AK-47 Geburtstag einer Todesmaschine

Kein Gewehr ist weiter verbreitet, mit keinem haben Menschen öfter getötet als mit der AK-47, besser bekannt unter dem Namen ihres Erfinders Michail Kalaschnikow. Vor 60 Jahren wurde das erste Exemplar gebaut, was in Moskau pompös gefeiert wurde.

Von Simone Schlindwein


"Wenn die Deutschen nicht gewesen wären, wäre ich kein Waffenkonstrukteur geworden", sagt Michail Timofejewitsch Kalaschnikow. Er ist der Vater des meistverkauften Exportprodukts der Sowjetunion und Russlands. Der 87-Jährige steht ganz im Mittelpunkt, während in Moskau die pompösen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Sturmgewehres beginnen. Marschmusik, Feuerwerk und Kanonenschüsse dröhnen zum Auftakt in den Moskauer Himmel.

Russland feiert die AK-47. Das ist die Abkürzung der russischen Bezeichnung "Awtomat Kalaschnikowa obrasza 1947", was soviel heißt wie "Muster des Automats von Kalaschnikow aus dem Jahr 1947". Den ersten Prototypen übergibt Kalaschnikow voller Stolz dem Museum der sowjetischen Streitkräfte als Ausstellungsstück. Es ist sein Lebenswerk.

Doch die große Geste des alten, tattrigen Waffenkonstrukteurs ist im Grunde genommen reine PR, veranstaltet von Russlands größter Waffenexportfirma Rosoboronexport. Kalaschnikow ist nur die Schaufensterfigur für eine Institution, die nicht gern selbst in der Öffentlichkeit steht. Der staatliche Konzern ist nämlich eng verbandelt mit dem russischen Auslandsnachrichtendienst SWR, dem Nachfolger der Auslandsabteilung des KGB. Noch dazu ist Rosoboronexport-Chef Sergej Tschemesow ein früherer Geheimdienstkollege von Präsident Wladimir Putin. Sie kennen sich aus DDR-Zeiten. Gemeinsam waren sie dort in den achtziger Jahren im Einsatz.

Mit keinem Gewehr wurden mehr Menschen getötet

Es ist eine Geschichte voller Superlative, die an diesem sechzigsten Jahrestag der AK-47 präsentiert wird. Kein Wort darüber, dass die "Kalaschnikow" und deren Nachfolgemodelle das meistgebrauchte Gewehr der Welt ist, mit dem insgesamt mehr Menschen umgebracht wurden als mit der Atombombe. In fast allen Kriegen der Welt kam es seit den fünfziger Jahren zum Einsatz: in Korea, Vietnam, Afghanistan, Kongo, Mosambik, Sierra Leone, auf dem Balkan – die Liste lässt sich ins Unendliche fortsetzen. Auch DDR-Grenzer haben an der deutsch-deutschen Grenze Flüchtlinge mit der AK-47 erschossen.

Fragt man Michail Kalaschnikow nach seinem Gewissen, so antwortet er: "Ich habe doch mein Vaterland verteidigt. Ich bin ein Patriot." Und so denken auch die russischen Soldaten, die die Feierlichkeiten im strengen Gleichschritt begleiten: "Er ist unser Held, natürlich!"

Die Marketingabteilung von Rosoboronexport hat Kalaschnikow vorgeschoben, um möglichst viele internationale Journalisten zur Veranstaltung zu locken. So läuft auch zuerst ein 20-minütiger Werbefilm über die Produktion in der Waffenschmiede im Ural. Erst nach einer überschwenglichen Ansprache des Rosoboronexport-Vertreters über die heldenhaften Leistungen Kalaschnikows für das Vaterland darf dann der gebrechliche Vorzeigeheld mit zittrigen Händen und gebrochener Stimme aus seinem Leben erzählen.

"Ich musste meinen Kameraden da draußen helfen"

Die Deutschen, so sagt er, haben in seinem Leben immer wieder eine entscheidende Rolle gespielt: Zuerst habe der Angriff auf die Sowjetunion verhindert, dass er Ingenieurstechnik studiere. Dann sei er im Krieg als Panzerkommandant von einer deutschen Kugel getroffen und schwer verwundet worden.

"Die Deutschen hatten ja schon automatische Waffen. Damals, 1941", erklärt er plötzlich ganz aufgeregt. Im Lazarett habe er einen Entschluss gefasst. Mühsam habe er sich Materialien und Werkzeug zusammengesucht: "Ich musste doch meinen Kameraden da draußen helfen!"

Der Autodidakt Kalaschnikow fing an, das erste sowjetische Sturmgewehr zu basteln. 1944 schickte er seinen Vorschlag an das Institut für Kriegstechnik in Moskau. "Nach drei Tagen bekam ich einen Brief. In dem stand, dass mein Gewehr das schönste gewesen sei", sagt er mit einem stolzen Lächeln. "Dabei hatte ich nicht einmal Patronen auftreiben können, um auszuprobieren, ob es auch wirklich funktionierte."

Weltweit bis zu 100 Millionen AK-47

So stieg Kalaschnikow nach Kriegsende schnell zum führenden Waffenkonstrukteur auf, erhielt zwei sowjetische Heldenorden der Arbeit, die er auch bei den Feierlichkeiten am Revers trägt. Auch den Stalinpreis und den Leninorden, die höchsten Auszeichnungen der Sowjetunion, hat Kalaschnikow bekommen. In seinem Konstrukteursbüro in der Waffenschmiede im Ural waren Zwangsarbeiter aus Deutschland im Einsatz, als die Serienproduktion 1947 in Gang kam. Produziert werden die Sturmgewehre dort bis heute. In derselben beschaulichen Stadt Ischewsk, von wo aus sie den Weltmarkt eroberten.

Es wird geschätzt, dass heute bis zu 100 Millionen AK-47 weltweit im Umlauf sind. Der Großteil stammt aus sowjetischer, später russischer Produktion. Einige Länder des ehemaligen Warschauer Paktes besitzen Lizenzen, Nachahmermodelle zu fertigen. Fast 60 Armeen rüsten noch immer ihre Soldaten damit aus. Damit ist die AK-47 das mit Abstand am weitesten verbreitete Sturmgewehr der Welt. Und es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Begriff, der als "assault rifle" auch ins Englische Einzug hielt, von der Nazi-Propaganda erfunden wurde - als Bezeichnung für das weltweit erste Gewehr dieser Art, das 1944 eingeführte "Sturmgewehr 44".

Die Kalaschnikow ist in Russland nach wie vor ein Symbol für den Patriotismus. Doch anderswo steht sie vor allem für Bürgerkrieg, Befreiungskampf und Terrorismus. Die enorme Widerstandsfähigkeit der AK-47 bei Regen, Schlamm, Sand und Schnee macht sie zur liebsten Waffe der Rebellenbewegung. Aus einem einfach Grund: Sie ist billig und schlichtweg unkaputtbar. Im Kongo werden heute noch Modelle aus den fünfziger Jahren auf dem Schwarzmarkt verkauft. Die Kindersoldaten, die damit ausgerüstet werden, sind oft nicht größer und werden auch nicht älter als das Gewehr, das sie stolz über den Schultern tragen.

Prestigeobjekt für Terroristen

Auch Terroristen schmücken sich gerne mit der "Kalaschnikow". Ob Hamas-Aktivisten, Aufständische im Irak oder Osama Bin Laden: Die "Kalaschnikow" gehört zum Standard-Motiv martialischer Bilder. Die AK-47 wurde gar zur einzigen Waffe, die jemals in Staatsembleme aufgenommen wurde: Sie ist auf denen von Mosambik, Osttimor und Zimbabwe zu sehen. Auch die libanesische Hisbollah führt sie in ihrem Wappen.

Die Waffe, die ursprünglich zur Verteidigung der Sowjetunion gebaut worden, wird 60 Jahre später vor allem in denjenigen Kriegen eingesetzt, die nicht zwischen Staaten geführt werden. In den Kriegen, die jenseits der internationalen Regeln stattfinden. Wie eine Studie der Federation of American Scientists besagt, kann eine Uno-Konvention über die Nichtverbreitung von Handfeuerwaffen ein entscheidender Schritt sein, internationale Terrororganisationen vom Nachschub abzuschneiden. Doch hier stellen sich besonders die beiden Vorreiterstaaten im Kampf gegen den Terrorismus quer: die USA und Russland.



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