Von Barbara Hans
Hamburg - Strafverfahren 373/86 versprach Großes. Es sollte eine Reprise des Eichmann-Prozesses werden; es sollte einen Teil des Unrechts sühnen, das die Nazis den Juden im Zweiten Weltkrieg zugefügt hatten. Am 25. April 1988 wurde Iwan Demjanjuk von einem Jerusalemer Bezirksgericht zum Tode verurteilt. Die Menschen fielen sich bei der Urteilsverkündung im Gerichtssaal vor Freude in die Arme, tanzten.
In dem 17 Monate dauernden Prozess hatten fünf Überlebende des Konzentrationslagers Treblinka in Demjanjuk den KZ-Wärter "Iwan den Schrecklichen" wiedererkannt, der Frauen die Brüste abschnitt und einen Leichenträger mit einer Peitsche gezwungen hatte, eine Zwölfjährige zu vergewaltigen. Als SS-Wachmann soll "Iwan der Schreckliche" 1942/43 an der Ermordung von 875.000 Juden beteiligt gewesen sein.
Doch die Strafe wurde nie vollzogen, Demjanjuk nicht gehängt. Der 88-Jährige lebt noch heute in einem Vorort von Cleveland im US-Bundesstaat Ohio.
Ein neuer Prozess - nicht in Israel, sondern in Deutschland
In einem über sechsjährigen Revisionsprozess hat das Oberste Gericht Israels Demjanjuk im Juli 1993 freigesprochen. Aus dem Prozess, der als historisches Lehrstück inszeniert und von Radio und Fernsehen live übertragen worden war, wurde ein für Israel schmerzlicher Freispruch.
Die Obersten Richter hatten "begründete Zweifel" an der Identität des berüchtigten Wärters. War Iwan Demjanjuk tatsächlich "Iwan der Schreckliche", von dessen Greueltaten Häftlinge aus Treblinka berichteten? Die mehr als 500 Seiten starke Begründung des Freispruchs schließt mit den Worten: Wachmann Demjanjuk sei freigesprochen worden, weil Zweifel bestünden, ob er für die fürchterlichen Taten verantwortlich sei, die "Iwan dem Schrecklichen" zur Last gelegt werden. Und: "Die völlige Wahrheit zu finden, ist nicht die Aufgabe der menschlichen Richter."
Nach seinem Freispruch kehrte Demjanjuk in die USA zurück, in die er 1952 emigriert war. Bei seiner Einreise hatte er damals angegeben, nach der Schlacht von Kertsch in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten zu sein. Dass er sich zu Hilfsdiensten für die SS gemeldet hatte und in verschiedenen Konzentrationslagern als Helfer der Nazis - sogenannter "Hilfswilliger" - an der Ermordung Tausender Juden beteiligt war, verschwieg Demjanjuk.
Aus diesem Grund hat ihm der Supreme Court die US-amerikanische Staatsbürgerschaft entzogen, und am 18. Mai war Demjanjuks Einspruch gegen die Abschiebung endgültig gescheitert - loswerden will ihn die Regierung in Washington allerdings schon lange. Das erste Mal hatte man ihm die Staatsbürgerschaft bereits 1981 aberkannt. Doch bislang hat sich kein Land bereit erklärt, Demjanjuk aufzunehmen. Das könnte sich nun ändern - und Demjanjuk schon bald vor einem deutschen Richter stehen.
Die Nazi-Jäger in Ludwigsburg ermitteln
Denn die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hat gegen den fast 90-Jährigen ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet. Inhalt sind nicht Demjanjuks vermeintliche Taten in Treblinka, sondern seine mögliche Beteiligung an Mordtaten im Vernichtungslager Sobibor. Laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum ist Demjanjuk die Nummer zwei auf der Liste der meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher
"Meine Mitarbeiter sind am vergangenen Freitag aus Washington zurückgekehrt, wo sie im Office of Special Investigations und im Holocaust Memorial Museum Dokumente gesichtet haben", sagte Behördenleiter Kurt Schrimm SPIEGEL ONLINE. "Meine Mitarbeiter, ein Richter und eine Richterin sind guten Mutes, dass eine Anklage Erfolg haben könnte."
Bei den mehr als tausend Seiten Papier handelt es sich laut Schrimm um deutsche Originalunterlagen, die Soldaten der Roten Armee im und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Hände gefallen sind und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zum Teil auch den amerikanischen Archiven in Washington zugänglich gemacht worden sind.
"Nach unserem jetzigen Kenntnisstand legen einige Dokumente nahe, dass Demjanjuk als Aufseher in den Tötungsvorgang einbezogen und an der Ermordung der Insassen beteiligt gewesen ist", sagte Schrimm. Unter anderem umfassten die erst in jüngster Zeit zugänglich gemachten Unterlagen Listen mit den Namen der Häftlinge, Dienstausweisen und auch Informationen zu den Personalverschiebungen zwischen den Vernichtungslagern. Die Dokumente könnten belegen, wann Demjanjuk sich wo aufhielt. "Wir hoffen darüber hinaus natürlich, auf diesem Wege auch Zeugen oder Angehörige von Zeugen zu finden."
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