Bilder des Zweiten Weltkrieges: Hitler in Farbe

Der Zweite Weltkrieg war der erste umfassend fotografierte Krieg der Geschichte. Das heute erscheinende SPIEGEL-Buch "Bilder des Zweiten Weltkrieges" dokumentiert über 70 bislang noch nie veröffentlichte Farbbilder. SPIEGEL ONLINE zeigt exklusiv eine Auswahl der Fotografien.

Hitler inmitten österreichischer Mädchen: Eine Aufnahme des Fotografen Hugo Jaeger
TIME LIFE PICTURES

Hitler inmitten österreichischer Mädchen: Eine Aufnahme des Fotografen Hugo Jaeger

Hamburg - Wenn die Medien einen großen Sprung machen, bedarf es gewöhnlich einer bahnbrechenden technischen Innovation. Der Vater der weltweiten Revolution der Fotografie in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hieß Oskar Barnack und arbeitete als Ingenieur bei der deutschen Optikfirma Leitz in Wetzlar. Bereits 1913 hatte er den Prototyp einer Kleinbildkamera gebaut, doch es sollte noch bis 1924 dauern, bis die "Leica" in Serienproduktion ging.

Dann freilich war der Erfolg dieser - im Vergleich zu den bis dahin üblichen Plattenkameras extrem handlichen Kamera - enorm. Bald brachte auch Zeiss Ikon eine Kleinbildkamera namens Contax auf den Markt, und weitere Hersteller folgten mit preiswerteren Modellen. Aber die meisten professionellen Fotografen arbeiteten im Zweiten Weltkrieg mit der geliebten Leica.

Parallel dazu setzte sich - ebenfalls von Deutschland ausgehend - ein neuer Zeitschriftentypus durch, die Illustrierte mit ausführlichen Fotoreportagen. Schnell erreichten die "Berliner Illustrirte", die "Picture Post", "Vu" oder "Life" Millionenauflagen.

Aufgrund dieser Entwicklungen wurde der Zweite Weltkrieg zum ersten umfassend fotografierten Krieg der Geschichte. Auch wenn sich dies nur grob schätzen lässt, dürften in den Jahren zwischen 1939 und 1945 insgesamt über 40 Millionen Kriegsfotos aufgenommen worden sein.

"Bilder des 2. Weltkriegs": Ab heute im Buchhandel oder im SPIEGEL-Shop erhältlich

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Allein die Zahl der ausschließlich zur internen militärischen Verwendung gemachten Luftbilder liegt bei knapp 30 Millionen. Die Propagandakompanien der Wehrmacht haben rund zwei Millionen Negative hinterlassen, im Londoner Imperial War Museum lagern rund drei Millionen Negative. Hinzu kommen noch private Erinnerungsbilder von Millionen Soldaten, die ihre Kamera mit an die Front nahmen.

Fotos dienen im Krieg stets der Propaganda; im Zweiten Weltkrieg waren die Fotografen aller beteiligten Staaten - wie nie zuvor und seitdem nicht mehr - ein integraler Teil der Kriegsmaschine. Die Kamera wurde zur Waffe. Und falls doch Bilder gemacht wurden, die nicht in die Propaganda passten, fielen sie der auf allen Seiten strikten Zensur zum Opfer. Deshalb sollte sich der Betrachter einer Fotografie aus dem Zweiten Weltkrieg stets die Frage stellen: Wer hat sie wo und wann mit welcher Absicht gemacht?

Schließlich wurde hemmungslos inszeniert und gefälscht. So ist das Symbolbild der amerikanischen Kriegsfotografie schlechthin, die Aufnahme von US-Soldaten, die im Februar 1945 auf der Pazifikinsel Iwo Jima ein Sternenbanner aufrichten, ein Fälschung. Da die ein paar Stunden zuvor aufgepflanzte Fahne sehr klein war, machte ein Fotograf der Presseagentur AP das symbolträchtige Bild noch einmal mit einem eindrucksvolleren Sternenbanner.

Michael Sontheimer: Jahrelange Vorarbeit
DER SPIEGEL

Michael Sontheimer: Jahrelange Vorarbeit

Auch die entsprechende russische Ikone, der Rotarmist, der Anfang Mai im eroberten Berlin auf dem Reichstag eine sowjetische Fahne hisst, inszenierte der Fotograf erst einen Tag nach der Erstürmung des Gebäudes.

Diese beiden Fotos sind Schwarz-Weiß-Fotos, wie ohnehin das Bild des Zweiten Weltkriegs, das wir bislang in den Köpfen haben, schwarz-weiß ist. Das hat den schlichten Grund, dass der Großteil der Fotos, die im Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurden mit Schwarz-Weiß-Filmen gemacht wurde. Die Fotografen der Roten Armee etwa hatten gar keine Farbfilme.

In Deutschland allerdings kamen die in den USA entwickelten Kodachrome-Filme 1936 auf den Markt, nur ein Jahr später bot die zur IG Farben gehörende Agfa den Farbfilm Agfacolor an. Von deutschen, britischen und amerikanischen Fotografen sind deshalb Hunderttausende Farbfotos aus dem Zweiten Weltkrieg erhalten.

Dass Farbfotos sich durch eine größere Wirklichkeitsnähe auszeichnen, demonstriert das in diesen Tagen erschienene von SPIEGEL-Redakteur Michael Sontheimer herausgegebene Buch "Bilder des Zweiten Weltkriegs". Es baut auf jahrelanger Vorarbeit des SPIEGEL-Bildredakteurs Claus-Dieter Schmidt auf, der sich auf zeitgeschichtliche Fotodokumente spezialisiert hat und in öffentlichen Archiven, bei kommerziellen Agenturen und in privaten Sammlungen bislang unbekannte oder in Vergessenheit geratene Fotos zu Tage fördert.

Welch bizarre Wege dabei Fotos gehen können, zeigt die Geschichte Hugo Jaegers. Während Hitlers alter Münchner Hausfotograf Heinrich Hoffmann das öffentliche Bild des Diktators in schwarz-weiß prägte, hatte sich Jaeger darauf spezialisiert, die großen Propaganda-Spektakel der Nazis und den "Führer" in Farbe abzulichten.

Als der Endsieg sich als Illusion erwiesen hatte, verpackte Jaeger sein angesichts des bevorstehenden Einmarsches der Alliierten höchst brisantes Material sorgfältig in Einmachgläser und vergrub es. Erst im Jahre 1970 verkaufte er rund 2000 Dias an das amerikanische Magazin "Life", das einige der besten Fotos von Hitler veröffentlichte. Dann geriet das Material, das inzwischen bei der amerikanischen Bildagentur Gettyimages liegt, in Vergessenheit. Zu Unrecht, denn Jaegers in dem Buch veröffentlichte Farbbilder illustrieren eindrücklich die hypnotische Kraft der Nazi-Spektakel und die Kreation des "Führermythos", von dem sich die Mehrheit der Deutschen verführen ließ.

Der Fotoband "Bilder des Zweiten Weltkrieges" wird vom DVA und dem SPIEGEL-Buchverlag herausgebracht. Er ist ab heute im Buchhandel oder im SPIEGEL-Shop erhältlich

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