Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Ein solches Spektakel hatte Gibsland, ein Örtchen im verschlafenen Südwesten Louisianas, noch nicht gesehen. Väter brachten ihre Söhne, Mütter ihre Töchter, Reporter rasten über die staubigen Wege heran. Alle starrten neugierig auf den Ford V8, der auf einer Landstraße nahe am Ortseingang stand, durchsiebt von Einschüssen. Drinnen zusammengesunken der Körper einer jungen Frau und eines jungen Mannes, zerfetzt von Kugeln. Vielen Kugeln. Mehr als 50, aus den Waffen einer kleinen Polizeiarmee, flüsterten die Schaulustigen.
Es waren die Leichen von Bonnie Parker, 23, und Clyde Barrow, 25. Gestorben am 23. Mai 1934. Doch Nachnamen und Daten spielten bald schon keine Rolle mehr - die Toten lebten zeitlos fort als Bonnie und Clyde. Mit ihrem Hollywood-reifen Ableben im Polizei-Hinterhalt hatte das Gangsterpärchen erreicht, wovon es ein Leben lang träumte: Ruhm, Schlagzeilen, Aufmerksamkeit.
Als die beiden in den zwei Jahren vor ihrem blutigen Ende kreuz und quer durch den Mittleren Westen der USA rasten und bei Bankrauben und Raubüberfällen bis zu 13 Leute töteten, posierten sie am liebsten für Fotos von sich selbst. Bonnie verfasste schwülstige Poesie über ihre Baller-Abenteuer.
Nun, im Tod, waren sie endlich Stars geworden. Zu Bonnies Beerdigung kamen 20.000 Schaulustige. Das Auto, in dem das Duo starb, landete in einem Museum bei Las Vegas. Die ersten Filme folgten rasch, dann Theaterstücke, dann Musicals, dann Bücher. Und der Mythos wuchs stetig. Das neueste Buch über das Bankräuber-Pärchen heißt: "Die Leben hinter der Legende". Zum 75. Jahrestag an diesem Samstag wird der Polizei-Hinterhalt in Gibsland nachgestellt, Tausende Zuschauer haben sich angesagt.
Dabei war das Leben von Bonnie und Clyde lange eher ein C-Movie. Beide waren kleingewachsen, sie 147 Zentimeter, er kaum größer. Noch kleiner waren die Verhältnisse in Dallas, wo beide aufwuchsen. Clyde schlug sich durch als ein Trickbetrüger, Bonnie hatte schon als Teenager geheiratet. Nun musste sie jeden Morgen entscheiden, ob sie sich beim Babysitten oder beim Lesen von Magazinen langweilen sollte. Deren bunten Seiten verschlang sie, dort fand sie alles, wovon sie träumte: Glamour, Geld, Aufregung.
Bonnie schmuggelte Clyde eine Waffe in den Knast
Als Bonnie Clyde im Januar 1930 auf einer Party traf, schien der all das zu bieten. Zumindest große Ambitionen. So groß, dass er seinen Mittelnamen Chestnut in Champion geändert hatte. Bald landete Champion aber im Knast, wegen kleiner Vergehen, doch Bonnie wartete. Sie schmuggelte ihm eine Pistole hinter Gitter, er brach aus - nur um ein paar Wochen später wieder geschnappt zu werden. Aber 1932 kam er raus, und ein paar Wochen später hatte er eine kleine Bande zusammen: die "Barrow Gang", bis zu neun Köpfe stark.
Allzu viel kann in diesen Köpfen aber nicht vorgegangen sein. Die Banden-Mitglieder folgten zwei Jahre lang einem simplen Schema: Sie kreuzten mit Autos kreuz und quer durch den staubigen Mittleren Westen. Ging ihnen das Geld aus, raubten sie neues: in Drogerien, Tankstellen, ab und an in Banken. Wer sein Geld nicht hergeben wollte, musste mit Schüssen rechnen. Bonnie selbst schoss wohl nie, aber sie soll verdammt gut im Nachladen gewesen sein.
Am Ende fuhr die ganze Bande immer heim zur Familie, nach Dallas. Bonnies Mutter flehte ihre Tochter dann an, von diesem Clyde doch die Finger zu lassen, sonst werde sie sterben. Ohne ihn werde sie aber in jedem Fall sterben, so Bonnies trotzige Antwort.
Zum Mythos reicht so eine blutige kleine Liebesgeschichte eigentlich nicht. Doch Bonnie und Clyde waren wenigstens beim Timing erste Klasse. 1934 ging in die US-Geschichte als "Year of the Gangster" ein. John Dillinger, ein weit gefährlicherer und geschickterer Bankräuber als das Baller-Pärchen, wurde im ganzen Land gejagt. Als das FBI dann sowohl Dillinger als auch Bonnie und Clyde kurz nacheinander zur Strecke brachte, war der Mythos der Polizeibehörde begründet - und so hatten die Beamten selbst Interesse daran, die beiden Amateur-Bankräuber als ganz gefährliches Duo darzustellen.
Verewigt hat diesen Mythos dann Hollywood. 1967 produzierte Sex-Symbol Warren Beatty, gerade 28, den Film "Bonnie and Clyde", er spielte auch den Bankräuber. Die geheimnisvolle Neuentdeckung Faye Dunaway verkörperte Bonnie, und noch nie hatte Gewalt auf der Leinwand so sexy ausgesehen. Ein Werbeslogan für den Film hieß: "Sie sind jung, sie sind verliebt - sie töten Leute." "Radical chic" nannten Kritiker das Werk, das "Time"-Magazin ließ Robert Rauschenberg ein "Bonnie und Clyde"-Titelbild gestalten, Essayist Stefan Kanfer schrieb: "Das neue Kino: Gewalt. Sex. Kunst."
"Das Potential für solche Gewalt steckt noch immer in uns"
Zehnmal wurde der Film für den Oscar nominiert. Er gewann nur zwei, doch kurz vor den 68er-Protesten avancierte das ziellose Herumtreiber-Pärchen zum Sinnbild mutiger Rebellion gegen Autoritäten - und Art Robin Hoods mit Schusswaffen.
In Beattys Film trifft Clyde auf einen Farmer, der Abschied nimmt von seinem Haus. Clyde leiht dem unglücklichen Pleitegeier seine Waffe, der feuert auf das Schild mit dem Aufdruck, dieses Haus sei nun Besitz der Bank. "Wir überfallen Banken", sagt Clyde beim Wegfahren, es klingt wie ein stolzes Glaubensbekenntnis.
Mitten in der Finanzkrise, da viele Amerikaner ihre Bankiers am liebsten kidnappen würden, wirken solche Szenen aktueller denn je. "Wir sehen Banken nun als große, furchtbare Institutionen, die uns Sachen wegnehmen, die wir eigentlich verdient haben", sagt Jeff Guin, Autor eines neuen Bonnie-and-Clyde-Buchs der "Washington Post". "Das Potential für solche Gewalt steckt noch immer in uns."
Also ist passend, dass gerade Dreharbeiten zu einem neuen Film beginnen, an den Originalschauplätzen. Die Macherin hat drei Jahrzehnte lang für diesen Film recherchiert, sie will die "wahre Geschichte" erzählen. Über Clydes Zeit im Gefängnis, seinen schlimmen Autounfall, bei dem seine Beine bis auf die Knochen versengt wurden, seinen Werdegang vom armen Schlucker zum Massenmörder.
Aber will man das so genau wissen? Etwa noch mehr Details dazu, dass Clyde wahrscheinlich impotent war? Dass das Baller-Duo sicher nicht immer gut gerochen hat nach den vielen Tagen im Auto?
Doch dem Mythos wird auch so ein Film wenig anhaben können. Pünktlich zum Todestag kursiert eine Geschichte von einem Pärchen aus Neuseeland, dem die Bank irrtümlich zehn Millionen Dollar mehr auf sein Konto überwies - die beiden machten sich sofort mit dem Großteil des Geldes aus dem Staub. Natürlich tauften die Medien sie rasch die neuseeländischen Bonnie und Clyde, Leute drücken ihnen unverhohlen die Daumen.
Noch sind sie nicht geschnappt. Sie müssen noch nicht einmal jemanden umlegen für den raschen Ruhm. Die echten Bonnie und Clyde könnten glatt ein wenig neidisch werden.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Zeitgeschichte | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH