und allem Wahnwitz, ein mit weltanschaulichem Entschlossenheitspathos gespicktes politisches Unternehmen mit destruktiver Dimension. Ihr Antifaschismus mochte hohl, ihr Antikapitalismus phrasenhaft und ihr Antiimperialismus größenwahnsinnig gewesen sein - das alles zielte auf die Nachkriegsdemokratie ab, auf das parlamentarische System, den Rechtsstaat und die Funktionsfähigkeit seiner Institutionen.
Bin Laden der siebziger Jahre
Die Hasstiraden der RAF auf die bundesdeutschen Machteliten und angebliche Kontinuitäten mit der NS-Vergangenheit, auch auf die einstige Besatzungsmacht USA, die durch ihren Krieg im fernen Vietnam Zweifel an ihrer politischen und moralischen Glaubwürdigkeit säte, trafen den Nerv der wirtschaftswunderseligen Nachkriegsgesellschaft. Die RAF deckte diese Legitimationsdefizite zwar nicht auf - das hatten andere schon längst vor ihr getan -, sie verstand es jedoch meisterhaft, sie für ihre Zwecke auszunutzen.
Die RAF war nicht zuletzt auch ein Phänomen des Kalten Krieges. Dies blieb lange Zeit durch eine merkwürdige Fixierung ihrer Beobachter auf die Bundesrepublik und deren Vorgeschichte verdeckt. Doch als 1989 die Berliner Mauer fiel, flogen nicht nur in der DDR untergetauchte Ehemalige auf. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts lösten sich wie von einer Geisterhand geführt auch die letzten Überbleibsel des Linksterrorismus auf. Selbst ein Serienkiller wie Carlos, der als der Bin Laden der siebziger Jahre über lange Zeit hinweg schier ungreifbar zu sein schien, konnte mit einem Mal geschnappt und nach Paris überführt werden.
Und Horst Mahler, der letzte Überlebende des einstigen Gründerquartetts der RAF, geistert inzwischen als politisches Schreckgespenst ganz rechts außen umher. Dabei galt der einstige APO-Anwalt, bei dem 1969/70 die Fäden für das Projekt Untergrund zusammengelaufen waren, nach Verbüßung seiner Haftstrafe einige Jahre lang als der einzige rationale Kopf der Bewegung; Linksliberale wie der damalige FDP-Bundesinnenminister Gerhart Baum trauten ihm zu, eine richtungweisende Selbstaufklärung der Szene in Gang zu setzen.
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- wirklich ein netter, süffig zu lesender Schreibstil - aber, aus meiner Sicht, in der Schilderung der Entwicklung der RAF voll daneben. Offen gesagt habe ich keine Ahnung, ob und wie die RAF noch bis heute ihre "kulturelle [...] mehr...
Das Beispiel Helmut Mahler zeigt welche politischen Ziele die RAF hatte: Keine. Es war einfach, wie immer bei kriminellen, den Frust seiner eigenen Unfähigkeit an anderen auszulassen und dann versuchen, sich irgendwie wichtig zu [...] mehr...
Es scheint mir dass hier auch ein bisschen leichtfertig mit der Geschichte der BRD umgegangen wird. Ich verstehe die Bedeutung dieser Deutschen Herbst und die der BRD sehr wohl. Aber ich verstehe Beides eben anders als der [...] mehr...
Im Spiegel und anderen Medien ist immer die Rede von "angebliche(n) Kontinuitäten mit der NS-Vergangenheit [...]" und vom "...ausgegebenen Antiamerikanismus, ... als Antifaschismus verbrämten Antizionismus ... [...] mehr...
Ein m.E. recht verbrämender Beitrag, der kaum auf die tatsächlich Lage der damaligen Bundesrepublik eingeht. In Anbetracht der damaligen extremen terroristischen Lage zu titeln: "Politisch mausetot, kulturell [...] mehr...
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