Welch ein Irrtum! Mahler ist inzwischen zum hypernationalistischen, fremdenfeindlichen Agitator und bekennenden Holocaust-Leugner geworden. Was war es für eine gespenstische Konfrontation, als während der rot-grünen Ära SPD-Bundesinnenminister Otto Schily, Mahlers ehemaliger Anwaltskollege und spätere Verteidiger, beim Bundesverfassungsgericht das Verbot der NPD beantragte und dort auf einen Mahler traf, der nun seine neuen Genossen von der nationalen Front vertreten wollte. Kurz darauf platzte das Verfahren dank der ungeklärten Rolle von V-Männern bereits im Vorfeld und inzwischen hat Mahler die NPD längst schon wieder verlassen, weil sie ihm angeblich zu parlamentarismusfixiert ist.
Während sich ein Autor nach dem anderen an den Ikonen Andreas Baader oder Ulrike Meinhof abarbeitet, bleibt Mahler zumeist außen vor. In gewisser Weise ist der Mann, dem Gerhard Schröder ein paar Jahre bevor er Kanzler wurde vor Gericht die Anwaltslizenz zurückerstritten hat, zu einer Tabuperson der RAF-Geschichte geworden. An ihm will sich offenbar keiner mehr die Hände schmutzig machen.
Dabei steht Mahler wie kein anderer für das, was an der RAF möglicherweise so typisch deutsch gewesen ist und was nach wie vor so wenig verstanden wird: ihren als Internationalismus ausgegebenen Antiamerikanismus, ihren als Antifaschismus verbrämten Antizionismus und ihre aus angeblicher Freundschaft mit den Palästinensern begründete Feindschaft gegenüber Israel. Zur Zeit der Schleyer-Entführung saß Mahler noch im Gefängnis und hatte der RAF bereits den Rücken gekehrt: Als die Genossen ihn gegen den entführten Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz austauschen wollten, weigerte er sich.
Noch kein Ort im kollektiven Gedächtnis
Der sogenannte Deutsche Herbst ist gewiss kein deutsch-deutsches, sondern ein bundesdeutsches Datum. Die politische Krise vom Herbst 1977 lässt sich auch nicht mit epochalen Ereignissen wie dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 oder gar dem Mauerfall vom 9. November 1989 auf eine Stufe stellen. Gleichwohl sollte ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden. Schließlich war das, was die terroristische RAF als "Offensive '77" ausgegeben hat, die größte innenpolitische Herausforderung in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Wer nicht begreift, was sich damals abgespielt hat, der wird auch nicht verstehen, was die Bonner Republik in ihrem Innersten mitgeprägt hat. Und die Berliner Republik ist schließlich kein Gegenentwurf zu ihrer Bonner Vorgängerin, sondern deren Erweiterung.
Sicher wäre es eine Übertreibung, im Nachhinein von einer ernsthaften Gefährdung der Nachkriegsdemokratie durch die RAF sprechen zu wollen. Jedoch ist unbestreitbar, dass der Staat nicht sonderlich souverän auf diese mit Entführungen und Mordanschlägen vorgetragenen Erpressungsversuche reagiert hat. Und Helmut Schmidt, der damals die politische Hauptverantwortung getragen und seine Entscheidung, einem Austausch von RAF-Gefangenen seine Zustimmung aus grundsätzlichen Erwägungen heraus zu verwehren, immer verteidigt hat, räumt inzwischen ein, "schuldhaft verstrickt" gewesen zu sein.
Bislang hat der damals nichterklärte, aber in mancherlei Hinsicht praktizierte Ausnahmezustand noch keinen Ort im kollektiven Gedächtnis der Bundesdeutschen gefunden. Die Irritation, die von den Eriegnissen des "Deutschen Herbstes" immer noch ausgeht, wird jedoch nur zu bewältigen sein, wenn das Bedrohliche ebenso wie das Faszinierende an der RAF entschlüsselt ist. Und dazu bedarf es jedoch noch erheblicher Anstrengungen.
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