Von Barbara Hans
Die Kritik, die der österreichischen Justiz angesichts des Berichts in der "Sun" entgegenschlägt, ist immens. Nicht zuletzt der Direktor des Jerusalemer Simon-Wiesenthal-Zentrums hat immer wieder deutliche Worte für das Verhalten Österreichs gefunden, das seiner Meinung nach die Auslieferung verhindert. "Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, wo sich die NS-Verbrecher aufhalten. Das Problem ist, dass die Auslieferungen an dem Willen der Regierungen scheitern", sagte Efraim Zuroff SPIEGEL ONLINE.
Österreich sei ein "schwarzes Loch" in Bezug auf die Verfolgung der Nazi-Verbrecher. Man habe dort über Jahrzehnte keinen Nazi vor Gericht gestellt und verurteilt - was nicht an einem Mangel an Nazis liege. "Die NS-Verbrecher werden nicht verfolgt, weil immer noch viel zu viele Menschen mit den Ideen der Nazis sympathisieren und die Politiker Angst haben, Zuspruch zu verlieren."
In Österreich sieht man sich zu Unrecht verurteilt und gibt sich emotional. "Uns tut dieser Vorwurf weh und wir weisen ihn zurück", sagt Gerichtssprecher Herrenhofer. "Wir sind als Land keine Nazi-Herberge."
Auch im Justizministerium betont man die Errungenschaften bei der Verfolgung von NS-Tätern. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes habe man eine Ergreifungsprämie auf die Nationalsozialisten Aribert Heim und Alois Brunner ausgesetzt, sagte Ministeriumssprecher Thomas Geiblinger SPIEGEL ONLINE. Beide stehen ganz oben auf der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums. Der als "Dr. Tod" bekannte Heim, weil er in verschiedenen Konzentrationslagern Hunderte Häftlinge auf brutalste Art umgebracht haben soll; Brunner, weil man ihm vorwirft, innerhalb von drei Jahren 180.000 Menschen deportiert und ihre Ermordung angeordnet zu haben. Beide sind untergetaucht.
"Die Hände gebunden"
"Für uns ist das alles sehr bedauerlich, aber auch für Herrn Asner kann das Gesetz nicht umgeschrieben werden", sagt Ministeriumssprecher Geiblinger. "Wir zerren jemanden, der schwer dement ist, nicht vor Gericht." Im Falle des 95-Jährigen seien Österreich "die Hände gebunden".
Dem Journalisten der "Sun" konnte Asner jedoch detailliert aus der Lebensgeschichte seines Vaters berichten und auch aus seiner eigenen Jugend. "Ich habe ein reines Gewissen, ich kann mich jedem Gericht stellen", sagte er. "Ich würde mich freuen, mich vor einem kroatischen Gericht wegen dieser Anschuldigungen zu verteidigen. Ich habe mit all dem nichts zu tun."
Für die angespannten Gemüter der österreichischen Justiz wirken jene Worte wenig besänftigend: "Niemand hindert ihn daran, zu fahren. Er kann sich jederzeit ausliefern lassen", sagt Gerichtssprecher Herrenhofer hörbar erbost. "Wir hindern ihn bestimmt nicht."
Dennoch: Die Fotos, die Asner gemeinsam mit seiner Frau auf der Fanmeile zeigen, könnten doch noch Folgen haben. In Österreich fühlt man sich provoziert: durch die Kritik des Simon-Wiesenthal-Zentrums und den Zynismus des alten Mannes, den man lieber jenseits der Grenze wissen würde. Der zuständige Staatsanwalt Helmut Jamnig sagte SPIEGEL ONLINE, man habe dem Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung einen neuen Ermittlungsauftrag erteilt. Asners "gegenwärtige Konstitution" soll überprüft und festgestellt werden, ob Asner dement ist oder nicht - zum vierten Mal binnen weniger Monate.
"Willkommene Entschuldigung"
Historiker Zuroff sieht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht: Dem Reden der Österreicher über Paragrafen der Strafprozessordnung setzt er das Gewissen der Weltgemeinschaft entgegen.
Krankheiten seien für Regierungen immer wieder eine "willkommene Entschuldigung", um die Auslieferung mutmaßlicher NS-Täter zu verhindern. Der Artikel in der "Sun" trage dazu bei, die "Behörden zu blamieren, die die Täter decken" und "Druck auszuüben". "Wo Asner sich aufhielt, war schon lange bekannt. Aber dass er in einem guten gesundheitlichen Zustand ist, ist neu", sagt Zuroff. "Das ist mehr als problematisch: Er genießt das Leben und seine Opfer leiden noch immer - oder mussten seinetwegen sterben."
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