Von Jan Friedmann
Hamburg - Die Vorwürfe gegen Iwan "John" Demjanjuk wiegen schwer. Deutsche Ermittler sehen es als erwiesen an, dass er als Aufseher im Vernichtungslager Sobibór zwischen März und September 1943 an der Ermordung von "mindestens 29.000 Menschen jüdischen Glaubens" mitgewirkt hat, darunter an 1939 Deutschen. Nun hat die Münchner Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen ihn erlassen - weshalb die Vorwürfe demnächst vor dem Schwurgericht der Landgerichts München II verhandelt werden können: in dem womöglich letzten großen Nazi-Kriegsverbrecherprozess in Deutschland.
Demjanjuk wird vom Simon-Wiesenthal-Zentrum als Nummer zwei auf der Liste der noch lebenden Nazi-Verbrecher geführt. Gleich hinter dem KZ-Arzt Aribert Heim, dessen Tod kürzlich von ZDF und "New York Times" gemeldet worden war - wobei das Wiesenthal-Zentrum die vorgelegten Beweise noch anzweifelt. Wäre Heim wirklich tot, dann wäre Demjanjuk die Nummer eins auf der Liste.
Der 88-Jährige lebt derzeit in einem Vorort von Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. Er könnte durch den Haftbefehl schon innerhalb der kommenden Tage nach Deutschland überstellt werden. Die US-Behörden dürfen ihn jederzeit in ein Flugzeug setzen - denn Demjanjuk hat keine rechtliche Handhabe mehr, um gegen seine Auslieferung anzugehen. Die US-Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt, im Mai 2008 wies der oberste US-Gerichtshof den Einspruch Demjanjuks zurück.
Jahrzehntelanges Justizdrama
Die deutschen Ermittlungen gegen Demjanjuk hatten in den vergangenen Wochen viel Aufmerksamkeit erfahren, weil sie ein Justizdrama fortsetzen, das nun schon drei Jahrzehnte währt und Juristen auf mehreren Kontinenten beschäftigte. Die USA hatten Demjanjuk schon vor zwei Jahrzehnten für ein Verfahren an ein anderes Land ausgeliefert. Israel verurteilte ihn wegen einer vorgeblichen Tätigkeit im Vernichtungslager Treblinka zunächst zum Tode. Doch das Urteil wurde aufgehoben: Es stellte sich heraus, dass Demjanjuk gar nicht "Iwan der Schreckliche" war, der Herr über die Gaskammern in Treblinka - sondern stattdessen wahrscheinlich Wärter in Sobibór.
Mehreren Archivdokumenten zufolge gehörte Demjanjuk zu den sogenannten Trawnikis, einer Schar von rund 5000 "fremdvölkischen Hilfswilligen", die für die Nazis die Drecksarbeit in den eroberten Gebieten in Osteuropa machten. Stationiert im Ausbildungslager Trawniki in der Nähe von Lublin, rückten sie zu zeitlich begrenzten Einsätzen aus, unter anderem um Juden-Ghettos zu räumen oder Vernichtungslager zu bewachen.
Die deutschen Ermittler glauben, inzwischen wasserdichte Beweise dafür gesammelt zu haben, dass Demjanjuk in Sobibór war. Der Haftbefehl des Amtsgerichts München auf Antrag der Staatsanwaltschaft fußt in wesentlichen Teilen auf einem Vorermittlungsverfahren der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen im baden-württembergischen Ludwigsburg. Dort hatten zwei Ermittler über Monate hinweg Indizien aus den verstreuten Akten zusammengetragen.
Dienstausweis ist echt
Als wesentliches Hindernis für eine Auslieferung galt wochenlang die Diskussion, ob eines der zentralen Beweisstücke - Demjanjuks Dienstausweis mit der Nummer 1393 - tatsächlich echt ist. Im Umfeld eines früheren Verfahrens hatten Angehörige des Bundeskriminalamtes an dem Ausweis eine Reihe von Auffälligkeiten festgestellt.
Der Chefermittler des amerikanischen "Office of Special Investigations", Eli Rosenbaum, reiste deshalb im Februar mit dem bereits in den USA mehrfach geprüften und für echt befundenen Archivdokument nach Deutschland. Es wurde Experten des bayerischen Landeskriminalamtes für weitere forensische Untersuchungen zur Verfügung gestellt. Ein erster Befund ergab schon damals, der Ausweis sei echt.
Die Staatsanwaltschaft München wollte aber das abschließende schriftliche Gutachten abwarten. Dieses liegt nun vor - und es bestätigt laut Münchener Staatsanwaltschaft, "dass der Dienstausweis mit dem Vergleichsmaterial übereinstimmt und daher authentisch ist".
Demjanjuk hat die Vorwürfe gegen sich stets bestritten. Bei einem Besuch des SPIEGEL an Demjanjuks Wohnort in der vergangenen Woche sagte seine Frau Vera, die Familie habe nicht die Kraft und Reserven für einen neuen Prozess - schon gar nicht im fernen Deutschland. "Wir sind arm und haben kein Geld."
Demjanjuks Sohn John Junior sagt, sein Vater sei "sehr gebrechlich". Er leide an einer "Blut- und Knochenmarkkrankheit" und müsse deswegen einige Male pro Monat ins Krankenhaus. Er brauche regelmäßig Bluttransfusionen. Ein Nachbar hat Demjanjuk aber kürzlich bei körperlicher Arbeit im Freien beobachtet.
Die Staatsanwaltschaft München teilte mit, das weitere Vorgehen erfolge "in enger Abstimmung mit der Bundesregierung". Sobald Demjanjuk in Deutschland sei, wolle man "ihn als Beschuldigen vernehmen und voraussichtlich anschließend Anklage" erheben.
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