Brisante Fundstücke Historiker streiten über angebliche Mussolini-Tagebücher

Sie wären eine Sensation - doch bisher ist völlig unklar, ob sie tatsächlich echt sind: Ein italienischer Senator hat angebliche Tagebücher des "Duce" präsentiert, die er von einem ehemaligen Partisanen bekommen haben will. Historiker geben sich zurückhaltend.

Von Michael Braun, Rom


Rom - "Die Deutschen, diese Hunde", wetterte der Tagebuchschreiber am 31. August 1939, einen Tag vor Hitlers Angriff auf Polen, "sie wollen nichts als den Krieg und basta." Viele Menschen, viele Politiker in Europa hätten damals diese Zeilen sofort unterschrieben. Und doch wären sie eine echte Sensation, wenn sie denn echt wären – denn niemand anders als Benito Mussolini soll sich derart rüde über das doch mit ihm verbündete Hitler-Deutschland geäußert haben.

Benito Mussolini: Partisan will Tagebücher "wie eine Reliquie gehütet" haben
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Benito Mussolini: Partisan will Tagebücher "wie eine Reliquie gehütet" haben

Gleich für fünf Jahre am Stück, 1935 bis 1939, sind jetzt angebliche Duce-Tagebücher aufgetaucht. Das jedenfalls behauptete am vergangenen Samstag der italienische Senator Marcello Dell’Utri, der zugleich erzählte, er habe in den letzten anderthalb Jahren die fünf Kladden eingesehen, Kopien gezogen, die Prüfung des Materials – Tinte und Papier – ebenso wie die graphologische Prüfung der Mussolini-Handschrift veranlasst und könne nun der Welt versichern: Die fünf Bände sind echt.

Auf das historisch hoch interessante Material sei er gestoßen, weil ihn "ein Antiquar angesprochen" habe. Der wusste von einem vor zwei Jahren verstorbenen Partisanen zu erzählen, der am 27. und 28. April 1945 dabei war, als der Duce von italienischen Widerstandskämpfern aufgegriffen und dann füsiliert wurde. Jener "Partisan Bill", der im wirklichen Leben Urbano Lazzaro hieß, brachte angeblich bei der Festnahme Mussolinis eine Tasche mit den Tagebüchern an sich und hütete sie, so Dell’Utri, sein ganzes Leben lang "wie eine Reliquie".

Vor zwei Jahren sei der mittlerweile in die Schweiz umgezogene Freiheitskämpfer verstorben, und seine Söhne wollten nun die Reliquie zu Geld machen. Er selbst habe das nötige Kleingeld nicht, aber er habe "einen italienischen Verlag kontaktiert, Sie können sich denken welchen".

"Tiefe Rührung" beim Lesen der Duce-Zeilen

Gemeint war das größte Verlagshaus Italiens: Mondadori. Das nämlich gehört Dell’Utris Busenfreund Silvio Berlusconi. Der schillernde Senator hatte seinem Chef nicht nur beim Aufbau von dessen TV-Imperium geholfen, sondern 1994 auch die Berlusconi-Partei Forza Italia binnen Monaten aus dem Boden gestampft. In all diesen Jahren hatte er aber, wenn man den Richtern von Palermo glauben darf, vor zweifelhaften Kontakten nicht zurückgeschreckt: Sie verurteilten ihn jedenfalls in erster Instanz wegen Unterstützung der Cosa Nostra zu neun Jahren Haft.

Fern der Niederungen von Politik und Mafia aber erwarb sich Dell’Utri in Italien zugleich den Ruf eines großen Bücherfreundes, der über eine der bestsortierten und wertvollsten Privatbibliotheken des Landes verfügt. Der Mann weiß historische Dokumente zu schätzen, und beim Lesen der Duce-Zeilen überkam ihn "eine tiefe Rührung", ja Dell’Utri meint, die Welt müsse nun ihr Bild vom italienischen Freund des Führers kräftig korrigieren.

Überraschend rabiater Ton gegenüber Hitler

Das meint auch Alessandra Mussolini, die Duce-Enkelin, die heute Chefin einer kleinen faschistischen Partei ist und unverdrossen Großvaters Namen verteidigt. Sie wurde von Dell’Utri schon früh in die angebliche Tagebuch-Sensation eingeweiht und freute sich über die Lektüre, weil da "ein anderer Benito" rüberkam: "Da drin steht das, was auch Oma Rachele immer vom Opa erzählte: seine harte Gegnerschaft gegen Hitler und die deutsche Macht, die den Krieg wollte, genauso wie kritische Bemerkungen gegenüber wichtigen Anführern des italienischen Faschismus." Kurz: für Alessandra Mussolini war ihr Vorfahr einfach "Opfer einer Situation".

Bloß geben das die wenigen von Marcello Dell’Utri bisher bekannt gemachten Tagebuch-Passagen nicht her. Überraschend ist höchstens der rabiate Ton gegenüber Hitler. Dass Mussolini 1939 Italien für noch nicht kriegsbereit hielt und das seinem Stahlpakt-Kumpel auch sagte, wissen die Historiker seit langem. Mit Friedensliebe hatte das nichts zu tun. Just in den neuralgischen Jahren 1935 bis 1939 überfiel Mussolini erst Abessinien und ließ auch Giftgas einsetzen, ehe er dann gemeinsam mit Hitler dem Putschisten Francisco Franco im spanischen Bürgerkrieg zur Seite sprang. Zu diesen Themenkomplexen gibt es bisher keine Textstellen.

Historiker warten auf neutrale Prüfung der Dokumente

Über Achille Starace, zeitweise Sekretär des Partito Nazionale Fascista, zieht Mussolini angeblich auch kräftig her, am 28. August 1939: "Starace wird vorstellig, mit seinen Meinungen zur Unerschrockenheit des italienischen Volkes, seiner Meinung nach dem Kriege zugeneigt. Er ist verrückt. Bis zu einem gewissen Punkt hat dieser Mann mich fast schon amüsiert mit seinen Sprüngen durch Feuerringe und all den andren Albereien, die er erfunden hat und die dann von feisten und lächerlichen Anführern des Faschismus nachgemacht wurden." Auch diese Zeilen können die Historiker kein bisschen überraschen: Starace galt schließlich als Lachnummer des Regimes, der auch von den meisten Faschisten verachtet wurde.

Entsprechend zurückhaltend geben sich fast alle italienischen Historiker. Sie warten auf eine neutrale Prüfung der Tagebücher. Einer von ihnen, Paolo Simonelli, weist nicht nur darauf hin, dass in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder vorgebliche Duce-Tagebücher aufgetaucht waren, er berichtet auch, wie der 1998 verstorbene Historiker Renzo De Felice zwei Jahre vor seinem Tod eine dieser Fälschungen enttarnte. Stutzig geworden, dass in den Eintragungen laufend von dem "schönen Wetter" in Rom die Rede war, sah er im Archiv des Wetterdienstes die fraglichen Tage nach – und so gut wie nie stimmten die Tagebuchberichte. Bisher ist nicht bekannt, ob Mussolini sich in den jetzt aufgetauchten Bänden erneut zu Regen und Sonnenschein äußert oder ob er das für Fälscher heikle Thema diesmal ausspart.



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